HOME

ZDF-Streitgespräch: Zwei über dem Zenit

Duell der Dinosaurier: Marcel Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk redeten gestern über das Fernsehen. Die angekündigte Grundsatzdebatte blieb aus. Stattdessen lieferten sich die Beiden ein konfuses Wortgefecht, dem genau das fehlte, worum es ging: Bildung und Unterhaltung im TV.

Von Mark Stöhr

Schrecklich! Abscheulich! Scheusslich! – Der Hunger in der Welt? Die Finanzkrise? Die Zunge von John McCain? Nein, viel schlimmer: Das deutsche Fernsehen. Marcel Reich-Ranicki, einst der berühmteste TV-Literaturkritiker der Nation, wurde bei der Fernsehpreis-Verleihung schrecklich! abscheulich! scheusslich! übel und bekam dafür vom ZDF einen halbstündigen Aufenthalt im Kurhaus Wiesbaden spendiert.

Und weil Thomas Gottschalk, einst der berühmteste Showmaster der Nation, die wahnwitzige Idee dazu hatte, musste er gleich mit. So saßen sie nun also gestern im ehrwürdigen Carl-von-Ibell-Zimmer wie zwei Rheumakranke im Thermalbecken und sollten Krawall machen. Ein grundsätzliches Streitgespräch über den Zustand des Fernsehens stand auf dem Programm. Um es vorwegzunehmen: Es wurde ein ödes 0:0-Spiel. Die Zuschauer im Stadion hätten ihre Sitzkissen auf den Rasen geschmissen.

Marcel Reich-Ranicki kann nicht mehr und Thomas Gottschalk konnte noch nie. Der eine guckt selten Fernsehen und, wenn, nur ARTE. Der andere präsentiert seit über 20 Jahren Leute, die Lastwagen auf Biergläsern parken oder Flaschen mit dem Luftgewehr öffnen. Zwei überm Zenit, die sich ernsthaft darüber unterhalten sollten, wie das Fernsehen von heute funktioniert und besser werden könnte.

Eine Farce. Reich-Ranicki polterte wie gewohnt los und warf den Senderverantwortlichen unisono Unfähigkeit vor. Keine Ahnung von nichts! Beschämend! Schon Friedrich Schiller wusste es besser! Und Shakespeare sowieso! Hatte die Brandrede des 88-Jährigen im gelackten Rahmen des Kölner Coloneums noch einen gewissen ketzerischen Charme, wirkten seine Ausbrüche nun hohl und altersstarr.

Gottschalk auf Deeskalationskurs

Gottschalk war zumeist auf Deeskalationskurs und gab zu bedenken, dass eine solche Veranstaltung vielleicht einfach nichts für einen wie Reich-Ranicki gewesen sei. Zu lärmend und zu lang. Will heißen: Wenn deine Blase das nicht mehr mitmacht, können wir doch nichts dafür! Der Kritiker-Rentner war da noch damit beschäftigt, Helge Schneider mit Atze Schröder zu verwechseln. Was für ein Pech, es hätte sonst doch noch böse enden können.

So blieb es beim Uralt-Diskurs über den Gegensatz von Bildung und Unterhaltung. "War es nicht schon im alten Rom so", fragte Gottschalk forsch, "dass Seneca kluge Sachen sagte und die Plebs lieber im Circus Maximus saß und darauf wartete, dass die Löwen reinkamen?"

"Blödsinn!", krakeelte es von links. Brecht habe gezeigt, wie man anspruchsvolle Stoffe durch Musikeinlagen auflockere. Überhaupt Brecht, der sei der Richtige fürs Fernsehen. Brecht-TV: Dazu fiel selbst Gottschalk nichts mehr ein.

Dann hob er an zum Generalangriff gegen die "Arroganz der Eliten". Die igelten sich ein und sähen nicht, dass es auch Fernsehgucker mit schlichteren Programmwünschen gäbe. "Die Welt wird nicht schlechter, wenn Bauern verheiratet und Models gesucht werden!", rief er aus und forderte die Bildungsbürger zu einem schiefen Schulterschluss auf: "Verlasst euer hohes Ross und bewegt euch nach unten in unsere Richtung."

Das war Reich-Ranicki zu viel oben und unten. Er wechselte das Thema und schlug stattdessen lieber auf die Fernsehkritiker ein. Kein erwachsener Mensch würde sich heutzutage noch ernsthaft mit dem Medium beschäftigen. Das sei nur noch Sache von Hospitanten und Volontären. Na, danke schön.

Der Kulturbeutel und der Unterhaltungsclown redeten die meiste Zeit aneinander vorbei und gingen in verschiedenen Richtungen auseinander. Sie hatten ihre halbe Stunde und das ZDF sein Feigenblatt. Das Fernsehen wird so weitermachen wie bisher. "Wir sollten uns rächen", hatte Gottschalk bei der Fernsehpreis-Verleihung zu Reich-Ranicki gesagt, "und über all das reden, über das im Fernsehen nicht mehr geredet wird." Sie haben sich gestern gerächt, weiß Gott. Es war schrecklich! abscheulich! scheusslich!: belanglos.