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TV-Doku-Soap: Ach, du dickes Eiland!

Eigentlich nerven Frühjahrsdiäten im Fernsehen. Aber wie 21 schlagfertige Ostfriesen in der Doku-Soap "Jedes Kilo zählt! Eine Insel nimmt ab" abspecken, ist sogar richtig lustig. Doch die Insulaner sind es gewohnt, "die Schausteller im Freizeitpark Langeoog" zu geben.

Von Martina Sauermann

Langeoog in der Nordsee. "Haus der Insel". Außerhalb der Saison, in den Wintermonaten, blättert die einsame Dame an der Rezeption sonst gelangweilt in einer Illustrierten. In diesem Jahr ist alles anders: Das "Haus der Insel" ist zum Fernsehstudio mutiert. 21 Waagen stehen in Reih und Glied. 21 dicke Ostfriesen springen auf ihre persönliche Waage mit Namensschild. Sie schwitzen im grellen Scheinwerferlicht. Die Männer schleppen Kugelbäuche, die Frauen zu viel Hüftgold mit sich herum, über beidem wölben sich jetzt T-Shirts, auf denen "Echt abnehmen" steht. "Kamera läuft" ruft einer vom TV-Team.

Schoko-Riegel sind tabu

Der Privatsender Kabel 1 hat die Insel Langeoog zum Schauplatz für sein Doku-Event erwählt. Titel: "Jedes Kilo zählt! Eine Insel wird schlank. In den insgesamt drei Monaten Drehzeit soll jeder der 21 Helden rund zehn Kilo verlieren. Ein Fitnesstrainer scheucht sie alle paar Tage an den wolkenverhangenen Strand. Dort schütteln sie rote Flexi-Bars, walken oder stemmen Gewichte im Fitness-Studio. Eine Ernährungsberaterin kontrolliert derweil den Inhalt der Kühlschränke und checkt die täglichen Ernährungsprotokolle. Ein Schoko-Riegel darf da auf keinen Fall draufstehen. Nur Vollkornbrötchen und Fischauflauf. Immer dabei: Die Fernsehkamera von Kabel 1. Größer kann der Tritt in den Hintern nicht sein.

Kabel 1 hat nach bewährter Manier gecastet: Für jeden Zuschauer ist ein potentieller Lieblingsheld dabei. Es gibt den dicken Schüler, der keinen Sport machen will: Marius, 133 Kilo. Es gibt den gutmütigen Fischhändler: Sven, 97 Kilo. Den jugendlichen Inselrebellen mit schwarz gefärbten Haaren, Piercings und Tattoos: Kevin, 119,5 Kilo. Die Inhaberin des örtlichen Lebensmittelladens, die nachts heimlich die Stufen ins Geschäft hinuntersteigt, um zu Naschen: Vanessa, 101 Kilo. Den gemütlichen Hausmeister, dem die Friesenkappe knapp über den Ohren sitzt: Carlson, 120 Kilo. Die berufstätige Mutter in einem Vier-Generationen-Haushalt: Andrea, 95 Kilo.

Im Frühjahr speckt der Ostfriese ab

Die dicken Ostfriesen liegen voll im Trend: Die Fernsehzuschauer mögen skurrile Typen vom Lande, die vor einer Herausforderung stehen, die ein wenig zu groß für sie ist. Somit ist die Abnehm-Insel die logische Fortsetzung der erfolgreichen RTL-Soap "Bauer sucht Frau": Statt Wiesen und Kälbern, werden jetzt Wattschlick und schwarzer Tee mit Kluntje zur Kulisse für die mediale Verwertung von Landeiern. Die Single-Bauern sind verkuppelt, im Frühjahr specken die wortkargen Ostfriesen ab.

Und amüsieren sich prächtig bei den Dreharbeiten. Sven lacht sich Tränen in die Augen: "Das ist, als wenn ein Panzer 'ne Schraube verliert". Neben ihm ist gerade der dicke Marius auf die Waage gestiegen: Der 14-Jährige wiegt zwar zwei Kilo weniger, aber insgesamt immer noch 133. Torsten erklärt, er wiege nur noch 75 Kilo. Vanessa kann darüber nur lachen: "Vielleicht im rechten Bein!" Hier watscht jeder jeden ab. Und hinter dem Haus der Insel rauschen Regenwolken und kühle Januarwellen an den 14 Kilometer langen Sandstrand von Langeoog.

Komm, Carlson, noch ein Klimmzug!

Die Zuschauer sollen mit leiden und - fiebern: Schafft Sven noch ein Kilo? Kann sich Marius endlich motivieren? Komm, Carlson, noch einen Klimmzug! Und: Vanessa, Finger weg vom Snickers! Die Langeooger, so hofft der Sender, sollen die Zuschauer zum Mit-Abspecken animieren, getreu dem Motto: Wenn der dicke Friese von seinen Kilos runterkommt, schaffe ich das auch. Das Konzept passt gut zur jüngst veröffentlichten nationalen Verzehrstudie, laut der jeder zweite Mann und jede dritte Frau zu dick ist. Langeoog ist da keine Ausnahme.

Das Konzept der Sendung könnte funktionieren: Die liebenswerten Nordlichter liefern Sprüche und Kalauer am Fließband und die Fernsehkameras fangen lieber ihren urigen Charme ein, als direkt auf die Speckrollen zu halten. Werbung für ihre Insel ist die Doku-Soap allemal. Immerhin leben die 2000 Insulaner auf Langeoog zu hundert Prozent vom Tourismus.

Schausteller im Freizeitpark Langeoog

Fischhändler Sven, 97 Kilo, steht in seiner Küche, auf dem Tisch kleine Teetässchen und ein selbstgebackenes Kastenbrot. Den Kabel 1-Trainingsanzug hat er ausgezogen, er findet ihn eh ein bißchen grell. "Die Kameras stören mich nicht", sagt er. Die ostfriesischen Soap-Stars sind schon immer Schauspieler gewesen, die sich und ihre Insel an Touristen verkaufen. "Uns wird den ganzen Sommer zugeschaut. Für unsere Stammgäste sind wir die Schausteller im Freizeitpark Langeoog." Die Insel sei seit jeher eine Bühne, auf der jeder seine Rolle spielt. Sven gibt den lustigen Fischmann seit vielen Jahren - und nun ist er's auch im Fernsehen. Für eine Folge musste er dreimal mit einem eineinhalb Meter langen Kabeljau in der Hand zur Tür herauskommen. "Ist halt Fernsehen", bemerkt er trocken.

Und wenn das Fernsehen weg ist? Und damit der Ansporn abzunehmen? Kommt dann nicht doch wieder die Klinikpackung Schokolade in die Nasch-Schublade? Na, ja ,heißt es. Da sind ja noch die Touristen: 180.000 Gäste übernachten jedes Jahr auf der Insel. Sven hat bis zum Saisonbeginn im Mai wahrscheinlich wieder zugenommen. Und irgendwer, der ihn schlanker vom Bildschirm kennt, wird dann hoffentlich sagen: "Alter Schwede, ist deine Wanne gewachsen". Und dann kommt die Schokolade wieder weg.

"Jedes Kilo zählt! Eine Insel nimmt ab", Sendestart 6. März, Kabel 1, jeden Donnerstag, 21.15 Uhr, 8 Folgen

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