VG-Wort Pixel

TV-Kritik "Tatort" Lieblos und ohne Höhepunkt


Blöde Gags und Langeweile: Der neue Kölner "Tatort" war einfach nur zum Abschalten. Sind wirklich alle Kundinnen von Online-Datingbörsen weltfremd und hysterisch? Immerhin einen Lichtblick gab es.
Von Annette Berger

Seit 1997 sind die beiden TV-Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) in Köln im Einsatz - die Folge "Wahre Liebe" von diesem Sonntagabend hat gute Chancen, als die schlechteste dieses Ermittlerduos in die TV-Geschichte einzugehen.

Mies war an diesem "Tatort" so ziemlich alles, was in den eineinhalb Stunden Krimi-Unterhaltung gezeigt wurde: Die Story war unterer Durchschnitt, Spannung gab es nur in Ansätzen, und der Versuch, lustige Elemente à la Münster hereinzubringen, scheiterte kläglich. Die Gags taugten allenfalls zum Fremdschämen. Oder hat jemand an der Stelle gelacht, als Ballaufs und Schenks neue Aushilfsassistentin Gabi (Kathie Angerer) ihr Debüt gab, indem sie an Freddys Schreibtisch eine Kaffeetasse umkippte und allen ihren neuen Kollegen die kaffeenasse Hand schüttelte?

Deutlich unter dem üblichen Niveau

Ballaufs und Schenks Spezialität sind ja eigentlich Fälle, die vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Missstände spielen. Die hehren moralischen Ansprüche der beiden nach dem Motto "Freddy, wir müssen was für die Kinder tun" kommen nicht bei jedem Krimi-Fan an. Aber zumindest sind die Folgen aus Köln oft spannend und packen ein relevantes Thema an. Die Heimkehr von Afghanistan-Soldaten nach Deutschland etwa wurde 2012 in "Fette Hunde" thematisiert. In diesem Mai waren die zwei TV-Ermittler in einem Fall zur Stelle, in dem ein junger Mann in der Kölner U-Bahn totgeschlagen wurde, die Folge "Ohnmacht" geriet zum düsteren Psychokrimi.

Und im aktuellen Kölner "Tatort"? Geht es um Dating-Agenturen im Internet, also um ein Phänomen, das weder neu noch besonders kontrovers ist. Der Fall mit dem Drehbuch von Maxim Leo und unter der Regie von André Erkau macht gar nicht erst den Versuch, einen neuen Blickwinkel zum Thema Liebe und Partnerschaft anzubieten.

Schon der Ausgangspunkt wirkt wie Krimi-Massenware: Die Chefin einer Online-Partneragentur (Suzan Anbeh) wird ermordet aufgefunden. War es ein enttäuschter Kunde, weil die ultimative Partnerschaftsformel dieser "Liebes-Päpstin" doch nicht so gut funktionierte? Mitnichten. Die Geschichte gerät zum simplen Beziehungsdrama, das man so oder ähnlich schon tausendmal gesehen hat: Der Täter ist der Geliebte des Mordopfers, dessen Kind sie kurz vor ihrem Tod abgetrieben hatte. Und leider guckt dieser Täter schon in der Mitte des Films so schuldig aus der Wäsche, dass der Zuschauer schon lange vor dem Ende weiß, dass er der Übeltäter ist.

Ja sind die denn alle doof?

Wer sich nicht langweilte bei diesem Sonntagskrimi, der ärgerte sich vielleicht: So haben gleich mehrere Kundinnen der Online-Partnerbörse ihren schrillen Auftritt. Es sind - zumeist mäßig attraktive beziehungsweise fürchterlich zurechtgemachte - Frauen über 40, die einen Liebesschwindler im Internet kennengelernt haben und in diesen noch immer unsterblich verknallt sind, obwohl er sie um große Summen Geld betrogen hat. Die Opfer dieses Betrügers werden so überzogen und weltfremd dargestellt, dass man sich unweigerlich fragt: Sind alle Kundinnen von Onlinedating-Portalen bescheuert?

Freddy würde das vermutlich jetzt bejahen, klärt der bodenständige TV-Kommissar den Zuschauer doch auf, wie eine langlebige Beziehung beschaffen sein muss: Nicht um alles so viel Wind machen, und beide Partner sollten sich einig sein, bei offenem Fenster zu schlafen.

Vielleicht halten die Macher dieses "Tatorts" ja auch ihr Publikum für nicht ganz so schlau. Oder warum sonst wird uns schon gleich am Anfang so penetrant unter die Nase gerieben, dass wir uns hier im Milieu des Online-Datings befinden? Da liegt das Mordopfer tot in der Agentur und rundherum wird nicht ermittelt, sondern darüber gefaselt, ob man seine große Liebe im Internet finden kann. Schon diese Szene gibt einen Vorgeschmack darauf, wie der ganze Krimi sein wird: lieblos und langweilig.

Das ist sehr schade, denn dieser "Tatort" verschenkt Potenzial. So spielt der Krimi mit Symbolen für Liebe und Sex, was ja eigentlich ein witziger Einfall ist. Wir sehen Ballauf allein im Bett oder mit Partnerin - und Kathie Angerer als Aushilfs-Assistentin Gabi muss nicht nur Kaffee verschütten, sondern hat auch ihren - zugegeben nicht besonders originellen - Lara-Croft-Moment am Schießstand. Gegen Ende wird sie mit Handschellen gefesselt - von eben jenem Liebesschwindler, den sie als Under-Cover-Ermittlerin suchen soll. Ohnehin ist Angerer das Beste, was dieser Krimi zu bieten hat. Sie spielt intensiv, und die Szenen mit ihr sind die einzigen, die Spannung erzeugen. Aber ein Lichtblick reicht eben nicht aus. Dieser "Tatort" ist einfach ein hoffnungsloser Fall.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker