HOME

"Germany's next Topmodel": Die Heulboje ist untergegangen

"Sexy Posen" lautete das Lernziel der zwölften Folge. Entscheidend war: Gisele, der letzte Störfaktor im Reigen der Scheinheiligkeiten hat die Modelvilla verlassen. Nun können sich die verbleibenden fünf Kandidatinnen dem Finale entgegenkuscheln und sich insgeheim die Pest an den Hals wünschen.

Von Mark Stöhr

Frauen können manchmal so grausam sein. Als Heiß-Heißer-Heidi nach einem quälend langen Vortrag über fehlende Disziplin und nicht genutzte Chancen Gisele die Kunde überbrachte, dass sie diesmal ohne Bild bleibe, und die 20-Jährige daraufhin noch einmal ein Best-Of ihrer Tränenvariationen in G-Moll zeigte, ließ sich lediglich Jennifer zu einer halbherzigen Umarmung hinreißen. Die anderen taten teilnahmslos und starrten stumm auf ihre manikürten Fingerchen. So einen Abgang hatte selbst die größte Nervziege der Nation nicht verdient. Wo blieben die falschen Gefühle, die den Kandidatinnen so mühsam antrainiert wurden? Wo das "Top" vor "Model", wie die Klum zu sagen pflegt?

Man würde ja gerne mutmaßen, dass sich Gisele nach dem desaströsen Rauswurf erst einmal schön einen durchgezogen hat. Das könnte aber teuer werden. Nach den "Bild"-Vorwürfen über den angeblichen Marihuana-Konsum der Braunschweigerin, haben sich Anwälte des Themas angenommen. Kein Wort dazu gestern bei "TV Total", wo Gisele zu Gast war und sich bestens gelaunt auf der mobilen Couch räkelte. Stattdessen plauderte sie über ihre Ausbildung zur "Bereiterin", was scheinbar ein Fachbegriff aus der Pferdezucht ist, ihren neuen Freund, was die Vermutung nahelegte, dass es einen alten gab - und ihre "verrückte Persönlichkeit". Giseles Selbstwahrnehmung trug schon immer bizarre Züge. Die Vierbeiner können von Glück reden, dass die Evolution ihnen die Fähigkeit zur verbalen Kommunikation vorenthielt.

Dass diese auch manche Exemplare der menschlichen Spezies übersprungen hat, bewies einmal mehr die gestrige "Topmodels"-Folge. Da palaverte ein schwäbischer Modefredi in seinem neuen superhotten Fashion-Outlet derart unverständlich vor sich hin, als sei er direkt von seinem Dorfdialekt ins Denglish gesprungen und habe die Zwischenstufe Hochdeutsch einfach ausgelassen. Solche waghalsigen Manöver kennt man normalerweise nur vom Hochsprung.

Immerhin eine Information ließ sich aus seinem Kauderwelsch heraushören: Gisele hat mächtig zugelegt. Ihr blieb dieses Mal wirklich nichts erspart. Ganz gegen ihre Art gestand sie reumütig ein, sich in der Modelvilla ein paar Kilo zu viel angefuttert zu haben, was den Herrn mit der 50 Euro-Frisur erst so richtig in Fahrt brachte: "Ein paar Kilo zu viel, ist dezent gesagt." Die Häme der fünf besten Freundinnen nach dieser Bloßstellung der ungeliebten Sechsten ließ nicht lange auf sich warten. "Die frisst wie ein Scheunendrescher", gab Wanda zu Protokoll, außerdem habe sich Gisele nach eben jenem Casting ein dickes Stück Pizza reingezogen. Frauen können manchmal so grausam sein.

Dabei sollte es in der zwölften Folge doch um Erotik und nicht ums Essen gehen. Dita von Teese, prominenteste Vertreterin des "New Burlesque" und Ex-Frau von Marilyn Manson, war als Lehrmeisterin geladen. Eine seltsam wächserne Erscheinung mit Hasenzähnen. Wie beim Schulturnen machte sie die Übungen vor, und die Nachwuchs-Pin-Ups versuchten es ihr gleich zu tun. "Sexy Posen", so das Lernziel, sehen wahrlich anders aus. Da wurde auf einem Samtsofa sich gedehnt und gebückt, mit den Locken gespielt und den Augen geblinkert, dass sich selbst ein Pubertierender weiter seiner Spielkonsole widmen würde. Bloß Gisele sprang mal wieder aus der Reihe. Die versuchte nämlich erst gar nicht, erotisch zu sein, sondern machte es sich auf der Couch bequem wie für einen gemütlichen Fernsehabend.

Solche Abende wird das Ex-Möchtergern-Topmodel jetzt wieder viele haben. Es kann fortan genüsslich mitverfolgen, wie sich die verbliebenen fünf Kandidatinnen Richtung Finale kuscheln und sich bei jeder Freudenumarmung insgeheim die Pest an den Hals wünschen. Mit Gisele geht der letzte Störfaktor in diesem Reigen der Scheinheiligkeiten. Wir werden ihre Bockigkeit, ihre Tränen und ihren Singsang vermissen. Und sagen Danke für ihren Mut, sich, ihren Mitbewerbern und nicht zuletzt uns so konsequent den letzten Nerv gezogen zu haben.

Themen in diesem Artikel