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Zum Tod von Fritz J. Raddatz: Interview mit einem Großkotz

Fritz J. Raddatz ist tot. Der Literaturkritiker, der sich selbst als Großkotz bezeichnete, gab dem stern vor einem Jahr ein Interview, in dem er wie gewohnt kein Blatt vor den Mund nahm.

Von Stephan Maus

Fritz J. Raddatz, einer der bedeutensten Literaturkritiker Deutschlands, ist am Donnerstag im Alter von 83 Jahren gestorben

Fritz J. Raddatz, einer der bedeutensten Literaturkritiker Deutschlands, ist am Donnerstag im Alter von 83 Jahren gestorben

Er war ein Zeitzeuge des deutschen Kulturlebens: Fritz J. Raddatz, langjähriger Feuilleton-Chef der Wochenzeitung "Die Zeit", zählte zu den einflussreichsten Literaturkritikern in Deutschland. Er schrieb mit spitzer Feder und ohne Weichzeichner, konnte verletzend und bösartig sein. Erst im vergangenen Jahr hatte er seinen Abschied vom Journalismus erklärt. "Ich habe mich überlebt", schrieb er in einem Artikel für "Die Welt". Dem stern gab er Anfang März 2014 ein ausführliches Interview, das wir anlässlich seines Todes noch einmal online stellen.

Herr Raddatz, in Ihrem Tagebuch versuchen Sie zu Ihrem Kern vorzudringen. Das möchten wir auch. Ihre Mutter ist bei Ihrer Geburt gestorben. Welche Bedeutung hatte dieser Verlust für Sie?

Der Entzug der Mutter hinterlässt eine ungeheure Wunde. Ein vierjähriges Kind, das sich das Knie aufschlägt, schreit "Mama", nicht "Papa". Dann kommt Mama und nimmt es in den Arm. Bei mir kam keine Mama.

Hat dieser Verlust Ihre Beziehung zu Frauen beeinflusst?

Frauen blieben immer Wunschvorstellung. Selbst Frauen, in die ich mich verliebt habe.

Was verdanken Sie Ihrem Vater?

Nichts. Er war ein sadistischer Prügler. So schlimm, dass selbst unser Schäferhund Mitleid hatte und mich ableckte, wenn ich zu ihm in die Hütte kroch. Nicht zu reden von den Kindermädchen, die oft dazwischengingen, weinend, um mich vor der nächsten Tracht Prügel mit der geflochtenen Hundepeitsche zu bewahren

Sie erfuhren Sexualität zuerst durch Missbrauch. Als Sie elf waren, wurden Sie von Ihrem Vater gedrängt, vor seinen Augen mit Ihrer Stiefmutter zu schlafen.

Das war psychische Vergewaltigung. Wenn nicht physische. Ich wurde in etwas hineingestoßen, das einem Elfjährigen fremd ist. Es ging gerade so, aber es ging auch noch nicht richtig. Wie kann ein Elfjähriger, der noch nicht einmal einen ausgewachsenen Penis hat, einer sexuell aufgereizten Frau gegenübertreten, die zuvor mit ihrem Mann Verkehr hatte? Mein Vater stand daneben mit einem riesigen Schwanz. Wahrscheinlich war das ein ganz normaler Schwanz. Aber ein Elfjähriger hat noch nie einen erigierten Schwanz gesehen. Eine Horrorsituation.

Mit 15 Jahren wurden Sie von Ihrem Vormund, dem evangelischen Pastor Mund, verführt. Wieder sexueller Missbrauch.

Das war etwas anderes. Ich hatte mich verliebt. Ich bin nicht gegen meinen Willen missbraucht worden. Er hat sich auch sehr um mich gekümmert. Durch ihn habe ich erst lesen gelernt. Vorher kannte ich nur Karl May. Er hat mir das erste Mal Thomas Mann gegeben.

Haben Sie nach diesen Erlebnissen je wieder zu erfüllter Sexualität gefunden?

Pastor Mund und ich waren lange ein Paar. Diese Beziehung war heimlich. Wenn es hieß: "Jetzt gehen wir ins Kino", dann gingen wir in Wahrheit in den Wald ficken. Schmuddelige Angelegenheit. Nicht frei und lustig und farbig. Später habe ich mich innerlich von ihm entfernt. Danach war ich erst einmal gestört. Als ich dann 1959 aus Ost-Berlin in den Westen geflohen bin, auch weg von ihm, habe ich zum ersten Mal freie Sexualität erlebt. Egal, ob mit Mann oder Frau.

Sie sind 1949 mit 18 nach Ost-Berlin gegangen - aus Abscheu vor dem Adenauer-Deutschland. Auf welches Milieu trafen Sie?

Für mich war es berührend, dass ich als junger Mensch so umstandslos von Emigranten wie Hanns Eisler oder Anna Seghers aufgenommen wurde. Dadurch bin ich in die Emigrantenkreise hineingekommen. Die gab es im Westen nicht. Es ist ja kein einziger Emigrant mit offenen Armen in der BRD aufgenommen worden, geschweige denn zurückgebeten worden. Nicht einmal Thomas Mann.

Wie war die Atmosphäre in der DDR?

Es gab eigenartigerweise ein sozialistisches Bürgertum. Der Bildungshintergrund der Emigranten war ja ein bürgerlicher. Da spielten Hans Mayer und Ernst Bloch vierhändig Klavier, und Karola Bloch sang dazu mit einer großen Perlenkette um den Hals.

Und wie war es in der BRD, in die Sie zehn Jahre später gingen?

Sehr Chichi. Mit Presse konnte man viel Geld verdienen. Dadurch bekam alles etwas Halbseidenes. So hatte Augstein einen goldfarbenen Cadillac. Der Fahrer musste bei Theaterpremieren so lange herumfahren, bis er vor dem Eingang des Hamburger Schauspielhauses halten konnte. Und am Ende der Vorstellung musste er den Cadillac wieder vor dem Theater parken, damit Augstein mit seinem Zweitschlüssel einsteigen konnte.

1953 kam es zum Arbeiteraufstand in der DDR. Damit war die sozialistische Utopie diskreditiert. Warum blieben Sie bis 1959?

Weil ich so etwas wie Schüler hatte. Mein Team im Verlag Volk und Welt, wo ich stellvertretender Cheflektor war. Die hingen an mir. Weil ich versuchte, meine Autoren durchzusetzen.

Werden Sie gern verehrt?

Geliebt. Verehrt ist mir verdächtig. Gut, damals war es nicht Liebe, sondern Verehrung. Das gab es dann auch im Feuilletonressort der "Zeit", das ich ab 1977 leitete. Die fanden einerseits den Paradiesvogel etwas seltsam, schüttelten sich oft auch innerlich, aber gleichzeitig fanden sie mich großartig.

Waren Sie durch den Verlust Ihrer Mutter und Ihren grausamen Vater Ihr Leben lang auf der Suche nach Verehrung und Liebe?

Ohne jede Frage. Sogar meine sogenannte Eitelkeit ist ein Ruf nach Verehrung und Liebe. Als ich jung war, hätte ich wahrscheinlich einen Feuerlöscher geküsst.

Haben Sie in Ihrem Leben genug Liebe bekommen?

Kriegt man doch nie. Ich bin in vielen Dingen unersättlich. Natürlich habe ich im Laufe meines Lebens immer wieder so etwas bekommen. Auch im Privatleben. Manchmal gab es auch überraschenden Entzug, weil ich für Menschen unerträglich war. Zu intensiv.

Langweilt Sie Ruhe?

Sie ist nicht in meinem System. Nun kann Unruhe produktiv sein. Aber sie ist eben auch ein Grund dafür, warum Menschen mich nach einer Weile nicht mehr aushalten. Irgendwann fiel ich sogar jemandem wie Ledig-Rowohlt auf die Nerven. Dabei war er ja selbst ein kraftstrotzender, zugleich hochsensibler Mann.

Neun Jahre nachdem Ledig-Rowohlt Sie zu seinem Stellvertreter im Rowohlt Verlag gemacht hatte, feuerte er Sie.

Dabei war es fast eine homoerotische Beziehung zwischen uns. Er hat mich geliebt. Ich habe die unglaublichsten Briefe von ihm.

Haben Sie miteinander geschlafen?

Um Gottes willen! Nicht anfassen! Aber er hatte eine solche Ader. Er hat auch mit Jungs geschlafen. Weil er dem Leben zugewandt war. Mal geht man ins Bordell, mal schläft man mit einem Jungen. Aber selbst ihm wurde meine Unruhe zu viel. Er sagte: "Ich konnte den Fritz nicht mehr ertragen." Später sagte er in einer Rede auf der Frankfurter Buchmesse: "Die Jahre mit Fritz - das waren meine besten Jahre im Leben."

Sie haben im Westen steile Karrieren gemacht. Nach dem Mauerfall sind Sie dann erst mal mit Ihrem Porsche in die DDR gefahren. Musste das sein?

Ja, musste sein. Weil ich auf rätselhafte Weise noch immer an diesem Land hing. Es war für mich so aufregend, dass ich geweint habe.

Tränen sind okay. Aber Porsche?

Sollte ich mir deswegen einen Tretroller anschaffen? Ich war auch ein bisschen wie der Sizilianer, der in New York Karriere gemacht hatte und plötzlich ein Riesenschlachtschiff fährt. Und mit dem nach 20 Jahren zurück nach Sizilien kommt und den zeigen will.

Sind Sie ein Großkotz?

Partiell.

Sind Sie gern Großkotz?

Ich bin es. Ob ich es gerne bin? Vieles von dem, was ich bin, bin ich vielleicht gar nicht so gerne. Aber ich bin es nun mal.

1985 hat auch "Die Zeit" Sie gefeuert, weil Sie ein fingiertes Goethe-Zitat für bare Münze genommen haben. Wie lebt es sich mit einem ruinierten Ruf?

Der ist nicht ruiniert. Sonst würden Sie ja hier nicht ein Interview mit mir führen. Der läppische Fehler hängt mir an. Das wird so bleiben. Vielleicht steht er auf meinem Grabstein. Kann ich auch nicht verhindern. Heute nehme ich das überhaupt nicht mehr wichtig. Damals war es sehr schmerzhaft.

Was hat am meisten geschmerzt?

Dass die Zeitung mich im Stich gelassen hat. Sie hätte mich verteidigen müssen. Diese Verantwortung hat ein Arbeitgeber nun einmal.

Warum wurde Ihnen ein "läppischer Fehler" zum Verhängnis?

Weil man mich wieder einmal satthatte. Ich hätte auch in der Nase bohren können, es wäre dasselbe passiert. Diese Ehe war kaputt.

Der Kulturbetrieb war voller Häme.

Mich hat erstaunt, dass es auch da keine Verteidigung gab. Aber Neid ist neben Sexualität die ausgeprägteste Eigenschaft des Menschen.

Helmut Schmidt? Ein Scharlatan

Man freut sich, wenn der Pfau Schmutz auf dem Rad hat.

Oder eine Schwanzfeder verliert.

Sie sind selbst schuld an Ihrem Sturz.

Ich bin an allem schuld. Außer daran, dass ich geboren bin. Was leider nicht zu verhindern war.

Sie sind zuvor immer zu großsprecherisch aufgetreten.

Ganz sicher. Großkotzig. Ist mir ganz wurscht. Können Sie gerne so drucken.

Sie haben die Leute zu oft belehrt.

Belehren ist unser Beruf. Kracauer hat belehrt, Tucholsky auch. Aber ich habe mich zu hochmütig benommen. Nun sage ich: Hochmut kommt auch von hohem Mut. Ich hatte immer hohen Mut. Und habe, ob es Bucerius oder Dönhoff gefiel, mein Ding zu Ernst Jünger gesagt. Dass er ein Präfaschist war. Sie glauben nicht, was da los war. Bucerius hat sich Berge von Jünger-Büchern kommen lassen. Klett, der Jünger-Verleger, hat zu Bucerius gesagt: "Wenn der Mann bei Ihnen bleibt, gibt es nie mehr eine Anzeige."

Sie haben Debatten inszeniert, aber auch viel Wind gemacht.

Ich war sicherlich auch eine Windmaschine.

Warum gibt es keine Großkritiker wie Joachim Kaiser, Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz mehr?

Vielleicht ist man heute ernster, stiller. Ich hatte die Buchmesse noch nicht betreten, da kamen die Fotografen. Gibt ja das berühmte Foto, links von mir Inge Feltrinelli, rechts Gabriele Henkel mit schwarzen Schwanenfedern. Wir waren auch Zirkusleute.

Grass war bei der Waffen-SS, Raddatz fällt auf eine Goethe-Parodie rein. Vielleicht ist die Zeit der Instanzen einfach vorbei.

Na ja, wenn Sie denken, wie die Deutschen Helmut Schmidt anbeten.

Was halten Sie von ihm?

Nichts. Gar nichts. Ein Scharlatan.

Warum?

Das fängt damit an, dass er sich nie dazu geäußert hat, wie das eigentlich war, Oberleutnant bei Hitler zu sein. Seinen Eid auf Hitler zu schwören. Mich würde zum Beispiel interessieren, ob er sich an diesen Eid gebunden gefühlt hat. Wie ja tragischerweise viele 20.-Juli-Leute. Die sagten: "Aber ich habe den Eid geschworen. Ich kann den Eid nicht brechen." Und warum zum Beispiel hat er in Uniform für sein Hochzeitsfoto posiert? Es gab mit Sicherheit keinen Führerbefehl, dass Hochzeitsfotos nur in Uniform zu machen waren. Also war er sehr stolz darauf. Und hat die Ehre des deutschen Volkes in der Sowjetunion verteidigt. Obwohl wir die überfallen haben, höre ich immer. Heute lobt er Mao und findet es verständlich, dass auf dem Tian'anmen-Platz die Leute erschossen wurden. Regt sich über Waffenexporte auf. Dabei gab es unter seiner Regierung enorme Waffenexporte. Er nimmt nie zu irgendetwas Stellung, sondern belehrt die Menschen. Er ist ein Ersatz-Hindenburg.

Woher kommt Ihr Rochus?

Weil ich ihn für ein Symbol der deutschen Verlogenheit halte. Und es ist hanebüchen, wie er das von der Bundesrepublik zur Verfügung gestellte Personal wie seine Dienstboten benutzt. Wieso muss ihm der Steuerzahler seinen Rollstuhlschieber bezahlen? Der ist sein Bewacher. Aber nicht sein Rollstuhlschieber.

Sein ganzer Habitus stört Sie.

Ein Bescheidenheitsprotz! Ist ja leicht, bescheiden zu sein, wenn ich mir vom Kanzleramt meine Dienstboten bezahlen lasse.

In Ihren Tagebüchern veröffentlichen Sie viel Tratsch. Was lernen wir aus all dem Klatsch?

Ich spieße das Verhalten anderer Menschen auf. Auch Fehlverhalten. So zeichne ich mit meinem George-Grosz-Stift, wie unsäglich sich Rudolf Augstein benommen hat. Wie verlogen er war. Und wie übel er sich Frauen gegenüber benommen hat. Das charakterisiert seine Bösartigkeit. Die ja auch das Parfüm seines Blattes war. Er selbst hat es Verfolgerblatt genannt.

Mit solchen Indiskretionen kränken Sie Menschen.

Dann sollen sie gekränkt sein. Ich war ja auch gekränkt, als ich in den Tagebüchern von Peter Rühmkorf las, ich sei ein Affe. Aber dann habe ich gelacht. Am meisten sind doch die gekränkt, die nicht in meinen Tagebüchern vorkommen.

Gegen sich selbst sind Sie unerbittlich. Ihnen scheint nichts peinlich zu sein.

Doch, natürlich. Ich bin im Ganzen eine peinliche Figur. Ich habe so oft in meinem Leben versagt. Ich habe mich so oft in meinem Leben geirrt. Literarisch geirrt. Sehr heikel: Ich habe nicht die Qualität von Peter Weiss'"Ästhetik des Widerstands" erkannt.

Sie machen Ihre Peinlichkeit mit Wollust publik.

Ich kann's doch nicht ändern. Ich kann doch nicht aus meinem Charakter raus. Das ist nicht Wollust. Das ist Ehrlichkeit.

Normalerweise versucht man, Peinlichkeit zu verbergen.

Kann man machen. Dann ist man verlogen. Dazu hatte ich keine Lust. Dann hätte ich die Tagebücher überhaupt nicht publizieren sollen. Wenn man sich schonen will, schlängelt man sich durchs Leben. So wie ein Samen. Die schlängeln sich auch.

Sind Sie Psycho-Exhibitionist auf Jagd nach Aufmerksamkeit?

Ich bin überhaupt kein Exhibitionist. Sonst gäbe es sehr viel mehr Sexszenen in den Tagebüchern. Die einzige Fast-Sex-Szene beschreibt, wie Eva Rühmkorf dem sterbenden Peter Rühmkorf einen Spiegel vor den Schwanz hält. Denn wie fast alle sterbenden Männer hat er sie gefragt: "Geht das noch? Kann ich noch? Ist das alles noch in Ordnung?" Auch Thomas Brasch hat das Katharina Thalbach gefragt, als er im Sterben lag. Also hat Eva Rühmkorf einen Handspiegel geholt und ihm unter den Schwanz gehalten. Er konnte sich ja nicht mehr vorbeugen. Und sie hat gesagt: "Guck mal, ist alles noch prima in Ordnung, ganz appetitlich." Finde ich sehr berührend, diese Szene.

Man merkt schon: Auch der zweite Band Ihrer Tagebücher liest sich wieder sehr süffig. Doch er ist auch von tiefer Trostlosigkeit.

Ja.

Ein trauriges Buch. Ist das Leben nur noch traurig?

Es ist zu Ende.

Sie leben doch noch. Und zeigen sich gerade in Bestform.

Ich bin ein guter Schauspieler. Das Buch ist ein Bilanzbuch. Und die Bilanz ist nicht so toll. Das Leben wird leer mit 82. Die meisten sind tot. Rühmkorf, Kempowski, Zadek. Weg, weg, weg.

Ist das Alter nur schrecklich?

Da kann ich nur Philip Roth zitieren: "Das Alter ist ein Massaker." Das Wissen: Du hast deinen Lebenskreis ausgeschritten. Das Wollen war so schön. Weg! Das Haben-Wollen, was ja auch schön ist, denn es heißt auch Sein-Wollen: nichts mehr davon. Ich fahre nur noch selten in die Stadt. Dann sehe ich etwas Schönes und sage: Wozu noch kaufen?

Der Kulturbetrieb wirkt in Ihren Einträgen verrotteter denn je.

Ist er ja auch. Ich muss Honoraren nachlaufen. Wenn ich etwas schreibe, ist das bestellte Arbeit. Und dann muss ich nachhaken und fragen: "Sie laden mich nach Frankfurt ein. Ich soll da hinkommen, soll da reden. Darf ich fragen, was Sie zahlen?" Dann heißt es: "Darüber haben wir noch gar nicht nachgedacht." Das ist verrottet.

Und trotzdem sind Sie wie süchtig nach diesem Kulturbetrieb.

Man ist ungern auf dem Altenteil. Ich bin mehr als zur Hälfte abgeschafft. Das ist immer bitter für einen Schreiber. Das war auch für Heinrich Mann im amerikanischen Exil entsetzlich. Es ruft keiner mehr an. Ich verstehe das ja sogar. Ich würde als Feuilleton- Chef auch nicht unentwegt einen 82-Jährigen anrufen. Ich bin ein Has-Been.

Sind Ihre bissigen Tagebücher Rache an all Ihren literarischen Freunden wie Grass, die sich dem Wahren gewidmet haben, während Sie nur Kritiker waren?

Rache ist keine Kategorie für mich. Ich habe mein Tagebuch nicht geschrieben, um jemanden in die Pfanne zu hauen. Ich habe ein Nachtbuch geschrieben, wie ich sage. Denn ich schreibe nachts, unzensiert, zur Selbstreinigung.

Mich erstaunt, dass Sie in Ihrer Eitelkeit noch nicht auf die Idee gekommen sind, dass Sie viel radikaler sind als all Ihre Freunde mit ihren Blechtrommler- Geschichten.

Das sagt man mir manchmal. Dass ich stilistisch moderner bin als Böll in "Ende einer Dienstfahrt".

Ihren Stil finde ich gar nicht so modern. Der ist mir egal.

Das ist ja unerhört!

Mich reizt die Radikalität Ihres Unternehmens: gnadenlose Offenheit gegen sich selbst und andere.

Nun setze ich mich nicht hin und sage: "Heute will ich radikal sein." Das will raus. Der Dreck des Tages. Der Dreck einer fehlgegangenen Liebe. Der Dreck einer Verletzung, die immer wieder hochkommt.

Können Sie damit leben, dass man sagt: "Die Tagebücher sind Raddatz' größtes Werk"?

Ich kann sogar damit leben, dass man mir sagt, der Prosa-Autor Raddatz ist uninteressant.

Mit welcher Boshaftigkeit ginge dieses Gespräch in Ihr Tagebuch ein?

Ich würde mich beschweren, dass es weder Champagner noch Kaviarbrötchen gab.