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TV-Tipp 2.7.: "Lolita": Die Macht der Begierde

Ein Literaturprofessor begehrt eine 12-Jährige und wanzt sich in ihr Leben. Aber wer verführt hier eigentlich wen? Stanley Kubricks "Lolita" ist auch heute noch verstörend. Unser TV-Tipp des Tages.

"Lolita"
23.15 Uhr, 3Sat
LITERATURVERFILMUNG Schwierig. Schwierig, über einen Film wie "Lolita" zu schreiben, ohne in Klischees in die eine oder andere Richtung abzugleiten. Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals die Romanvorlage in einer Bahnhofsbuchhandlung kaufte. Als der Verkäufer den Buchtitel las, streifte mich plötzlich ein ziemlich missbilligender Blick - und dabei hatte ich extra zur Reclamausgabe gegriffen. Weil die so nach Arbeitsmaterial aussieht. Im Zug sorgte ich dann auch peinlich dafür, dass meine Mitreisenden niemals das Cover zu sehen bekamen. "Lady Chatterley's Lover" oder "50 Shades of Grey" kann man im 21. Jahrhundert ohne Gewissensbisse in der Öffentlichkeit lesen. "Lolita" nicht. Weil es, wie die Verfilmung von Kubrick, ein Thema berührt, dass sich so falsch anfühlt, dass schon die schiere Beschäftigung mit dem Stoff für viele dem Voyeurismus gleichkommt.

Im Buch wie im Film blicken wir in den Kopf eines erwachsenen Mannes, des Literaturprofessors Humbert Humbert (hier: James Mason), der von Mädchen, die an der Schwelle zur Pubertät stehen, besessen ist. Durch Zufall trifft Humbert auf die zwölfjährige Dolores "Lolita" Haze und geht bis zum Äußersten, um ihr nahe zu sein: Er heiratet ihre verwitwete Mutter, die er verachtet. Humbert wird ihr Vormund, als diese stirbt, und 'entführt' Lolita auf einen Roadtrip durch die USA, wo es zu mehreren sexuellen Kontakten zwischen beiden kommt (in Kubricks Film von 1962 nur angedeutet).

Ja, Humbert ist ganz klar der Böse in diesem Stück, ein Ekelpaket, vor dem es uns graust und bei dem es uns kalt den Rücken herunter läuft, wenn ihm Nabokov solche Worte in den Mund legt: "Im fröhlichen Lepingville kaufte ich ihr vier Comic-Hefte, eine Schachtel Süßzeug, eine Schachtel Binden, zwei Colas, ein Manikür-Etui, einen Reisewecker mit Leuchtziffern, [...] alle möglichen Sommerfummel. Im Hotel hatten wir getrennte Zimmer, aber mitten in der Nacht kam sie schluchzend zu mir, und sehr sanft machten wir es wieder gut. Verstehen Sie, sie hatte sonst ja auch niemanden, zu dem sie hätte gehen können."

Und trotzdem fällt es mir schwer, Sympathien zu Lolita aufzubauen. Nabokov und Kubrick stellen extrem unbequeme Fragen, indem sie Lolita eben nicht zur eindeutigen Sympathiefigur aufbauen und eine gefühlskalte Welt entwerfen, in der sich alle Menschen nur gegenseitig ausnutzen, um zu ihrem Vorteil zu gelangen. Verfällt Humbert ihr? Verführt Lolita nicht eigentlich ihn? Oder ist das Wort Verführung der falsche Begriff für jene Macht, die sie über ihn ausübt, während er Macht über sie ausübt?

PS: Viel kenntnisreicher als ich es jemals vermöchte, greift übrigens Georg Seeßlen das "Lolita"-Thema in seinem Essay auf den Seiten der Filmzentrale auf. Lesenswert.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern




Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Zuhause ist woanders"
23.00 Uhr, Arte


DOKU 90-jährig sitzt Ex-Broadway-Mimin Lois Wheeler Snow im abrissbereiten Haus in Genf und erinnert sich an ihren 1972 verstorbenen Mann. Der US-Journalist Edgar Snow veränderte mit seinem Buch „Roter Stern über China“ (1937) das westliche Bild vom Reich der Mitte. Als erstem Reporter aus dem Westen war es Snow gelungen, Mao Tsetung einge Zeit zu begleiten. In den USA brachte ihn das auf die Schwarze Liste. 1959 floh die Familie in die Schweiz. – Historisches Bildmaterial und chinesische Musik schmücken diese Geschichte von Utopie und Revolution, von Hoffnung und Illusion. Die Kritik, Snow sei dem Diktator auf den Leim gegangen, spart Filmemacher Peter Entell aus. (bis 0.40)

"Vincent, François, Paul und die anderen"
22.30 Uhr, RBB

TRAGIKOMÖDIE von Claude Sautet. Eine Clique alternder Herren (u. a. Yves Montand) pflegt ihre Lebenslügen. In einer Nebenrolle: der junge, noch schlanke Gérard Depardieu. (bis 0.20)

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