HOME

Stern Logo Tatort

"Tatort"-Kritik "Ohnmacht": Nerd-Tussi besiegt böse Prinzessin

Gewalt in der U-Bahn, keiner hilft. Fast wäre der Kölner "Tatort" in den Sozialschmalz abgeglitten. Doch zwei Frauen machen ihn zum Highlight. Die eine ist Franziskas Nachfolgerin, die andere böse.

Von Annette Berger

Die "Tatort"-Macher haben gerade einen Lauf. Nachdem der Fall der vergangenen Woche aus München exzellente Kritiken einheimste, geriet auch die neue Folge aus Köln zu einem spannenden Krimiabend. Und das, obwohl die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) in einer Sache ermitteln, die dem Krimizuschauer eigentlich zum Hals heraus hängen dürfte: Jugendliche schlagen in der U-Bahn grundlos ein wehrloses Opfer ins Koma, die Passanten sehen zu, keiner hilft. So ähnlich gab es das ja auch schon einmal beim "Tatort" aus Berlin. Obwohl solche Verbrechen in der Realität mehrfach in Deutschland verübt wurden: Im TV wirkt ein solches Szenario abgegriffen und klischeehaft. Reagieren wirklich immer alle Zeugen von roher Gewalt in der Öffentlichkeit mit Wegsehen und Weglaufen?

Egal. Ein paar Schönheitsfehler hat die neue Kölner "Tatort"-Folge "Ohnmacht" tatsächlich. Aber die nahmen Drehbuchschreiber Andreas Knaup und Regisseur Thomas Jauch wohl bewusst in Kauf, um Ballauf und Schenk in ihrem Lieblingsmilieu ermitteln zu lassen: Es geht um Zivilcourage und die Frage, ob jugendliche Verbrecher nicht mit viel zu milden Strafen wegkommen.

Ballauf kommt unter die Räder

Das war es dann aber auch mit den Klischees. Denn dieser Fall ist vermutlich einer der spannendsten des seit 1997 gemeinsam arbeitenden "Tatort"-Ermittlerduos. Mit ein paar Handgriffen wird die Geschichte sogleich wieder aus der Klischeekiste herausgeholt.

Das gelingt unter anderem durch die teils geniale Kameraführung unter der Leitung von Clemens Messow. Als Ballauf in der Eingangsszene in die U-Bahn-Schlägerei gerät und selbst schwer verletzt wird, hält die Kamera das Geschehen beinahe im Stil einer Reportage fest. Schnelle Schnitte, ruckelnde Bilder. Der Zuschauer spürt die Panik und die Verwirrung Ballaufs, der dem Opfer der Prügelorgie zu Hilfe kommt und dabei vor einen Zug gestoßen wird. Die Szene fängt den Zuschauer sofort ein, so realistisch wirkt das Geschehen.

Sind künstliche Befruchtungen böse?

Ab jetzt entspinnt sich ein genial-gruseliger Thriller um drei Jugendliche, die sich - ene mene muh - einen jungen Mann in der U-Bahn ausgewählt haben, um ihn totzuschlagen. Für die erst 19-jährige Nadine Kösters in der Rolle der eiskalten Janine Bertram ist dieser "Tatort" vermutlich ein Meilenstein ihrer Karriere. Sie verkörpert die Anstifterin der Schlägerei mit dem Aussehen einer Prinzessin so mysteriös, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Vom eigenen Vater (Felix von Manteuffel) wird Janine für von Grund auf böse gehalten.

Leider wird gleich eine Erklärung dafür geliefert, warum das Mädchen gefühlskalt und gewalttätig ist, und die ist unfreiwillig komisch und hätte aus dem Drehbuch gestrichen gehört: Denn die böse Prinzessin entstand per künstlicher Befruchtung. Seit der ganzen Anstrengung um die Empfängnis haben ihre Eltern keinen Sex mehr. Fazit: Wo kein Sex, da keine Liebe. Und wo keine Liebe ist, da hat das Böse freie Bahn. Doch auch diesen Schnitzer lässt man dem "Tatort" durchgehen, agieren doch der resignierte Vater und die unter Aufräumzwang leidende Mutter (Corinna Kirchhoff) ebenso eindringlich wie die Tochter. Unter der Fassade dieser Sauberman-Familie blitzt der Horror hervor. Verbindungen zwischen einzelnen Personen bleiben lange mysteriös. Dieser Krimi ist sehr spannend.

Miriam Häslich: hübsch und effizient

Und dann gibt es da noch die heimliche Hautdarstellerin dieser Kölner "Tatort"-Folge: Lucie Heinze ist die neue Assistentin von Ballauf und Schenk, die Nachfolgerin von Franziska. Vermutlich weil sie hübsch ist, heißt sie Häslich. Miriam Häslich. Sie kennt sich mit IT aus und hat nichts dagegen, als "Nerd" betitelt zu werden, also als Computerfreak. Die schöne Häslich schafft Beweise von Videokameras und Handys heran und zeigt den Kommissaren, was ein papierloses Büro ist. Ihre Recherche löst diesen Fall zu einem großen Teil.

Doch so ganz warm werden die Kommissare noch nicht mit der Neuen. Häslich darf die Ermittler nicht "meine Jungs" nennen. Immerhin bekommt sie am Ende des Krimis ein Würstchen an der berühmten Pommesbude am Rhein ab. Dann verabschiedet sie sich rasch und fährt von der selben U-Bahn-Station nach Hause, die einige Tage zuvor Schauplatz der tödlichen Prügelorgie war. Nein, Angst hat Häslich nicht. Schließlich hat die Nerd-Tussi gerade eine böse Prinzessin außer Gefecht gesetzt.