Wer hat heute noch klassische Enzyklopädien im Bücherregal stehen? Schon vor Jahren hat das Internet mit Online-Enzyklopädien wie der beliebten Wikipedia die gedruckten Nachschlagewerke abgelöst. Diese feiert am heutigen 15. Januar 2026 ihren mittlerweile 25. Geburtstag - und bleibt umstritten.
Unzählige Menschen nutzen sie täglich, um sich Wissen anzueignen oder es weiterzutragen. Laut Wikimedia Deutschland, einem gemeinnützigen Förderverein für die deutsche Wikipedia, besuchten im vergangenen Jahr täglich zwischen 7,5 und neun Millionen Menschen die deutschsprachige Ausgabe. Weltweit wird die Online-Enzyklopädie demzufolge von gut 250.000 aktiven Autorinnen und Autoren gefüttert. In Deutschland erscheine rund alle vier Minuten ein neuer Artikel auf der Seite. Da man kein Experte sein muss und in der Theorie jeder Inhalte zu allen erdenklichen Themen einbringen kann, stellt sich jedoch stets die Frage, inwieweit man den vermerkten Infos Glauben schenken kann.
Wikipedia ist (k)eine Quelle
"Wikipedia ist keine Quelle." Solche oder ähnliche Sätze dürften viele Menschen schon in der Schule oder an der Uni gehört haben. In einer Zeit, in der das Vorbereiten von Referaten noch nicht ChatGPT oder anderen KI-Alternativen überlassen wurde, war Wikipedia für viele trotzdem eine der wohl ersten Anlaufstellen. Und wenn eine Schülerin oder ein Schüler ein bisschen Geschick mitbrachten, fiel das der Lehrkraft auch nicht auf.
Die Suche nach Infos zu einem spezifischen Thema gestaltete sich auf einmal so viel einfacher. Wer fundiert arbeiten wollte, durchforstete auch weiterhin in der Bibliothek oder im Netz Fachpublikationen. Wer möglichst wenig Zeit aufwenden wollte, der fühlte sich hier genau richtig, um das Referat vorzubereiten oder sich zumindest grob zu informieren.
Der Vorteil von Wikipedia: Während KI nicht selten zwar richtig klingende, aber ganz einfach falsche Infos halluziniert, stecken hier hinter allem Menschen, die in vielen Fällen versuchen, faktisch richtige Angaben zu machen und fundierte Quellen dafür zu liefern. Der Nachteil: Es gibt etwa jene, die absichtlich Falschinformationen streuen wollen. So versuchten laut "br.de" offenbar ab etwa 2005 Rechtsextreme über Jahre mit Fake-Accounts Wikipedia-Artikel für ihre Zwecke zu nutzen. "Die meisten der manipulierten Einträge sind inzwischen verschwunden. Alle wahrscheinlich nicht", heißt es dort. Ausführlich wird das Thema im ARD-Podcast "Sockenpuppenzoo - Angriff auf Wikipedia" von Christoph Schattleitner und Daniel Laufer behandelt, der im Januar 2025 veröffentlicht wurde.
"Inhaltliche Schieflage" als größte Gefahr
Im Gespräch mit SWR1 erklärte der Medienforscher Dr. Thomas Roessing: "Die größte Gefahr bei der deutschsprachigen Wikipedia ist, dass Artikel eine inhaltliche Schieflage haben. Das gibt es bei gesellschaftlich umstrittenen Themen. Da ist Wikipedia also im Grunde ein Spiegel der Gesellschaft." Bei einfachen Sachinformationen fänden sich "sehr selten Falschinformationen", sagte er im Januar des vergangenen Jahres. "Wenn Sie aber in die Bereiche gehen, wo gesellschaftliche Konflikte herrschen, dann gibt es immer wieder Nutzer, die versuchen, ihre Sichtweise in den Artikel hineinzudrücken."
Der Medienforscher rät dazu, sich die Diskussionsseite anzusehen, die jeder Artikel besitze: "Wenn sie auf dieser Diskussionsseite sehen, dass dort vielleicht schon seit Jahren um einzelne Formulierungen gestritten wird [...], dann wissen Sie, dass an diesen Stellen Streit herrscht und dass sie sich vielleicht noch auf anderen Quellen informieren sollten."
Fakt oder Meinung?
Auf einer solchen Diskussionsseite zum Artikel über Jimmy Wales wurde beispielsweise im November auch gefragt, ob jener nun "der Founder oder Co-Founder" von Wikipedia sei. Hier wurde darauf verwiesen, dass im deutschen Artikel über Wikipedia sowohl Wales als auch Larry Sanger aufgeführt sind. In ihren jeweiligen Artikeln werden beide aktuell "Mitbegründer" genannt.
Kurz zuvor hatte ein sehr kurzes Interview von Wales mit dem Journalisten Tilo Jung für das Format "Jung & Naiv" für Aufsehen gesorgt. Wales stellte sich dort als "Gründer von Wikipedia" vor. Auf Jungs Nachfrage, ob er "Gründer oder Co-Gründer" sei, antwortete er gefühlt recht patzig: "Das ist mir egal. Das ist die dümmste Frage der Welt." Jung hakte weiter nach: "Da scheint es einen Disput zu geben?" Wales erklärte, dass es "keinen Disput" gibt. "Es ist mir egal. Sag was du willst, es ist egal." Jung entgegnete, ob dies nicht ein Problem sei, wenn es um Wikipedia gehe. "Was sind die Fakten?", fragte er. Wales sprach davon, dass es "kein Fakt", sondern "eine Meinung" sei.
Eine erneute Nachfrage Jungs sorgte dafür, dass Wales schließlich nach weniger als einer Minute geradezu aus dem Studio stürmte. Man möchte sich nicht vorstellen, was wohl wäre, wenn die vielen Helferinnen und Helfer ähnlich reagierten, wenn es um Fakt oder Meinung auf der Wikipedia-Seite geht. Bei Wikimedia Deutschland hieß es in einer Pressemitteilung aus dem November, in der Daten, Zahlen und Meilensteine im Rahmen des anstehenden Jubiläums aufgegriffen wurden, zumindest: "15.01.2001 Jimmy Wales und Larry Sanger gründen die Wikipedia."