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TV-Kritik zu "Menschen bei Maischberger": Essen Sie jetzt nichts!

Sind Naturprodukte immer gut und Industrieprodukte immer schlecht? Bei Sandra Maischberger stritten sich die beiden großen Lebensmittel-Lager. Nur ein Chemiker kochte sein eigenes Süppchen.

Von Mark Stöhr

Rucola soll ja sehr gesund sein. Das hat mit seinem hohen Nitratgehalt zu tun. Doch Vorsicht: Rucola enthält ein hochtoxisches Lebergift. Das verträgt nicht jeder. Grapefruits übrigens auch nicht. Die sind nur gut für Leute mit wenig Magensäure. Leute, die viel Sport treiben, können auch drei bis vier Tafeln Schokolade verdrücken ohne schlechtes Gewissen. Und wenn sie ein bisschen zunehmen, schadet das auch nichts, im Gegenteil: Leicht Übergewichtige leben am längsten. Das behaupten jedenfalls Mediziner oder Ernährungsberater oder Biochemiker. Morgen behaupten sie übrigens wieder etwas anderes.

Kaum ein Feld wird von so vielen unterschiedlichen Interessen und Ideologien beackert wie unsere Ernährung. Kaum ein Bereich ist so schnellebig. Zu fast jedem Gutachten gibt es prompt eine Studie, die das Gegenteil beweist. Ist Zucker tatsächlich der Dämon, der unsere Gesundheit zerstört? Oder kommt es nur auf die Dosis an? Brauchen wir wirklich eine "Fettsteuer"? Oder müssen wir uns einfach mehr bewegen? Sandra Maischberger hatte die wichtigsten Positionen im Studio. Die ernüchternde Erkenntnis: Man hat eigentlich nur die Wahl, sich einer der Glaubensrichtungen anzuschließen - oder aufhören zu essen.

Prahlereien vom Matsche-Patsche Präsidenten

Matthias Horst, dem Cheflobbyisten der deutschen Ernährungsindustrie, kam naturgemäß die Schurkenrolle zu. Er füllte sie nach Kräften aus. "Das Lebensmittelangebot heutzutage", prahlte er, "ist so vielfältig und qualitativ hochwertig wie noch nie in der Menschheitsgeschichte." Er meinte damit die künstlich zusammengerührte Matsche-Patsche, für die es eine Packungsbeilage braucht. Und eben: "Auf unseren Produkten steht doch alles drauf, was drin ist!" Wer glaube denn schon, unterstützte ihn der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens, dass in Nutella die Energie für eine Fußballmannschaft stecke, wie es de Werbung suggeriere. Hm - Kinder?

Um die geht es der Köchin Sarah Wiener. Sie veranstaltet Kurse, mit denen sie bei Kindern ein "Geschmacksgedächtnis" aufbauen will. Sie sollen unterscheiden lernen und nie mehr vergessen, wie eine echte Erdbeere schmeckt und wie der synthetische Aromastoff. Sie selbst, so die Österreicherin, verwende keine stark verarbeiteten Zutaten mehr. So viel Gutmenschen- und Gourmettum schlug Horst, dem Präsidenten der Panscher, gewaltig auf den Magen. "Nicht jeder hat die Zeit und die Lust, zu kochen, oder das Geld wie Sie, essen zu gehen", raunzte er die Promi-Bräterin an. Womit er wiederum auch nicht ganz unrecht hatte.

Natur-Fraktion mit allzu schlichter Argumentation

Die Natur-Fraktion um Sarah Wiener brachte die Food-Fabrikanten leider nicht ernsthaft in Bedrängnis. Zu schlicht war ihre Argumentation, zu altbekannt. Dagmar von Cramm, einer Ernährungsberaterin mit einem Faible für "normale, natürliche Kohlenhydrat-Träger", Gemüse also, fiel kaum mehr ein als die schon fast rührende Formel: "Kauf nicht, was deine Großmutter nicht schon kannte." Und Thilo Bode von "Foodwatch" fuhr den üblichen Populismus einer spendenfinanzierten Organisation auf. Für eine Handvoll Frühstücksflocken, rechnete er vor, müsse ein Zehnjähriger 50 Minuten joggen, um die konsumierten Kalorien wieder zu verbrennen.

Urvertrauen in den eigenen Körper

Diese Art von Empörungspolitik geht dem Lebensmitteltechniker Udo Pollmer tierisch auf die Nerven. Er hat ein Buch darüber geschrieben ("Wer hat das Rind zur Sau gemacht?"). Hinter einem industriellen hergestellten Nahrungsprodukt stecke eine riesige Technologie, so Pollmer, "das ist wie ein Luxusauto konstruiert und zusammengebaut" und könne unmöglich auf das simple Modell einer "Lebensmittel-Ampel" heruntergebrochen werden. Diese Kennzeichnung für den Anteil von Fett etwa oder Zucker auf der Verpackung hatte Bode gefordert. Pollmers Gegenvorschlag für mehr Transparenz: Die Rezepturen der Produkte mit verständlichen Erklärungen ins Netz stellen. Das klingt nicht unvernünftig.

Überhaupt war Pollmer der Pragmatischste in der Runde. Für ihn ist nicht wichtig, wie bio ein Nahrungsmittel ist, sondern wie bekömmlich. Der Stoffwechsel, so sein Mantra, weiß selbst am besten, was gut für ihn ist. Bei so viel Urvertrauen in den eigenen Körper wollte auch Dagmar von Cramm nicht zurückstehen: "Der Mensch hält viel aus, der fällt nicht gleich tot um." Schon gar nicht bei Rucola.