BORIS BECKER Visionär mit wenig Durchblick


Anklage wegen Steuerhinterziehung hin oder her - wenige Tage vor dem Prozess glaubt Boris Becker wie stets an sich und setzt auf seinen guten Namen.

Er kann so nett sein, geradezu gewinnend. Gern verschenkt er beim ersten Treffen Tennisschläger, jederzeit auch signiert, und auf dem Green, sogar noch am letzten Loch, ist er für ungeschickte Freunde stets ansprechbar. Nur Geschäfte sollte man mit Boris Becker, 34 (Handicap 8), nicht machen. Einer, der das versucht hat, sagt heute, der Herr Becker sei »unreif«, verhalte sich »komisch«. Und überhaupt: »Er ist naiv. Glaubt, sein guter Name genügt.«

Gerichtserprobt in der Sache Becker / Becker

Vielleicht ist aber auch nur der Rest der Menschheit doof. Sieht die Siege nicht, die das deutsche Tenniswunder i. R. nach eigenem Ermessen immer und überall erringt. Sogar damals in Miami, in der Sache Becker gegen Becker. Als er da vor Gericht stand und vom berühmtesten aller Deutschen sprach, nämlich sich selbst, bevor ihn der Anwalt seiner Gattin von einem Desaster ins nächste lockte, da dachten alle, das sei ein schwarzer Tag für den Boris.

War es natürlich nicht, glauben er und seine Entourage noch heute, sondern dank seiner taktischen Meisterleistung ein großer Sieg. Denn am Abend dieses Tages hätte Barbara einem Kompromiss zugestimmt, der ihr statt der zuvor genannten 20, 30 oder 50 Millionen Euro einen Bruchteil davon brachte. Und alles nur, weil ihr »Baron« demonstriert hatte, wie es ist, wenn man im Kreuzverhör steht. Am Tag danach wäre nämlich sie dran gewesen, acht Stunden lang. Man würde sie nach ihren Kaufräuschen fragen, und nach ihrem Tits-and-Ass-Club, worunter sich die Amis sicher was ganz anderes vorstellen als eine Runde reifer Damen im letzten Lodenschrei bei Kaffee und Kuchen aus der Du-Darfst-Abteilung.

Ab 23. Oktober Prozessbeginn in München

Neue Gelegenheit zu Meisterleistungen gibt's am 23. Oktober vor der 4. Strafkammer am Landgericht München 1. Wieder steht Boris Becker vor Gericht. Diesmal als Steuersünder. Wieder sagen gute Freunde: »O Gott, wie peinlich für Boris«, aber natürlich ist auch das für ihn schon jetzt fast ein Sieg. Denn statt der oft genannten zig Millionen Mark Steuern, die er zwischen 1991 und 1993 hinterzogen haben soll, als er offiziell in Monaco wohnte, tatsächlich aber bei seiner Schwester unterm Dach in München, sind nur noch 1 574 778 Euro im Feuer. Der Rest ist verjährt oder nicht belegt. Ein Geständnis, der Nachweis, den Schaden beglichen zu haben, und Becker kann damit rechnen, auf Bewährung, aber als freier Mann das Gericht zu verlassen. Er will dann »neu durchstarten«. Nur, wohin?

Denn aus den Jahren, als das ganze Leben ein Ass war, ist wohl nicht allzu viel geblieben. Auf zirka 340 Millionen Mark wurde im Juli 2001 das Vermögen geschätzt, das Becker durch Preisgelder und Werbeverträge verdient hatte. Allein 30 Millionen Mark in Aktien zahlte angeblich AOL für einen Sechs-Jahres-Vertrag. Zehn Millionen Mark kamen von Daimler-Chrysler, weitere 20 Millionen von einer Lottogesellschaft, 25 Unternehmen sicherten sich Becker als Galionsfigur.

Vor drei Jahren mutierte der jüngste Wimbledon-Sieger urbi et orbi zum Unternehmer, ein Metier, in dem es keine Antrittsprämien gibt. Seitdem, so die »SZ«, »hat er fast so viele geschäftliche Fehlschläge hingelegt, wie er in den 15 Jahren zuvor Grand-Slam-Trophäen gesammelt hat«. Was immer er unter großem Medienecho begann, blieb Stückwerk, falls es nicht längst insolvent oder aufgelöst ist. »Es scheint fast so, als hätte er dadurch mittlerweile auch den Großteil seines sportlichen Ruhms aufgezehrt«, schreibt Fred Sellin in seiner Becker-Biografie »Ich bin ein Spieler«.

Pleiten, Pech und Pannen

Die Agentur »Boris Becker Marketing«, in der er sich und andere Sportler vermarkten wollte, existiert nicht mehr. Sein Online-Portal »Sportgate« ist zahlungsunfähig, die Mercedes-Autohäuser in Stralsund, Greifswald und Ribnitz sollen eine Gewinnmarge von gerade mal 0,5 Prozent haben. Vom Biokost-Versand »New Food«, bei dem Becker groß einstieg,ist allenfalls noch unter Insolvenzverwaltern die Rede. Mit AOL gibt es eine kreative Pause. Das Einfamilienhaus in München-Bogenhausen ist verkauft, die Super-Finca auf Mallorca könnte demnächst als Sonderangebot enden.

Becker lebe »in einer Traumwelt«, sagt ein früherer Geschäftspartner, und meine, auch geschäftlich ein Global Player zu sein. Bei »Sportgate« habe er damit geprahlt, AOL würde groß einsteigen. Er kenne die Konzernspitze in Washington, würde ausschließlich mit denen verhandeln und nicht mit den Statthaltern in Deutschland. Daraus wurde bekanntlich nichts.

»Herr Becker«, sagt einer seiner Berater verschwörerisch, »wird ständig unter- sowie auch überschätzt.« Die vermeintlichen Hundertschaften an Millionen, die er während seiner Karriere angehäuft haben soll, seien »eine Erfindung der Medien«, was für die drohende Pleite allerdings auch gelte. »Bedenken Sie alleine die Immobilien.« Der Herr Becker wäre nur ganz gern »etwas weniger oft in den People-Schlagzeilen«.

Becker kommt nicht aus den Schlagzeilen

Auch das ist ihm nicht so recht gelungen, angesichts von 48 Schlagzeilen in »Bild« und 173 Berichten in der »Bunten« allein im Jahre 2001. Von geschäftlichen Erfolgen war darin kaum die Rede, eher von einer Affäre in der Londoner Besenkammer.

Boris Becker hat, wie er es formulierte, seiner Barbara damals beim Abendbrot »die Gesamtproblematik erklärt«, was allerdings am Ende auch zur Trennung führte. Inzwischen gelten die beiden, früher jederzeit das beste und allertollste Ehepaar der Welt, als das beste und allertollste geschiedene Paar der Welt, was ein Gerücht nährt, das in den »Refreshing-Rooms« der Münchner In-People nistet: Barbara Becker wird von Patricia Riekel, Chefredakteurin der »Bunte«, gecoacht: Riekel sieht es allerdings eher als »Freundschafts«-Dienst.

Boris Becker, so sein Berater, ist zurzeit damit beschäftigt, sich wieder mal »zu häuten«: Eine neue Geschäftsidee gemeinsam mit dem ehemaligen Großbäcker Heiner Kamps. Sie wollen das Tennisturnier am Hamburger Rothenbaum revolutionieren, es durch »neue Strukturen und Konzepte« für Sponsoren attraktiv machen, so Becker. »Er hat Visionen«, sagt sein Berater.

Beliebtheit nach wie vor ungebrochen?

Vergangene Woche fuhr der Visionär mit Wirtschaftsexperten an der Chinesischen Mauer entlang. Ein »Businesstrip«, denn im Fernen Osten »liegt die Zukunft«. In Indien hat ihn eine der größten Agenturen unter Vertrag genommen. Becker macht dort in Mode für einen Markt mit über einer Milliarde Menschen, was eine »ganz andere Dimension« sei als Europa. Und davon einmal abgesehen, sei soeben erforscht worden, dass der Becker trotz Pleiten, Pech und Pannen in der Zielgruppe der 14- bis 39-Jährigen an Beliebtheit »ständig gewonnen hat«. Es gebe, selbst in höchsten Kreisen, keinen, der nicht zu Boris drängt, mit ihm fotografiert werden will.

Wirklich? Ein Akademiker in München jedenfalls, via Kleinanzeige auf der Suche nach einer Frau, preist sich an: »Keine Haare auf dem Rücken, IQ und Wortschatz größer als bei Boris Becker.«


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