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TV-Kritik

"Promi Big Brother", Tag 6: Die Alt-Breit-Bewegung und das Märchen von Schneewillichen

Der Herren und der Holländer stehen kurz vor dem Ausbruch, Sarah Dingens vor dem Zusammenbruch und der Zuschauer vor dem Abbruch - jetzt heißt es Tage runterzählen. Oder à la Claudia Obert: einfach mehr trinken. 

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So in etwa muss es sich wohl anfühlen, wenn man ein Dutzend lobotomisierte Mastiff-Welpen allein in einem Spielzeugladen zurücklässt. Man traut sich kaum, wieder die Tür aufzumachen und nachzuschauen, was die kleinen Scheißerchen diesmal wohl alles angestellt haben. Nach zwei Tagen Pause zu "Promi Big Brother" (Sat.1) zurückkehren - das macht binnen Minuten sämtliche vorher im Dauerbeschuss draufgeschaffte Mental-Hornhaut wieder zunichte, und das nicht nur, weil man in der Zwischenzeit wieder erleben durfte, wie schön die wirkliche Welt doch sein kann. Nein, auch weil die Kandidaten es unglaublicherweise geschafft haben, noch bekloppter zu werden.

TV Kritik: Promi Big Brother bei Sat. 1 Tag 6

Claudia Obert gönnt sich ein Bad und Schampus

Zwischen Alt-Breit-Bewegung und Sarah Knappiks Reality-Dramaturgie

Allein Claudia und ihre ganz persönliche Geschichte der O.: Von den Topmännern, die alles verkasematuckeln. Wenn der Ofen aus ist, die nächste nehmen. Der Hochadel, all die Industriellen … alles Schweine. Vögeln, dass die Linde kracht. Und Moral gibt es nur für die Unterschicht. Dabei immer schön in der Hand: Den Sauvignon, dessen erste drei Buchstaben wohl selten mehr Sinn gemacht haben als bei der Dauer-Degustation durch Claudia Obert. Es lebe die Alt-Breit-Bewegung.

Während die jedoch, so scheint es, jetzt erst so hochtourig läuft wie eine Singer Zick-Zack, zeigt die Fieberkurve an anderer Stelle deutlich nach unten. Sarah Knappiks ganz persönliche Reality-Dramaturgie hat nun jene Phase erreicht, in der nur noch gestammelt und geschluchzt wird. Traut sich nicht mehr raus. Wohnt ja sowieso allein in Berlin und vor allem: Scheißt auf ihr ganzes Leben. Wo einem so viel Abgesang präsentiert wird, das ist schon einen Trinkspruch von Claudia Obert wert: Fuck it. Liegen lassen! Und nachschenken nicht vergessen.

"Trümmertransen" bei "Promi Big Brother"

So laid back muss man erst mal werden. An anderer Stelle ist man nur noch laid down: Aus Gründen, die ich aufgrund von Ohren zuhalten und laut jodeln, nicht mitbekommen habe, laufen Willi Herren und Zachi Noy plötzlich in Märchenkostümen herum. Crossdresser’s Delight: Willi Herren als Schneewittchen. Und Zachi Noy, bislang als sexgeiles Sams eigentlich optimal besetzt, als eine Art Arielle. "Wir sehen aus wie die Trümmertransen!", entfährt es einem mittlerweile völlig zerstörten Willi Herren und Zachi nickt dazu, ohne hingehört zu haben. Als hätte David Lynch "Die Bettwurst" neu verfilmt, ein existentielles Drama zwischen Crossdressing und Psychose.

TV Kritik: Promi Big Brother bei Sat. 1 Tag 6

Willi Herren ist am Ende - und will auch den "Promi Big Brother"-Container verlassen.


Für Herren - der Kerl ist Malle-gestählt und "macht eigentlich jeden Scheiß mit" - ist das schließlich zu viel. Fast jedenfalls. "Mit einem Mann in meinem Alter kann man das nicht machen", so seine alternative Wahrheit. Herren will raus, belässt es dann aber doch, genau wie die Knappik, der gute Eloy, dem das "Moping" hier langsam auch zuviel wird und auch der stellenweise auszugswillige Zachi, beim ältesten Hausmittel gegen die meisten Wehwehchen im Bereich zwischen den Ohren: Erst einmal 'ne Nacht drüber schlafen.

Abgehangene Wettspielchen - bis einer kotzt

Im Studio tragen die Moderatoren derweil Spreizklammern im Mund, können bzw. wollen die Kandidaten längst nicht mehr auseinander halten und lassen die Bewohner Wettspielchen durchführen, deren Regeln direkt aus einem studentischen Verbindungsheim der 50er-Jahre stammen: Nutella löffeln, Senf essen, Olivenöl trinken. Bis einer kotzt.

Dass diese großangelegte Medikamentenstudie nicht vollends danebengeht, dafür sorgt ausgerechnet Lord Jens, der sich endlich wieder einmal ädaquat anziehen darf, was ihm "unheimlich gut tut". So schmuck der Enthaarungsmeister im Luxusareal aussieht, so lehrreich war für ihn das Darben auf der anderen Seite, im Elendsquartier, wie er unter Tränen erzählt: "Die Gruppe hier ist super harmonisch. Ich bin sehr, sehr, sehr glücklich. Dass ich aber auch im Nichts glücklich sein konnte, wie ich da aufgeblüht bin, in Jogginghose und ohne Schmuck - darauf bin ich stolz."

Und als man gerade überlegt, ob man mal bei den Nachbarn klingelt, um nach einem Tässchen Psychopharmaka zu fragen, setzt Jens einen Satz hinterher, den man als Zuschauer wohl nicht einmal an einen Metallstuhl gefesselt und mit Stromkabeln an den Nippeln sagen würde: "Ich hätte das alles gern auf DVD!"

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