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TV-Kritik zu "Günther Jauch": Ist Ihr Gehalt eigentlich gerecht, Herr Jauch?

Bei Günther Jauch regten sich alle über gierige Manager auf. Doch es ist einfach, Leute wie Carsten Maschmeyer doof zu finden. Man muss endlich auch über die Bezahlung von Medienlieblingen reden.

Von Mark Stöhr

Das Image von Carsten Maschmeyer ist gründlich versaut. Da ist nichts mehr zu retten. Für die Mehrheit ist der AWD-Gründer ein Falschspieler, reich geworden durch Praktiken, die andere arm gemacht haben. Er bestreitet das natürlich. Einer wie Maschmeyer würde in der Welt der normalen Leute kein Bein mehr auf den Boden bekommen. Aber es gibt ja noch eine zweite Welt: die VIP-Lounge der Gesellschaft, ein abgeschlossenes Reservat für die Superverdiener aus Wirtschaft, Showbiz und Sport. Dort ist Maschmeyer zuhause. Dort, wo Geld nicht nur keine Rolle mehr spielt. Man spricht auch nicht gerne darüber.

Dass Maschmeyer überhaupt bei Jauch saß, resultiert aus einer fatalen Fehleinschätzung des Versicherungsmillionärs. Der Mann glaubt offenbar immer noch, sein Bild in der Öffentlichkeit korrigieren zu können. Und nicht nur das. Er findet sogar, dass das, was er sagt, außerhalb seiner Elite-Kapsel irgendeine Bedeutung haben könnte. Er will wichtig sein, nicht nur für seine reichen und berühmten Freunde, sondern auch für den ganzen Rest. Das ist schon fast rührend.

Für Maschmeyer ist Gier normal

Günther Jauch konfrontierte Maschmeyer pflichtschuldig mit den gängigen Vorwürfen ("geprellte Kleinanleger", "bewusste Falschberatung"). Der konterte pflichtschuldig mit den gängigen Gegenargumenten ("Nur ein Prozent der Prognosen wurde nicht eingehalten"). Diese AWD-Debatte hätte man sich getrost schenken können. Sie ist mittlerweile vor allem Sache der Gerichte. Aufschlussreich aber war, was Maschmeyer zum eigentlichen Thema der Sendung zu sagen hatte - ob es nach dem Vorbild der Schweiz auch hierzulande Gehaltsgrenzen für Topmanager geben sollte. Da fiel dem Unternehmer nur das übliche marktliberale Blabla ein ("Die Manager müssen am Gewinn partizipieren"), in dem deutlich wurde: Das Problem liegt außerhalb seines Vorstellungsvermögens.

Denn keiner in der Runde - mit Ausnahme von Sahra Wagenknecht - bestritt, dass Topleute auch top bezahlt werden sollen. Dass man ihnen für gute Leistungen auch gute Prämien und Provisionen zugesteht. Es ging schlicht und ergreifend um die Verhältnismäßigkeit. Wie viel des Vielfachen eines durchschnittlichen Einkommens ist noch okay? Wann beginnt die Gier? Einer wie Maschmeyer, für den Grenzen nur nach unten, aber nie nach oben existieren, kann eine solche Frage gar nicht begreifen. Für ihn ist Gier Teil des Geschäftskonzepts.

Jauch hatte gleich zu Beginn ein interessantes Zahlenbeispiel parat. Ein VW-Angestellter saß im Publikum, der sich über das fürstliche Jahressalär von Martin Winterkorn echauffierte. Knapp 15 Millionen verdient der VW-Chef aktuell, 300 Mal mehr als ein normaler Werksmitarbeiter. Was denn seiner Meinung eine angemessene Summe für den Vorstandsvorsitzenden wäre, fragte Jauch den Mann. Seine Antwort: Ein bis zwei Millionen Euro. Das war ein sehr weiser Betrag. Einer zumal, mit dem man sich immer noch alles leisten kann: fünf Autos in der Garage und einen Garten so groß wie ein Stadtpark, weißere Zähne, glattere Haut und größere Brüste.

Kaum einer spricht über Lahms oder Jauchs Millionen

Als Marcel Reif, der Sportmoderator, das Einkommen seiner Frau, einer Ärztin, in Vergleich setzte zu den geschätzten zwölf Millionen Euro, die ein Fußballer wie Franck Ribéry im Jahr verdient ("Das ist ein Witz dagegen"), hätte die Diskussion eine interessante Wendung nehmen können. Denn Manager, Banker und ehrenbesoldete Ex-Bundespräsidenten kann jeder doof und überbezahlt finden. Wie sieht es aber mit Identifikationsfiguren und Sympathiefiguren wie Schauspielern, Showmastern und Sportlern aus? Ist deren teilweise horrendes Einkommen automatisch dadurch legitimiert, dass sie von vielen verehrt und geliebt werden? Oder mal direkt gefragt: Finden Sie Ihr Gehalt eigentlich gerecht, Herr Jauch?

Vor fast genau einem Jahr unternahm der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf bei Günther Jauch einen zarten und sehr höflichen Vorstoß. In Zusammenhang mit dem umstrittenen Ehrensold für Christian Wulff fragte er den Gastgeber: "Sie müssen auch mal selbstkritisch fragen, lieber Günther Jauch, was Sie so im Jahr verdienen. Sie verdienen das Vielfache von dem, was die Bundeskanzlerin verdient."

Jauch duckte sich damals weg hinter einem verkniffenen Spitzbubengrinsen und murmelte, er habe sich nie beklagt. Die Geschichte verursachte eine Miniwelle, die rasch wieder versickerte. So, wie in den Aufsichtsräten der Dax-Unternehmen eine Hand die andere wäscht, hält auch die Medienwelt fest zusammen. Kein Sportreporter würde Philipp Lahm auf seine Millionen ansprechen. Zu groß ist die gegenseitige Abhängigkeit. Und die Angst vor einer Debatte über Geld.

Dass ausgerechnet Carsten Maschmeyer die Diskussion am Ende kurz auf Jauch lenkte, war die Ironie des Abends. Vielleicht auch nur eine billige Retourkutsche des gekränkten Unternehmers. Wo man denn hinkäme, fragte Maschmeyer, wenn die Gebührenzahler über das Gehalt von Günther Jauch abstimmen würden. Interessante Frage. Eine Abstimmung wäre natürlich Quatsch, aber man könnte ja wenigstens mal über dieses Gehalt sprechen.

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