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TV-Kritik zu "Günther Jauch" Was hast Du getan - was hätte ich getan?


Günther Jauchs Aufarbeitung der NS-Zeit zwischen den Generationen lieferte wie erwartet die ewiggleichen Fragen. Und doch: Es gab interessante Anstöße, die das kollektive Gedankenkorsett sprengten.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Barbara Rütting hat es getan. Selten genug hört man Zeitzeugen wie die 85-Jährige darüber sprechen, dass sie einst sehr wohl glühende Anhänger Adolf Hitlers gewesen sind. Die ehemalige Schauspielerin wagte diesen Schritt beim sonntäglichen Günther-Jauch-Talk zu dem Thema "Mutter, Vater, was habt Ihr getan? Die Geschichten unserer Familien".

Beeindruckend ehrlich schilderte Rütting, damals engagiertes Jungmädel in der Hitlerjugend, dass sie festen Willens gewesen sei, "meinem Führer die Treue zu halten". Jeden Abend habe sie für ihn gebetet, den Wortlaut kenne sie heute noch, prompt sagte sie ihn auf. Sie lieferte mit ihrem Bekenntnis das entscheidende Puzzlestück, das bei den zig Aufarbeitungen der NS-Zeit immer noch kaum beachtet herumliegt: die einstige Massen-Euphorie für Hitler - das große Tabu. Ob jetzt schon der Zeitpunkt gekommen ist, sich da heranzuwagen? In dem ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" jedenfalls, den Jauch zum Aufhänger für seine Sendung nahm, wurde die enorme Begeisterung der Menschen für den "Führer" bestenfalls gestreift.

"Wir verlieren uns in Anekdoten"

Auch nach der ARD-Gesprächsrunde wurde wieder klar, dass man sich schnell im Kreis dreht und umringt ist von den ewiggleichen Fragen, wenn es um die Gräuel des Zweiten Weltkrieges geht. Dann nennt irgendwann irgendwer, diesmal war es der SPD-Parteichef Sigmar Gabriel, Auschwitz "eine fürchterliche Einmaligkeit". Allein: Solange wir vor dem Schrecken wie versteinert stehen, nähern wir uns ihm nicht an. Die Frage nach der Schuld, die übrigens explizit so nicht gestellt wurde, tut ihr übriges, um in einer Abwehrhaltung zu bleiben, denn sie schwingt immer irgendwie mit. Was also führt aus dem kollektiven Gedankenkorsett? Wie müssen wir fragen, um das Geschehene nicht ausschließlich als "unbegreifliches Phänomen" einzustufen, sondern um ihm eine Dimension zu geben, die uns begreifen lässt?

Talkgast Moritz Pfeiffer aus der Enkelgeneration warf den Kommentar ein, dass "wir uns in Anekdoten verlieren". Seiner Meinung nach komme man zudem mit dem Konjunktiv "Was hätte ich getan" nicht weiter, sondern es gehe vielmehr um die Frage "Wie sollen wir uns verhalten?" Zudem sei es entscheidend, genauer die Wurzeln der NS-Entwicklung zu erforschen. Denn Deutschtümmelei, Rassismus und Ressentiments gegen Juden grassierten lange vor Hitlers Machtergreifung. Der Autor Dieter Wellershoff, der in der Panzerdivision "Hermann Göring" diente, bestätigte dies mit Hölderlin-Zitaten, in denen der deutsche Dichter beschwor: "Die Schlacht ist Unser. Lebe droben, o Vaterland, und zähle nicht die Toten. Dir ist, Liebes, nicht einer zu viel gefallen."

"Wie entstehen liberale Charaktere?"

Jauch nannte Deutschland mit Blick auf seine Historie und auf andere europäische Länder "vergleichsweise immun gegen rechtsradikale Tendenzen". Gabriel warnte davor, sich darauf zu verlassen, dass das für alle Zeiten so bliebe. "Ich wäre da vorsichtig", sagte der Politiker, der dann auch eine der wichtigsten Überlegungen des Abends machte, indem er eine altbekannte Frage andersherum stellte, nämlich "Wie entstehen liberale Charaktere?". Solche also, die es nicht nötig haben einer Autorität beziehungsweise der Masse blind zu folgen. Doch inwiefern kann sich der Mensch von der Masse überhaupt distanzieren? Wellershoff bekannte, er habe immer noch ein seltsames Gefühl, wenn er begeisterte Massen erlebe, egal zu welchem Anlass. Es erschrecke ihn regelrecht, dass Menschen auch heute als "Massenwesen" reagieren.

Dieser Gedanke führt dazu, dass wir den Nazi nicht nur außerhalb von uns suchen. Soeben ist in München eine Ausstellung des Künstlers Matthias Weinzierl zu Ende gegangen, die da lautete "Entdecke den Nazi in Dir". Beileibe keine Aufforderung, sondern eine kritische Auseinandersetzung im Rahmen der Kampagne "Laut gegen Brauntöne".

Was haben unsere Urgroßeltern, Großeltern und Eltern damals erlebt? Nicht darüber zu schweigen, schweigen zu müssen, tut Not. Ebenso wie den ehrlichen Blick in den eigenen Spiegel zu wagen. Im Sinn eines Forschens, nicht im Sinne einer Schuldzuweisung. Es fängt gerade erst an.


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