Der erfahrene ARD-Journalist Michael Stocks ist ein Kenner Süd- und Mittelamerikas. Von 2012 an war er sieben Jahre lang Studioleiter des ARD-Studios Rio de Janeiro und berichtete unter anderem 2014 aus jenem Land, in dem Deutschland zum letzten Mal Fußball-Weltmeister wurde. Nun kehrte Michael Stocks zum nächsten "Fußballfest" in die Region zurück. In der ARD-Doku "Mexiko: WM im Schatten der Kartelle" (Freitag, 5. Juni, 23.00 Uhr, Das Erste) berichtet er aus einem Land, in dem Kartelle regieren und die Region mit Gewalt und Chaos überziehen. Darf man an so einem Ort 13 WM-Spiele abhalten – und sind diese überhaupt sicher?
teleschau: Herr Stocks, Sie kennen Süd- und Mittelamerika seit vielen Jahren. Was für ein Land ist Mexiko, in dem nun zum dritten Mal eine Fußball-WM stattfindet?
Michael Stocks: Süd- und Mittelamerika ist ja ein sehr heterogenes Gebiet. Da gibt es Länder wie Argentinien oder Chile, der sehr europäisch geprägt sind. Oder Brasilien, das aufgrund der Bevölkerungsstruktur stark von Afrika beeinflusst ist. Mexiko ist ebenfalls eine ganz eigene Gesellschaft, der es derzeit alles andere als gut geht. Die soziale Ungleichheit ist enorm. Kartelle regieren mehr oder minder mit, sie überziehen das Land mit Terror und Gewalt. Ein Problem ist auch die Migration, die durchs Land zieht. Es sind viele Menschen aus anderen lateinamerikanischen Ländern in Richtung USA unterwegs, die durch Mexiko durchwandern. Und natürlich auch Mexikaner selbst sind unterwegs.
teleschau: Sie haben für Ihren Film Mexiko vor der WM zweimal besucht. Freut man sich dort auf die Fußball-WM?
Stocks: Mexiko ist ein sehr gespaltenes Land. Gerade, wenn man auf die WM schaut. Die Ober- und Mittelschicht freut sich auf das Event mit immerhin 13 Spielen im Land. Die Unterschicht – ein Großteil der Bevölkerung – schaut eher apathisch auf die WM. Keiner dieser Menschen könnte sich auch nur ein einziges WM-Ticket leisten. Dafür sind die Eintrittspreise der FIFA viel zu hoch. Dabei ist Mexiko ein fußballverrücktes Land mit sehr viel Tradition in diesem Sport. Die WM geht als Event am größten Teil der Bevölkerung vorbei. Die Leute werden die Spiele bestenfalls im Fernsehen anschauen können.
"Es gibt keine Politik ohne die Kartelle"
teleschau: Sie berichten in Ihrem Film von 130.000 Verschwundenen in Mexiko – und zeigen Angehörige, die nach ihnen Suchen. Was ist das für ein Phänomen?
Stocks: Es ist wirklich eine gewaltige Zahl von Menschen, die mutmaßlich von den Kartellen entführt, gefoltert und oft auch ermordet wurden. Offiziell gelten diese Menschen als verschwunden, aber keine staatliche Stelle sucht nach ihnen. Es gibt viele Selbsthilfegruppen, die systematisch Orte absuchen, wo sie auf Hinweise oder Überbleibsel ihrer Lieben stoßen könnten. Wir begleiten solche Suchaktionen im Film und sprechen mit den Menschen.
teleschau: Donald Trump sagt, Mexiko würde von Kartellen regiert, weshalb er der mexikanischen Regierung Einsätze amerikanischer Einheiten oder sogar vom US-Militär in Mexiko vorschlägt. Dies lehnt die Regierung dort vehement ab. Hat Trump am Ende recht?
Stocks: Er hat zumindest damit recht, dass der Einfluss der Kartelle in Mexiko sehr groß ist. In vielen Regionen arbeitet die Politik zumindest mit den Kartellen zusammen. Oder besser gesagt: Es gibt keine Politik ohne die Kartelle. Andererseits versucht die Zentralregierung schon auch durchzugreifen. Ende Februar wurde im Bundesstaat Jalisco El Mencho, einer der wichtigsten Drogenbosse und Kartellanführer, getötet. Die Reaktion folgte unmittelbar. Das Organisierte Verbrechen überzog Teile des Landes mit einer Welle der Gewalt. Es gab Straßenblockaden, Brandanschläge, Panik. Dutzende Menschen starben bei Gefechten zwischen Sicherheitskräften und Kartellen. Auch in Guadalajara, einem der WM-Austragungsorte, eskalierte die Lage zeitweise.
teleschau: Kann man an solchen Orten WM-Spiele abhalten?
Stocks: Moralisch sollte und muss man diese Frage stellen. Ich glaube jedoch, dass die Sicherheit der 13 Spiele nicht gefährdet ist – denn auch die Kartelle profitieren von der WM. Sie sind ähnlich der Mafia auf vielen Geschäftsfeldern unterwegs: Drogen, Menschenhandel, Prostitution, Geldwäsche und auch legale Geschäfte. Wenn sehr viele Menschen ins Land ein- und ausreisen, nutzt das den Kartellen. Man kann sehr viele Geschäfte in dieser Zeit abwickeln. Es gibt eine Art Stillhalteabkommen zwischen der Regierung und den Kartellen. Natürlich wird nicht offen darüber geredet – aber letztlich wollen beide Gruppen vordergründig fröhliche Spiele, bei denen nichts passiert.
"Bei jedem Spiel in Mexiko wird es Demonstrationen geben"
teleschau: Man unterstützt mit einer WM in Mexiko aber auch die Macht und das Gedeihen der Kartelle?
Stocks: Ja, das muss man leider so sagen. Die Kartelle verdienen überall mit – und die WM ist vor allem eine der Ober- und schmalen Mittelschicht. Die Frage ist: Was passiert in Mexiko, wenn der WM-Zauber vorbei ist? Da befürchten viele, dass die Gewalt sofort zurückkehren wird. Dann gibt es einen Rückfall in den normalen Wahnsinn Mexikos, wo sich viele Menschen, die es sich leisten können, ein gepanzertes Auto zulegen, um damit sicher in der Gegend umherzufahren.
teleschau: Wird man von all dem während der WM nichts mitbekommen?
Stocks: Ich vermute, dass es vonseiten der Kartelle und der Staatsmacht ruhig bleibt. Allerdings haben viele Bürgerbewegungen laute Proteste angekündigt, um auf die Lage im Land hinzuweisen. Zum Beispiel auf die 130.000 Verschwundenen, nach denen niemand Offizielles sucht. Wir haben mit vielen verzweifelten und wütenden Familienangehörigen der Verschwundenen gesprochen. Diese Menschen planen schon, sich während der WM lautstark zu äußern. Bei jedem Spiel in Mexiko – so lautet die Ankündigung – wird es Demonstrationen geben, um auf ihr Leid aufmerksam zu machen. Viele benachteiligte Gruppen wollen die Aufmerksamkeit durch die WM nutzen. So gab es in Mexiko-Stadt gerade eine Demonstration von Lehrern gegen ihre Arbeitsbedingungen. Lehrer werden in Mexiko sehr schlecht bezahlt, man kann kaum von dem Job leben. Die Polizei ist sehr rigoros gegen die Demonstranten vorgegangen. Auch daran zeigt sich: Ruhe ist für die Veranstalter der WM das oberste Gebot.
"Ein Grundproblem ist die soziale Ungleichheit"
teleschau: Warum sind die gesellschaftlichen Probleme in Mexiko so groß?
Stocks: Ein Grundproblem ist die soziale Ungleichheit. Einige wenige sind sehr reich, einigen geht es ausgezeichnet, doch ein Großteil der Menschen lebt in bitterer Armut. Es gibt kaum Arbeit im Land. Da ist die Versuchung groß, für die Kartelle zu arbeiten oder sonstigen kriminellen Tätigkeiten nachzugehen.
teleschau: Also nutzt die WM in Mexiko nur den falschen Leuten?
Stocks: Ja, man muss es leider so sagen. Viele sind dort fußballverrückt und finden es ganz nett, dass in ihrem Land Spiele stattfinden. In den Stadien werden aber nur jene Menschen zu finden sein, die viel oder sehr viel Geld haben. Zum Fußball gibt es dann Folklore, vielleicht ein bisschen Kulinarik und Bilder begeisterter Fans. Aber es ist definitiv keine WM fürs Volk – und sie verdeckt die gewaltigen Probleme der Menschen lediglich für ein paar Tage.