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Zwei Mal "Tatort" am Sonntag: Die lange Nacht des Grauens

Die Kölner "Tatort"-Folge "Franziska" musste aus Jugendschutz-Gründen ins Spätprogramm verlegt werden. Dadurch sendet die ARD heute Abend zwei Fälle, wie sie verschiedener kaum sein könnten.

Von Carsten Heidböhmer

An diesem Sonntagabend geht für die Kölner "Tatort"-Folge "Franziska" eine Odyssee zu Ende. Die ursprünglich für Juni letzten Jahres geplante Ausstrahlung des Films musste mehrfach verschoben werden. Zunächst wurde die Episode aus Jugendschutzgründen ins Spätprogramm verbannt - das hat es in der 43-jährigen Geschichte der Krimireihe noch nie gegeben.

Da jedoch nach dem 20.15 Uhr-"Tatort" zumeist Günther Jauch talkt, terminierten die Programmacher den Fall für den 15. Dezember. Doch dann kam die SPD dazwischen: Weil die Partei an diesem Tag das Ergebnis der Mitgliederbefragung zur Großen Koalition verkündete, musste Jauch doch noch ran. Und so haben die Zuschauer an diesem 5. Januar das Vergnügen, zwei "Tatort"-Premieren hintereinander zu sehen, auch das ein Novum. Zunächst ermittelt Joachim Król in seinem vorletzten Fall als Frankfurter Kommissar Frank Steier. Anschließend gibt die Kölner Assistentin Franziska (Tessa Mittelstaedt) ihre furiose Abschiedsvorstellung.

Wie weit darf ein "Tatort" gehen?

Die beiden Filme könnten unterschiedlicher kaum sein und zeigen sehr anschaulich die Spannbreite der Krimireihe auf, die sich aus derzeit 21 Ermittlerteams zusammensetzt. Die Unterschiede der einzelnen Filme bestehen nicht nur im Konzept der Teams - hier die albernen Münsteraner Prahl und Liefers, da die humorbefreite Maria Furtwänger; hier der abgedrehte Ulrich Tukur, dort der straighte Til Schweiger. Die Fälle unterscheiden sich auch im Realitätsgehalt - von den absurden Folgen aus Münster, Saarbrücken oder Wiesbaden bis hin zum Sozialrealismus à la Köln und Ludwigshafen.

Die Frage, die sich anhand der beiden an diesem Sonntag ausgestrahlten Fälle stellt, ist grundsätzlicher: Wie weit darf Fernsehunterhaltung unter dem "Tatort"-Label gehen? Wollen wir ausschließlich gemächliche Krimis mit einer Leiche sowie Kommissaren, die Verdächtige befragen und abschließend einen Täter präsentieren? Oder darf es auch mal hochdramatisches Spannungskino sein?

Nach Sichtung des Köln-"Tatorts" kann man die Entscheidung des WDR durchaus nachvollziehen, die Folge erst nach 22 Uhr auszustrahlen. Und das, obwohl der Film fast gänzlich ohne Blutvergießen oder Brutalität auskommt. Der Nervenkitzel entsteht im Kopf: Assistentin Franziska wird von einem verurteilten Triebtäter (Hinnerk Schönemann) als Geisel genommen - und muss um ihr Leben fürchten. Es ist ein kammerspielartiges Drama, bei dem ein intensives und klaustrophobisches Bedrohungsszenario aufgebaut wird. Nichts für schwache Nerven, und definitiv nicht jedermanns Geschmack. Und doch ein herausragender Film, wie man ihn selten zu sehen bekommt.

Solide Unterhaltung

Der zuvor ausgestrahlte Frankfurt-"Tatort" bedient da weitaus eher die Erwartungen an einen gediegenen Sonntagabendkrimi. Kommissar Steier muss erstmals ohne seine Kollegin Conny Mey (Nina Kunzendorf) ran, was ihm nicht gut bekommt. Nach einer durchzechten Nacht erwacht er auf einer Parkbank und beobachtet den Mord an einem Jogger. Als Tatzeuge darf er aber in diesem Fall aber nicht selbst ermitteln. Nicht sein einziges Ärgernis: Er bekommt zudem die unerfahrene Kommissarsanwärterin Linda Dräger (Alwara Höfels) zur Seite gestellt. Und dann trifft er noch seine Ex-Frau (Jenny Schily) wieder, die zu allem Überfluss von ihrem jungen Geliebten erzählt. Ein solider Fall, der - wie es beim "Tatort" inzwischen üblich ist - arg viel Privates in die Krimihandlung mischt.

Und welche Art "Tatort" wollen wir nun - den gediegenen oder den nervenaufreibenden? Klare Antwort: beide! Jeden Sonntag ein Entführungsdrama wäre definitiv zu viel. Aber ab und an dürfen die Fälle gerne unser Nervenkostüm beanspruchen - sofern sie so gut gemacht sind wie die Kölner Folge "Franziska". Ein stringentes Drehbuch, einfallsreiche Regie und erstklassige Schauspieler - wenn all das zusammenkommt, dann wird es ein gelungener Film. Egal ob biederer Wer-war-der-Mörder-Krimi oder Psychothriller.