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Deutschland – Ungarn "Brechstange" und der schlimmste Fussi-Wolkenbruch seit 1974 – aber jetzt wird's geil

EM 2021: ZDF-Berichterstattung zu Spiel Deutschland - Ungarn
ZDF-Experte Christoph Kramer forderte von der DFB-Elf gegen tiefstehende Ungarn, die "Brechstange" auszupacken
Aus dem Hintergrund müsste Goretzka schießen. Goretzka schießt. Und Deutschland rettet sich ins Achtelfinale gegen England. Flitzeralarm, ESC-Stimmung, Brechstange – so lief das letzte Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft.
Von Ingo Scheel

"Zurück nach euch", vermeldet Katrin Müller-Hohenstein im Anschluss an einen kurzen Nachklapp mit Jogi Löw und muss selbst giggeln, bevor in Mainz wieder das Team Breyer übernimmt. Es war ein arbeitsreicher Abend im Münchner Olympiastadion, hätte ich fast geschrieben, in der Allianz-Arena, für alle Beteiligten, nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch abseits davon. Da kann die Grammatik schon mal auf der Strecke bleiben. 

Dabei hatte man über den universellen Regenbogen-Alarm ja fast schon wieder vergessen, dass ja auch noch Fußball gespielt werden sollte. Und bei aller berechtigten Abwatschung der absurden Gesetzgebung Ungarns: Auch die hiesige Bundesliga ist längst noch nicht Germany’s Next Eurovision Song Contest, auch hierzulande traut sich noch kein aktiver Fußball-Profi ein Outing zu. Aber wer weiß – vielleicht war dieser Wirbel rund um die Stadionbeleuchtung ja so etwas wie der Auftakt einer Toleranz-Offensive, die nicht nur über Landesgrenzen hinaus Wirkung tun soll, sondern auch auf den Tribünen in Stuttgart und Köln, Hoffenheim, Dresden und Dortmund Strahlkraft entfaltet. 

Homöopathisch dosierte Wortwitze

Bei der Generation Flitzer jedenfalls ist der Paradigmenwechsel bereits angekommen. Wurden kurz vor Anpfiff einst haarige Gesäße auf dem heiligen Rasen entblößt, war es diesmal ein junger Mann im Deutschland-Trikot – und mit einer Regenbogenflagge. Zwölf Punkte, twelve points, douze points, und verletzt wurde auch niemand. In der PR-Abteilung von Greenpeace wird man sich möglicherweise Notizen gemacht haben. 

Im ZDF-Studio ging man von Anfang an ähnlich engagiert zu Werke. Dass Christoph Kramers Wunsch – "England als nächsten Gegner, das ist immer ein geiles Spiel" – sich auf dramatische Weise erfüllen würde, war da noch nicht einmal zu ahnen. Spätestens bei Halbzeit war man davon noch so weit entfernt wie Thomas Müller von seinem ersten EM-Tor. Was man PERsonell ändern könnte, fragte Jochen Breyer seine Beisitzer, und war für die beiden in punkto Wortwitz wohl einen Tick zu homöopathisch dosiert unterwegs.

War auch nicht angesagt, das feine Besteck, vielmehr verlangte es in den zweiten 45 Minuten, so Christoph Kramer, und musste selbst schmunzeln, nach groberem Werkzeug: "Ich weiß, das ist immer so ein böses Wort, aber wir brauchen jetzt die Brechstange." Co-Kommentator Sandro Wagner war da um einiges regenbogenfarbiger unterwegs: "Ich hoffe auf ein Feuerwerk". Erfüllt wurde schließlich weder der eine noch der andere Wunsch, stattdessen gab es den schlimmsten Fussi-Wolkenbruch seit Deutschland gegen Polen bei der WM 1974.

"Ich merke, Sie sind enttäuscht"

Und während Gareth Southgate zuhause wahrscheinlich schon checkte, ob das Vorhängeschloss am Privatarchiv mit den alten VHS-Kassetten noch intakt ist, fügte sich eines zum anderen, galoppierte der "Ritt auf der Rasierklinge" (Mertesackers PERsönliches Fazit) doch noch einem Happy End entgegen. Zumindest was das Ergebnis aus deutscher Sicht, den Herzenswunsch von Christoph Kramer und das Innenleben von Leon Goretzka betraf. Jenseits davon ging es wieder einmal durch postkompetitive Untiefen, dass man sich gleich noch so einen Wolkenbruch herbeiwünschte. 

"Nehmen Sie uns mal mit auf diese 90 Minuten gegen Ungarn", forderte Boris Büchler da von Manuel Neuer, als ob der genau das doch in den zwei Stunden zuvor nicht schon getan hätte. Noch schlimmer erwischte es den armen Keeper der Ungarn. "Ich merke, Sie sind enttäuscht. Sie hätten bei diesem Turnier gern noch weiter mitgemacht", so Büchlers Boris zu Peter Gulacsi. 

Und warum Jogi Löw sich schließlich nach diesem Drama ausgerechnet zu einem misslungenen Eckball einen Kommentar abringen muss, bleibt auch das Geheimnis der Redaktion. Was kommt als nächstes? Falsche Einwürfe? Nun denn. Ganz so schlimm war das alles dann doch nicht, die Wolken hatten sich kaum verzogen, da wurde schon über den weiteren Turnierverlauf spekuliert, "Die schwereren Gegner sind in der anderen Tableau-Hälfte", der Tenor. So schnell kann es gehen. Gareth Southgate wird es vernommen haben. Am Dienstag liegt die Wahrheit, wie immer, auf dem Platz. Und damit: Zurück nach euch.


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