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Das Fernsehgericht tagt: "Die Spiegel-Affäre" Bedingt fernsehtauglich


"Die Spiegel-Affäre" rekapituliert die Privatfehde zwischen Rudolf Augstein und Franz Josef Strauß. Leider ist dabei nur braves Ausstattungsfernsehen entstanden, das durch die Zeit rauscht.
Von Oliver Creutz

Als die Staatsmacht die Redaktion stürmt, liegt der Mann, der diesen Sturm ausgelöst hat, unter einer Frau. Rudolf Augstein, der Jahrhundert-Verleger und Erfinder des "Spiegel", war halt auch nur ein Croissant kauender Schürzenjäger, der seinen Erfolg bei den Damen seiner Unverblümtheit und seinem gesellschaftlichen Rang zu verdanken hatte.

Im Herbst 1962, als die Welt beinahe in den nächsten großen Krieg schlittert, legt sich der "Spiegel" mit dem deutschen Staat an - und gewinnt. Der Fernsehfilm "Die Spiegel-Affäre" rekonstruiert die Geschehnisse, die sich 1957 in Gang gesetzt hatten.

Strauß' Alptraum

In jenem Jahr erwacht der deutsche Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß keuchend aus einem Traum, in dem eine Atombome auf München niedergegangen ist, und er begründet auf diesem Albtraum seine Politik: Deutschland soll sich gegen die Russen wehren können, am besten mit eigenen Atomwaffen. Dem Hamburger Verleger Augstein ist diese Haltung suspekt, nach einem mehr feuchten als fröhlichen Abend mit Strauß in Augsteins Villa beschließt er, dass der Bayer gefährlich sei, und macht es zu seiner Aufgabe, ihn aus dem Amt zu schreiben.

Es entspinnt sich ein Privatkrieg zwischen dem alerten Norddeutschen und dem barocken Bergmenschen, oder, wie es im Film heißt, zwischen einem Zyniker und einem Intriganten.

Augstein will dem Obrigkeitsdenken eine Ende bereiten

"Die Spiegel-Affäre" nimmt uns mit zurück in eine Zeit, als Deutschland noch vormodern erscheint. Der Geist war ein anderer, der Kanzler trank Kaffee aus Porzellan mit Goldrand, nur in der Redaktion des "Spiegel" regt sich - auch ästhetischer - Widerstand: Augstein will dem Obrigkeitsdenken eine Ende bereiten. Das Nachrichten-Magazin entsteht auf Stühlen von Egon Eiermann, Augsteins Bücher ruhen auf einem skandinavischen Holzregal. "Wir machen Racknroll", sagt ein leitender Redakteur selbstgefällig.

Racknroll? Eher in seiner deutschen Variante. Wir erleben 100 Minuten weitgehend braves Ausstattungsfernsehen, das sich im Schweinsgalopp durch Zeit und Räume bewegt. Möglichst viele Informationen dieses doch komplexen Falls rund um Landesverrat und Männerfeindschaft müssen in wenigen Bildern und Dialogsätzen untergebracht werden, was zu Randbemerkungen führt wie der, dass beim "Spiegel" einige ehemalige Nazis untergekommen waren. Damit wir wissen, worum es geht, werden immer wieder Redaktionskonferenzen gezeigt, die leider sehr nah an der Wirklichkeit sind: Dort sitzen Herren, die sich für allwissend halten, und dozieren vor sich hin. Das ist nicht sehr filmtauglich. Auch Strauß hält gern politische Vorträge, am liebsten in Gegenwart seiner verständnisvollen Frau.

Francis-Fulton Smith spielt den Strauß, als sei er Tony Soprano: schwer, exzessiv, auch torkelnd und traurig. Sebastian Rudolph gibt den Augstein als selbstgefälligen Freak. Aber wenn die ARD ernsthaft glaubt, sie habe mit diesem Film ein deutsches Pendant zu den "Mad Men" geschaffen, dann hat sie leider vergessen, ein Raubtier wie Don Draper unterzubringen. Eine schöne Szene gelingt immerhin, als Augstein die sagenumwobene Geschichte "Bedingt abwehrbereit" im Bett überfliegt und als "langweiligen Schwachsinn" abkanzelt. Sie brachte ihn für 103 Tage ins Gefängnis und zementierte den fabelhaften Ruf des "Spiegel". Am Ende lässt Adenauer seinen Verteidigungsminister Strauß fallen, und Augstein geht, frisch entlassen, mit seinen Redakteuren in die Bar. Ein Prosit auf das Sturmgeschütz.

Urteil: Ein Fernsehfilm wie eine Titelgeschichte des "Spiegel" - gehaltvoll, aber zu langatmig.

Die ARD zeigt "Die Spiegel-Affäre" am Mittwoch, 7. Mai, um 20.15 Uhr


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