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TV-Tipps 7.5: "Lollipop Monster": Bye, bye, Barbie!

Sie war "so froh, ein Mädchen zu sein" - und schrieb 20 Jahre später für einen Film darüber: "Lollipop Monster" von Ziska Riemann und Luci van Org ist unser TV-Tipp des Tages.

Kokettieren will gelernt sein: Oona (Sarah Horváth, links) und Ari (Jella Haase) üben beim Tanz zu ihrer Lieblingsmusik der Band "Tier".

Kokettieren will gelernt sein: Oona (Sarah Horváth, links) und Ari (Jella Haase) üben beim Tanz zu ihrer Lieblingsmusik der Band "Tier".

"Lollipop Monster"
22.25 Uhr, ZDFkultur
PUBERTÄTSDRAMA Nein, die Männer kommen in diesem Film gar nicht gut weg. Die einen sind Schlappschwänze, die anderen werden von eben diesem Körperteil gesteuert. "Lollipop Monster" is a women's world - und die ist in diesem beeindruckenden Spielfilmdebüt von Ziska Riemann und Luci van Org ("Lucilectric"!) genauso bonbonrosa wie tiefschwarz.

"Tier" heißt die Lieblingsband der 15-jährigen Freundinnen Oona (Sarah Horváth) und Ari (Jella Haase) - und damit ist eigentlich alles gesagt, worum es in diesem Film geht. Die Pubertät erleben - das ist, als hätte jemand die Bestie, die bislang stets tief im eigenen Inneren schlummerte, entfesselt. Und dieses Tier denkt eben nicht über sein Handeln nach, es folgt seinen Trieben. Und Triebe folgen nur selten gesellschaftlichen Normen. Darum geht es ja in der Pubertät, unser Körper zwingt uns hormonell dazu, aus den von der Erwachsenenwelt auferlegten Normen auszubrechen, das Regelwerk der grown-ups bewusst zu verletzen, um zu einer eigenständigen Person zu reifen.

Wenn Erwachsene aber versuchen, dieses Gefühl, für das die Amerikaner den wunderbar treffenden Begriff teenage angst haben, filmisch umzusetzen, geht das oft schief. Weil sie oft nur Pubertätsklischees bedienen und sich nicht an ihre eigenen Abgründe in jenen prägenden Jahren heranwagen - oder gar nicht mehr in sie hineinversetzen können. Hinzu kommt das heiße Eisen Sexualität. Gerade beim Versuch, adoleszierende Mädchen dabei zu zeigen, wie sie die Macht ihrer Verführungskünste austesten und dabei über Grenzen gehen, die für den erwachsenen Zuschauer nur schwer mitanzusehen sind, steht schnell der Vorwurf im Raum, hier könnten ausschließlich männliche Fantasien bedient werden.

Ziska Riemann wird diese Befürchtungen kennen - und wischt sie mit einem hämischen Grinsen beiseite. Leute, ist eben so, kommt damit klar, ruft Riemann den Zuschauern und Kritikern zwischen den Zeilen zu. Und sie weiß, wen sie zitiert und was dies im Zuschauer, männlich wie weiblich, auslöst: Aris dunkelhäutige Nachbarin sieht mit ihrer Afro-Mähne aus, als sei sie direkt einem Blaxploitationfilm der 1970er entsprungen und müsste "Foxy" heißen. Die Rachefantasien der Mädchen erinnern an Tarantino. Vor allem aber leiht sich die Regisseurin, die auch Comics zeichnet, viel von japanischen Animes und Mangas - was dem Film seine ganz eigene, unverwechselbare Ästhetik verleiht.

PS: Nach all den Anspielungen auf Raubtiere und Triebe, die sich als Leitmotiv durch Riemanns Film ziehen, müssen Sie unbedingt auf das kleine Tier achten, das am Ende des Films über die Leinwand hoppelt. Putzig, oder? Aber vielleicht machen Sie besser ihre Heilige Handgranate von Antiochia scharf. Nur zur Sicherheit.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Bedingt abwehrbereit"
21.55 Uhr, ARD
DOKU Der Artikel war ellenlang, sauber recherchiert und staubtrocken geschrieben. Am 8. Oktober 1962 belegt "Der Spiegel", dass die BRD zum atomaren Schlachtfeld der Weltmächte werden könnte. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der die Bundeswehr bis an die Zähne atomar bewaffnen will, lässt Autor Conrad Ahlers und Chefredakteur Rudolf Augstein wegen Geheimnisverrat verhaften... Stefan Aust und Frank Gensthaler befragten Zeitzeugen und beleuchten die Hintergründe der "Spiegel-Affäre", die 20.15 Uhr als dramatisierter Spielfilm ebenfalls von der ARD ausgestrahlt wird. Der Film ist allerdings nur bedingt empfehlenswert, befindet unser Rezensent Oliver Creutz. "Wir erleben 100 Minuten weitgehend braves Ausstattungsfernsehen, das sich im Schweinsgalopp durch Zeit und Räume bewegt." (bis 22.38)

"Swimming Pool"
23.00 Uhr, Bayern

PSYCHOKRIMI von François Ozon. Auf dem Landgut eines Verlegers verstrickt die attraktive Julie (Ludivine Sagnier) die britische Autorin Sarah Morton (Charlotte Rampling) in ein tödliches Drama... So sexy kann Kino zur Europawahl sein - wenn es aus Frankreich kommt. (bis 0.35)

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