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Erinnerung an 1920: Schiffskatastrophe vor Langeoog: Droht der "Glory Amsterdam" das Schicksal der "Paul"?

Genau da, wo jetzt der auf Grund gelaufene Frachter "Glory Amsterdam" liegt, strandete in einer finsteren Nacht im Jahr 1920 die finnische Bark "Paul". Die Geschichte einer dramatischen Rettung.

Ein Sturm in der Nordsee: In der Deutschen Bucht sind bereits viele Schiffe auf Grund gelaufen

Ein Sturm in der Nordsee: In der Deutschen Bucht sind bereits viele Schiffe auf Grund gelaufen - so wie jetzt der Frachter "Glory Amsterdam"

Vor der Insel Langeoog ist ein riesiger Frachter auf Grund gelaufen. Seit vier Tagen steckt die 225 Meter lange "Glory Amsterdam" bereits in der stürmischen See fest. Alle Versuche, den Schüttgutfrachter ins Fahrwasser zu schleppen, sind bislang gescheitert. Die 22 Menschen an Bord müssen weiter den widrigen Wetterbedingungen trotzen.

Dabei gab es im Seegebiet zwischen Langeoog und Spiekeroog bereits eine ganze Reihe von Schiffsunglücken. Genau an der Stelle, wo jetzt die "Glory Amsterdam" liegt, strandete in einer finsteren Nacht im Jahr 1920 die finnische Bark "Paul". Bis heute gilt der Rettungseinsatz für die "Paul" als einer der kompliziertesten in der Geschichte der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger.

Die Geschichte einer Katastrophe auf See

Das Schiff ist in der Nacht vom 9. auf den 10. Februar 1920 vom britischen Hull nach Kopenhagen unterwegs. Dabei kommt die Bark, die von Nordwest her die Deutsche Bucht ansteuert, wohl den vor den Inseln liegenden Sänden zu nah. Der Kapitän, August Graenbau, und die 14 Mitglieder der Besatzung versuchen die "Paul" durch Wendemanöver wieder auf freie See zu bringen. Dabei läuft sie aber auf eine Sandbank. 

Um 8.30 Uhr des 10. Februar entdeckt schließlich ein Jogger die unglückselige "Paul". "Schiff auf Strand!", meldet er dem Vormann Bernd Jansen Frerichs. "Großer Segler. Ist auf dem Westerriff bei der Otzumer Balie aufgelaufen", zitiert Fritz-Otto Busch den Strandläufer in der Heftromanreihe "Katastrophen auf See". Für seine Erzählung "Die Strandung der finnischen Bark Paul" trug der deutsche Marineoffizier Originalunterlagen und Augenzeugenberichte zusammen. Es ist vor allem ihm zu verdanken, dass wir heute wissen, wie die tragische Rettung der Mannschaft der "Paul" vonstatten ging.

Zunächst lässt Vormann Frerichs ein Rettungsboot holen. Auf einem Ackerwagen ziehen zwei Pferde die "Alexander" heran. Trotz des immer noch tobenden Sturms setzt er das Boot zu Wasser. Doch schnell wird klar: Das Boot wird es nicht mehr zur aufgelaufenen Bark hinaus schaffen. Die "Alexander" kommt nicht von der Stelle, obwohl die Flut ihren höchsten Stand noch keineswegs erreicht hat. Kurz danach liegt das Rettungsboot schlingernd hinter seinem Ankertau.

Retter geraten selbst in Gefahr

Jetzt ruhen alle Hoffnungen auf der sich nähernden "Frauenlob". Das Rettungsboot eilt aus Neuharlingersiel zur Hilfe heran. Kapitän Ulrich Steffens lässt die "Frauenlob" bis dicht hinter die sehr hohe Brandung des Norderriffs hinablaufen. Hier tobt der Sturm mit voller Gewalt. Die Mannschaft beobachtet wie die "Paul" hilflos zwischen den Brechern festsitzt. Die "Frauenlob" muss näher heran. Das Boot segelt in die Brandung hinein. Mit ungeheurer Gewalt treffen die hohen Wellen auf das Rettungsschiff.  Im Nu ist das Boot halb mit Wasser gefüllt. Doch Steffens und seine Männer schaffen es, sich zu "Paul" durchzukämpfen. Von der Barke ist nur noch ein Wrack übrig. 

Was nun? Ein Längsseitskommen beider Boote verbietet der Seegang. Er würde sie gegeneinander schmettern und zertrümmern. Da entdeckt Steffens das offenbar neue, unbeschädigte Rettungsboot der "Paul". Es ist fast so groß wie die "Frauenlob". Mit dem könnte man eine Verbindung herstellen und die Besatzung retten.

Doch als das Boot zu Wasser gelassen wird, wird es von einer Welle überrollt und kentert. Die drei Insassen landen im Wasser. Hilflos muss die Besatzung der "Frauenlob" zusehen, wie der erste vom Wasser verschluckt wird. Der zweite wird von der Flut aufs offene Meer hinaus getragen. Nur dem dritten gelingt es, sich an Bord des Rettungsschiffs zu bringen. 

Zweite Nacht fordert sieben Opfer

Unterdessen läuft die "Frauenlob" weiter voll. Der Kapitän erkennt, dass er sein Boot keinen Augenblick länger an Ort und Stelle halten kann und darf, wenn er nicht das grausige Schicksal des anderen Rettungsboots erleiden will. "Wir kommen morgen wieder!", verspricht er der Besatzung der "Paul" und dreht ab. Diese Nacht ist die zweite, die die Mannschaft der Bark schutzlos an Oberdeck überstehen muss. In dieser Nacht geht auf der "Paul" der Großmast über Bord. Mit ihm versinken sieben Männer, unter ihnen der Kapitän und die Steuerleute. Nun sind nur noch eine Frau und sechs Männer auf dem Wrack.

Am Morgen des 11. Februar wagen die Seemänner der "Frauenlob" einen erneuten Rettungsversuch. Dieses Mal nicht alleine. Das Dampfschiff "Immanuel", das Rettungsbootes "E.A. Oldemeyer", der Hochseeschlepper "Roland" und einige andere Boote aus den umliegenden Dörfern machen ebenfalls sich auf dem Weg zur "Paul".

Gegen 7 Uhr morgens erreicht die "E. A. Oldemeyer" die Bark. Das Wrack ist nun völlig vom Wasser überflutet und nur der Fockmast ragt noch aus der Brandung. Das Boot ist nur noch einen Kilometer von der "Paul" entfernt, aber es kommt nicht weiter. Der Wind hat wieder aufgefrischt und die Flut hält das Boot fast auf der Stelle. Da taucht 2000 Meter westlich ein anderes Rettungsboot auf. Es ist das Rettungsboot der Station Langeoog.

Rettung in letzter Sekunde

Am frühen Morgen hat es sich auf den Weg gemacht, nachdem am Tag zuvor ein Fischer aus dem Dorf die havarierte "Paul" gesichtet hatte. Kapitän Casper Otten erkennt, dass da wo, gestern noch die "Frauenlob" einen Rettungsversuch unternehmen konnte, heute ein Herankommen unmöglich ist. Die haushohen Brecher der Brandungssee und das neben dem Schiff treibende Holz und Takelwerk verhindern das. Also geht er rund 15 Meter vom Wrack entfernt vor Anker und lässt eine Leine auf die "Paul" werfen. Einer nach dem anderen gelangen die Schiffsbrüchigen über das Seil auf das Rettungsboot.

Während es noch unterwegs zurück zur Küste ist, geht auch der letzte Mast der "Paul" über Bord. Nichts verrät mehr die Stelle, wo vor nunmehr fast 40 Stunden die Bark strandete. Casper Otten gelingt es buchstäblich in letzter Stunde, die sieben Überlebenden zu retten.

ivi