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"Germany's Next Topmodel": Erst kloppen, dann kuscheln

Der Kuschelkurs im Beautycamp geht weiter. Sehr zum Missfallen von Modelmama Heidi Klum. Denn die will in ihren Küken endlich den Ehrgeiz und Biss wecken, den es im Modelbusiness braucht. Action-Shooting und Laser-Lauf sollen dazu beitragen, dass endlich der Knoten platzt.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Es ist wirklich zum Wimpern ausreißen! Deutschlands Topmodel-Mädchen sind, man kann es drehen und wenden wie man will, einfach nicht fies genug. Auch in Folge Nummer 11 von "Germany's Next Topmodel" stacksten die unausgereiften Giselle-Bündchen-Imitatationen mit Konfirmandinnen-Gesicht wieder hilflos herum. Diesen Makel kann nicht mal das dickste Make-up kaschieren. Vielleicht sollten die inzwischen nur noch sieben Beauty-Geschöpfe mal bei Ekel-Sprücheklopfer Dieter Bohlen in die Lehre gehen - doch das wäre eine andere Sendung. Also, wann bitte zeigen die Beinhaarlosen endlich: Born to be on High Heels! Denn wer High Heels trägt, der versteht sie auch als perfide Waffe einzusetzen. Und zwar: Immer schön drauf auf die Füßchen der anderen Kandidatinnen.

Dieser Artikel muss mit einem Aufruf beginnen. Und zwar dringend! Moderatorin Heidi Klum ist ja inzwischen auch schon soweit, dass sie die Mädels unvermutet anplärrt als sei sie bei King Kong in die Lehre gegangen. Und sie teilt ihnen unverblümt mit, was Sache ist, nämlich, dass die Mädels immer noch nicht begriffen hätten, um was es geht! Verflixte Gurkenmaske! Ja, hmm, um was geht es eigentlich?

Nur schön aussehen reicht nicht

Grundsätzlich werden in der Sendung Frauen gesucht, die von Natur aus aussehen wie Nachher-Bild-Frauen. Doch, und das ist der Haken: Nur schön auszusehen, das reicht vielleicht für ein Gemälde im Museum, aber längerfristig gesehen nicht für eine Unterhaltungssendung, bei der, bitte schön, Millionen Menschen einschalten sollen, egal ob mit oder ohne Cellulite. Gut, die TV-Redaktion strengt sich an wie man sich wohl nur beim Pickel ausdrücken anstrengen kann und liefert eine abenteuerliche Idee nach der anderen. "Challenges" heißt das dann im Fachjargon. Vertrackte Aufgaben, bei denen die Mädels zeigen können, was in ihnen steckt, sich etwa, wie in der aktuellen Folge, in Juwelendieb-Manier zwischen giftgrüne Laser hindurchzuschlängeln. Aber reicht das?

Die Mädels sind so langweilig wie Heidi Klums perfekt frisierter Pony

Klar, die jungen Leute von heute haben nicht den besten Ruf. Man sollte sich eigentlich freuen wie verrückt, dass die Topmodels in spe so lieb und nett und höflich sind. Man sollte ihnen über ihre topgestylten Köpfe streicheln und vor Begeisterung ein Schaumbad einlassen. Doch was bringt die "Ich kann keinem Peeling-Körnchen etwas zu Leide tun"-Masche der Sendung? "Germany's Next Topmodel" tut nur so, als ob es eine Dokumentarreihe wäre. Tatsächlich wollen die Model-Macher der Dramaturgie eines abendfüllenden Spielfilms folgen - und dafür braucht es nun mal den oder die oder das Böse.

Nun, Heidi Klum gibt sich fast so viel Mühe wie beim Tragen ihrer Ponyfrisur (hat je einer mal gesehen, dass ein Härchen verrutscht ist?), um in die Rolle der bösen Stiefmutter zu schlüpfen. Wenn sie, wie dieses Mal, die Mädchen in deren Hollywood-Hills-Luxus-Villa besucht, guckt sie sofort in den Kühlschrank, zieht eine Packung Pastagericht heraus und kommentiert schnippisch in die Kamera: "Lasagne geht auf die Hüften." Und das ist freilich noch harmlos.

Doch zurück zu den Mädels. Es ist ja nicht so, dass die keine Chance bekommen würden, auch mal, wenigstens ein bisschen, böse zu sein. Geht es beispielsweise mal wieder darum, auszudiskutieren, wer aus der Model-Clique zu einem Casting darf - nur fünf sind zugelassen - dann wäre das eine echte Chance auf einen Krisengipfel. Aber nichts da, das Luder scheint inzwischen eine ausgestorbene Gattung zu sein. Eine bricht nicht etwa der anderen den Fingernagel ab, sondern zwei der Mädchen lassen den anderen bereitwillig den Vortritt: Carolin, die sich anscheinend schon ziemlich siegessicher fühlt, und Gisele, die damit als Außenseiterin Bonuspunkte bei der Gruppe sammeln will. Was Pseudo-Oberstudienrätin Heidi später zu eben jenem Satz veranlasst: "Ihr habt nicht begriffen, um was es geht." Die Konsequenz: Keines der Mädchen darf zum Casting.

"Ich würde gerne zukicken, aber ich trau mich nicht"

Nächste Chance für die Hübschen, Bösewichtinnen zu spielen, ist der Dreh eines Action-Werbespots für einen imaginären Energydrink. Dabei sollen die Mädels sich gebärden wie Lara Croft und einen vermummten Angreifer k.o. schlagen. Ach, du heiliger Lippenstift! Das ist nun wirklich härter als jede Hornhaut. Auch die Heidi weiß: "Wir Frauen kämpfen eher selten, sondern wir sollen sexy sein." Beim Training mit Choreograf Daniel Bernhard geht es denn auch kaum zur Sache. Janina sagt: "Ich habe Angst, dass ich wirklich zuschlage." Jennifer gesteht: "Ich würde gerne zukicken, aber ich trau mich nicht." Euphorie nur bei Christina: "Endlich muss man nicht immer gut ausschauen. Dieses Tussi hier, Tussi da."

Der Dreh unter der Leitung von Regisseur Thomas Job verläuft dann, gelinde gesagt, katastrophal. Da mag auch die gestrenge Heidi die Zügel plötzlich viel lockerer halten und den Mädchen vorgaukeln, sie hätten 1A-Arbeit geleistet, Thomas Job ist nur am Schimpfen: "Die läuft wie ein Dinosaurier", "Das sieht ja aus bei dir wie bei einem Grashüpfer." Am liebsten hätte er gleich Feierabend gemacht und kommentiert abschließend: "Am Set würden die Mädchen keine fünf Minuten überleben."

Puh! Glücklicherweise gibt es noch das Fotoshooting für eine große amerikanische Burgerkette. Das ist im Vergleich wie Wellness-Urlaub. Carolin, Wanda und Christiana werden dafür gebucht, Heidi ist "superstolz" darauf und es ist sicher kein Zufall, dass sie sich selbst gerne mal für den Burgerriesen Pommes Frites zwischen die Zehen steckt - oder war das bei einem anderen Werbespot? Die Mädchen jedenfalls haben endlich mal Spaß, auch wenn es, wie eine der Expertinnen weiß, schwierig sei, eine Gurke oder eine Tomate darzustellen. Das nämlich ist die Aufgabe. Schon beim Stylen ist das Trio total aus dem Häuschen: "Ich wäre gern ein Muffin". Es gab aber auch ernsthafte Bedenken: "Man könnte auch Pech haben und eine Gurke sein."

Raquel, die kecke Schweizerin, hätte es wohl auf sich genommen, das unglaubliche Pech, eine Gurke zu sein. Blieb ihr doch das größte Pech, das einem in dieser Sendung passieren kann, nicht erspart: Sie fand keine Gnade mehr unter den Augen der Jury und flog raus. Für die verbleibenden sechs Mädchen gilt nun weiterhin die Parole des Make-up-Artisten Boris Entrup: "Sonnenschutz! Sonnenschutz! Sonnenschutz!" Und natürlich Heidi Klums Appell: "Macht mir den Schmunzelhasen!" War da noch was?

  • Sylvie-Sophie Schindler