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"Die Konferenz der Tiere": Drogen und Musik: Wie ein Zeichentrickfilm das Leben des Frontsängers von Wanda prägte

Michael Marco Fitzthum, besser bekannt als Marco Wanda, ist der Sänger der österreichischen Rockband Wanda. Seit 2012 veröffentlicht die Band ein Erfolgsalbum nach dem anderen. NEON verriet er, dass einen großen Anteil daran ein Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1969 hat.

Der Frontsänger von Wanda performt auf der Bühne.

Michael Marco Fitzthum (l.) ist der Frontsänger der österreichischen Band Wanda. Ein Zeichentrick aus dem 1969, der auf dem Buch von Erich Kästner basiert, prägte sein Leben – und brachte den Sänger zur Musik.  

Ich war noch klein, vielleicht fünf Jahre alt, und ich war an diesem Tag krank zu Hause, daheim in unserem kleinen Dorf in Österreich. Obwohl ich die Videokassette "Die Konferenz der Tiere" schon länger besaß, hatte ich sie nie angeschaut, weil mir der Löwe auf dem Umschlag Angst machte. Aber wenn man krank ist, gerade als Kind, ziehen sich die Tage wie Kaugummi. Ich sehnte mich so sehr nach Ablenkung, dass ich meine Angst überwand und die Kassette in den VHS-Rekorder schob. Wie wurde ich dafür belohnt! Es war wie ein Feuerwerk. Das Fieber, die Medikamente und dazu diese psychedelischen Bilder, alles mischte sich zusammen und ich hob ab.

Rückblickend glaube ich, dass mich die Musik in dem Film zum Musiker gemacht hat. In der ersten Szene tanzt ein Zirkusaffe auf einem Xylofon, und es beginnt, Blumen zu regnen. Trompeten setzen ein und spielen eine Art Samba, die in ein Jazz-Schlagzeug-Solo übergeht. Da waren so viele Geräusche, die ich nicht kannte, und die Instrumente wurden auf eine so unkonventionelle Weise gespielt der Film war eine der sinnlichsten Erfahrungen meines Lebens und wurde zu einem bewusstseinserweiternden Erlebnis. Ich sah ihn meine ganze Kindheit hindurch immer wieder, und später versuchte ich, beim Kiffen diesen Initialmoment des ersten Schauens zu reproduzieren. Ist mir nie gelungen. Trotzdem blieb mir seine tiefere Botschaft erhalten. Neben meiner Wirklichkeit gab es noch eine andere Welt, die der Tiere. Ich dachte: Wenn es so eine zweite Welt gibt, dann gibt es vielleicht noch eine dritte, vierte, fünfte.

Wie der Film Marco Wandas Rauschsucht beschwor   

Heute, wenn ich mir den Film ansehe, denke ich an Dalí und die Beatles. Außerdem glaube ich, die Macher waren auf LSD, als sie das Konzept entwickelten. Auch ich hatte eine Phase, in der ich versucht habe, auf Drogen zu schreiben. So sind Platin-Alben entstanden. Der dadaistische LSD-Moment in "Konferenz der Tiere", behaupte ich, hat meine Rauschsucht beschworen, die wiederum Einfluss auf meine Musik hatte. Heute spice ich mich noch manchmal mit Marihuana an.

Mehr noch als zum Musiker hat der Film mich aber zum Schreiber gemacht. Zu jemandem, der Welten baut. Ich begreife mich mehr als Schriftsteller und weniger als Musiker etwas, das ich mit meinen österreichischen Kollegen wie Voodoo Jürgens und Der Nino aus Wien gemeinsam habe. Ich glaube, wir alle machen uns viel eher auf die Suche nach unserer eigenen Sprache – als nach unserem eigenen Klang.

"Ich war ein sehr hyperaktives Kind"

Mein Vater arbeitete als Journalist. Er hat nie studiert ein bekennender Anti-Akademiker. Er kam aus einem sozialistisch geprägten Umfeld und nahm seinen Bildungsauftrag als Journalist sehr ernst. Meine Mutter arbeitete in einer Klinik als Musiktherapeutin. Deshalb gab es auch einen ganzen Schrank voller Musikinstrumente in unserem Haus: Mundharmonikas, Trommeln, Tambourine. Einmal hat sie mir ein Micky-Maus-Schlagzeug geschenkt, das habe ich beim ersten Spielen zerstört. Ich habe einfach so fest draufgeschlagen, dass die Felle gerissen sind. Wir hatten auch ein Klavier, darauf habe ich Musikunterricht bekommen. In meiner ersten Stunde wollte ich aber überhaupt nicht spielen. Viel lieber wollte ich wissen, wie es von innen ausschaut.

Überhaupt war ich ein sehr forderndes, hyperaktives Kind. Meiner Mutter wurde von Freunden und Ärzten immer wieder empfohlen, mir doch zur Beruhigung Ritalin zu verabreichen. Aber sie hat sich dagegen gewehrt. Im Nachhinein imponiert es mir sehr, dass sie immer gesagt hat, ich sei okay, wie ich bin, auch wenn das anstrengend war für sie. Ich glaube, unbewusst hat mich diese Unterstützung stark gemacht. Das und eine der Schlüsselszenen in "Die Konferenz der Tiere". In der wird ein Basketball zu einem Soldaten zusammengepresst, der aber immer wieder aus der Reihe tanzt. In dem Moment habe ich gedacht: Ich bin der Basketball. Ich konnte mich so gut mit ihm identifizieren: irgendwie anders als die anderen, aber auch gut so, wie ich bin.

Die politische Botschaft hinter "Konferenz der Tiere"

Anders als die beschissene Neuverfilmung ist das Original von 1969 ein zutiefst politischer Film – ein Antikriegsfilm. Erich Kästner, der den Roman geschrieben hat, auf dem der Film basiert, ging angeblich zu Walt Disney, um ihm die Rechte anzubieten. Aber Disney sagte: "No politics", also: Meine Filme sind nicht politisch.

Natürlich habe ich als Kind die politische Botschaft von "Die Konferenz der Tiere" nicht ganz verstanden, aber schon damals vermittelte mir der Film ein Gefühl dafür, dass es Unrecht gibt und Menschen, die andere für ihre Zwecke instrumentalisieren. Aber der Film liefert auch eine Lösung: Liebe. Man könnte sagen, dass er mich dahingehend im tiefsten Inneren geprägt hat. Jetzt wo ich darüber nachdenke, ist sogar die Schlüsselzeile in "Bologna" davon beeinflusst: "Und wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore."

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