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TV-Tipp 24.5: "Chihiros Reise ins Zauberland": Schuften im Badehaus der Götter

Wie schrubbt man einen schmutzigen Gott sauber? Chihiro weiß Bescheid. Der japanische Anime "Chihiros Reise ins Zauberland" ist der beste Zeichentrickfilm ever, ever, ever. Unser TV-Tipp des Tages.

Ohne Gesicht, aber mit Herz: Chihiro (l.) schließt Freundschaft mit dem gruseligen Ohngesicht

Ohne Gesicht, aber mit Herz: Chihiro (l.) schließt Freundschaft mit dem gruseligen Ohngesicht

"Chihiros Reise ins Zauberland"
20.15 Uhr, SuperRTL
ANIME Es war einmal eine Zeit, in der die Fantasie mein Leben beherrschte. Ein Bett konnte sich in Sekundenschnelle in ein Segelboot oder ein Raumschiff verwandeln, mein Kinderzimmer in das Labyrinth des Minotaurus und ich selbst rannte so geschwind wie der Road Runner über den Pausenhof unserer Grundschule. Schließlich wollte ich ja nicht auf der Speisekarte von Karl, dem Kojoten, enden. Doch irgendwo auf dem Weg zum Erwachsenwerden bleib die Fantasie auf der Strecke. Sie ging nicht völlig verloren, aber ich hörte auf, die Welt, in der ich lebte, durch meine Einbildungskraft bunter und magischer, zu machen. Sich in eine eigene Welt zu träumen - das war nun kindisch. Ich wollte erwachsen sein.

"Chihiros Reise ins Zauberland" brachte alles durcheinander. Bis heute steht der Zeichentrick von Meisterzeichner Hayao Miyazaki unangefochten auf Platz eins meiner Lieblingsfilme. Weil "Chihiro" der Fantasie ein Denkmal setzte und dieses längst verschlossen geglaubte Tor in meinem Kopf wieder einen Spaltbreit öffnete. Heraus quollen Wesen und Gestalten, die so erfrischend anders waren als die leidlich bekannten Zwerge, Trolle, Feen, Vampire und Zombies: Der stinkende Faulgott, vor dem sich alle ekeln, der aber eigentlich ein verschlammter Flussgeist ist. Der Kesselwärter Kamaji, eigentlich eine Menschengestalt, aber mit sechs Armen bestückt wie ein Insekt. Die putzigen Rußmännchen mit ihren fragilen, aber ameisenstarken Strichmännchenarmen. Und natürlich das Ohngesicht, ein halbdurchsichtiger schwarzer Geist mit weißer Maske und einem unmäßigen Appetit.

Sie alle leben, arbeiten oder sind zu Gast in einem Badehaus, das von der Hexe Yubaba betrieben wird - und die ganz offensichtlich ihren "Rumpelstilzchen" gelesen hat. Denn Yubaba weiß um die Kraft, die einem Namen innewohnt. Ihre Arbeitnehmer bindet sie an sich, in dem sie ihnen ihre Namen - und damit ihre Persönlichkeit - raubt. So geschieht es auch Chihiro, einem verschüchterten Mädchen, das durch eine Unachtsamkeit ihrer Eltern in Yubabas Zauberwelt Reikai landet. Ob es Chihiro gelingt, ihren Namen wiederzubekommen und ihre in Schweine verwandelten Eltern zu erlösen, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten.

Und seien Sie beruhigt: Auch wenn der deutsche Titel nach rosa Wattewolkenplüsch klingt, zimperlich geht es in Yubabas Badehaus nicht zu - nur unendlich magischer. Ah, ah!

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de

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