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TV-Kritik "Wetten, dass ..?" Die Gottschalk-Werdung des Markus Lanz


"Wetten, dass..?" startet mit viel Selbstkritik und einem altbewährten Konzept. Und Markus Lanz tut das Seine, um die Sehnsucht nach besseren Tagen zu bedienen.
Von Jan Zier

Alles soll wieder so werden wie früher. So wie damals, als alles anfing, vor über 30 Jahren, oder wenigstens so wie später, in den wilden Gottschalk-Jahren. So wie in gefühlt längst vergangener Zeit, als "Wetten, dass..?" noch geliebt war. Und nicht tot gesagt. "Wir haben verstanden", sagt Markus Lanz, gleich zu Beginn der Sendung, und sein Appell klingt ein wenig wie eine Entschuldigung, nein, mehr wie ein: Sorry, Schatz, soll nicht wieder vorkommen. Ich will doch nur alles richtig machen. Hab mich jetzt bitte wieder lieb. Guck mich doch bitte wieder an.

Also haben sie wieder eine "klassische" Sendung choreografiert, wie Lanz sagt. Haben die Neuerungen und die Privatfernsehallüren abgeschafft, die Prolls ausgeladen, die eh niemand vermisst hat, und auch den mäßigen Hilfsmoderatorinnen gekündigt. Dafür setzen sie jetzt wieder mehr auf Hollywood-Glamour. Sie haben das Alter der Gäste dem der durchschnittlichen ZDF-Zuschauer angepasst. Vor allem aber: Sie haben an der Gottschalk-Werdung des Herrn Lanz gearbeitet.

Optisch machte Anja Kling den Gottschalk

Und zwar mit erstaunlichem Erfolg. Okay, er sieht immer noch aus wie der perfekte Schwiegersohn im adretten Anzug eines Bankbeamten. Und nicht wie ein Gottschalk. Diesen Part wird später eine Schauspielerin namens Anja Kling übernehmen. Aber ansonsten ist Lanz inzwischen nicht nur der charmante Plauderer, sondern fast genauso entspannt, so jovial, so gut gelaunt wie sein Vorgänger, der ewige "Wetten, dass...?"-Übervater. Er kann sogar über sich selbst lästern.

Wobei: Seine stärksten Momente hat Lanz an der Seite von Harrison Ford, 71. Weil er sich mal aus seiner Rolle als ewig kontrollierter Moderator raustraut, und doch den Fan gibt, den authentischen Indiana-Jones-Bewunderer, der einmal den Posterboy seiner Jugend treffen darf. Gottschalk hätte das auch gemacht. Mit Cher, so ist das in einer alten Ehe, haben sie dann nochmal über alte Zeiten geredet: über 1987, als die Sängerin schon mal da war, wohl noch unter Elstner, und vom ZDF züchtig mit einem Vorhang bedeckt wurde, weil sie Strapse trug. Die omnipräsent halbnackte Miley Cirus war da halt noch nicht geboren. Cher, die ihr Alter gewohnt "scheiße" findet, ist auch eine, mit der man nochmal über Jimi Hendrix reden kann ("lieb", "höflich", "ein Gentlemen").

Aber sonst sitzen diesmal fast nur Schauspieler auf dem Sofa, Ruth-Maria Kubitschek, zufriedene 82, die Lanz inzwischen "Ruthilein" nennen darf und eigentlich keine Filme mehr machen wollte, von diesem guten Vorsatz aber doch abgelassen hat, Matthias Schweighöfer, die Kling, und schließlich Sylvester Stallone, 67, mit dem Lanz aber lieber über seine schwierige Jugend redet. Spätestens, als die Kling kommt, wird es etwas dröge – der Zuschauer hat also Zeit genug, den parallel laufenden Boxkampf von Klitschko und Powetkin zu gucken, der seinen erwarteten Verlauf nimmt. Den gleichen Beruf zu haben, heißt halt nicht, in einer Liga zu spielen.

Und die Wetten? Sollten wieder einmal mehr in den Mittelpunkt rücken. Na ja, das haben sie im ZDF schon öfter behauptet. Und so ganz hat's auch diesmal nicht funktioniert. Das waren mehr so die Showacts für die Gesprächspausen, in denen grad nicht vom neuen Film des Gastes die Rede war. Da war beispielsweise ein Hamburger, dessen Bruder auch schon mal in der Sendung war, und der erfolglos versuchte, fünf rohe Eier zu werfen, durch ein Bierzelt zu rennen und sie in der Pfanne wieder aufzufangen. "Wetten, dass...?" ist eben eine Sendung für die ganze Familie. Anschließend kamen ein Kind, das dann doch nur ein paar Meter auf Lippenpflegestiften balancieren konnte und fünf sehr heimatverbundene Triathleten aus Südtirol, die schwimmend ein 28 Tonnen-Schiff samt vier Tonnen Blaskapelle zogen. Da war ein Tablet-süchtiger Proteinforscher, der Computerspiele an den Fettfingerspuren auf dem Touchscreen erkennen konnte. Und am Ende kamen dann noch 35 Indiana Jones-Imitate, darunter ein örtlicher CDU-Parlamentarier, die Lanz davor bewahrten, in Rocky-Manier ein rohes Ei schlürfen zu müssen - ein Getränk, das auch Stallone "ekelhaft" findet.

Dass die Zuschauer den konservativen Weg zurück zum soliden, altbewährten Konzept durchaus goutierten, zeigte die letzte der regulären Wetten. Es war eine, wie sie, ja, klassischer kaum sein könnte: Ein Straßenwalzenfahrer, dessen Gefährt dank der Kommandos seiner Tochter Bierflaschen öffnen kann. Die haben nicht nur die Wette gewonnen. Sondern sind auch Wettsieger geworden, mit großem Abstand. Na dann: Kann ja aus der alten Liebe des Samstagabend-Fernsehens doch wieder was werden.


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