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Carré Otis: Ein Pfundsweib

Sie hat Mickey Rourke, Heroin und 17 Jahre Diät überlebt. Geläutert und erstarkt zeigt das frühere Topmodel Carré Otis nun Mode für die breitere Masse. Ein Interview.

Früher hat sie ihren Körper mit Drogen vollgepumpt. Heute bestellt sie Blütenpollengranulat und Reisdrinks beim Zimmerservice. Es ist 8.30 Uhr, als Carré Otis die Tür zu ihrer Suite öffnet. Aus ihrem Laptop klingen fremde Gesänge, es riecht nach illegalen Substanzen - doch das sind nur die Beifuß-Räucherstäbchen und der Rest einer ihrer Kräuterzigaretten. Sie trinkt einen grünen Saft aus Algen, sie trägt ein sehr kurzes Yoga-Höschen, T-Shirt und sehr viele Tattoos an Händen und Füßen. An der linken Schulter hat sie eine Narbe, da, wo mal "Mickey" stand. Sie lacht, sie ist schön, und sie sieht so aus, wie man es überhaupt nicht erwartet hatte: schlank statt vollschlank.

Wenn man Sie so sieht, wirkt es ziemlich absurd, dass Sie als Übergrößen-Model arbeiten. Sie sind doch viel dünner als die Frauen, für die diese Kleider gedacht sind.

Klar, ich gehöre zum kleineren Teil der Zielgruppe, aber Designer engagieren nun mal einfach keine Models mit Größe 44 oder 46. Ich verstehe mich auch nicht als Plus-Size-Model. Ich bin weder eine Tonne noch ein Hungerhaken, sondern eine ganz normale, durchschnittlich gebaute Frau. Mir ist es so was von egal, ob die Leute mich fett finden oder nicht, ich bin eine von wenigen, die offen über Gewichtsprobleme und Essstörungen reden. Die meisten meiner Kolleginnen wären lieber arbeitslos, bevor sie zugeben würden, Kleidergröße 40 zu haben. Sogar Linda Evangelista hat sich erst von "Vogue" auf eine irrsinnige Diät setzen lassen, bevor sie wieder auf der Bildfläche erschien.

Auf den Fotos der Marina-Rinaldi-Kampagne erscheinen Sie kräftiger, als Sie eigentlich sind. Ist das Absicht gewesen?

Nein, so sehe ich aus. Ich bewege mich immer zwischen Kleidergröße 36 und 40, darüber habe ich keine Kontrolle. Und ich lasse mir von meinem Job auch nicht mehr diktieren, wie ich aussehen soll. Natürlich merken die Leute sofort, wenn ich abgenommen habe, aber was kümmert mich das. Ich lebe mein Leben, und ich wurde nicht nur als Mannequin engagiert, sondern als Mensch, der etwas zu sagen hat, als Charaktertyp.

Wie wichtig ist Ihnen Ihr Gewicht?

Überhaupt nicht wichtig. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal auf einer Waage gestanden habe. Es wäre ein Albtraum für mich, ständig zu wissen, wie schwer ich bin, ich würde mich nur in irgendwelche Neurosen reinsteigern. Ich war allerdings mal um einiges dicker als jetzt, und das war schon sehr frustrierend. Man findet ab einer bestimmten Größe keine schönen Kleider. Auch das hat mich zu der Arbeit für Marina Rinaldi motiviert: Endlich mal eine Firma, die wirklich tolle Mode für kräftigere Frauen macht. Trotzdem fühle auch ich mich mit weniger wohler. Mein Bauch ist jetzt nicht mehr ständig im Weg bei bestimmten Yoga-Übungen. Ich habe meine Balance gefunden, ich esse, worauf ich Lust habe, und das ist meistens sehr gesund. Nicht, weil ich auf irgendeiner Wunderdiät bin, sondern weil mein Körper das braucht. Ich bin Vegetarierin, praktizierende Buddhistin, stehe morgens um fünf Uhr auf und mache Yoga.

Wie verbinden Sie die Eitelkeit des Model-Geschäfts mit dem buddhistischen Gedanken, sich vom eigenen Ego zu lösen?

Als Model wird man sehr gut bezahlt. Diesen Job mache ich seit 20 Jahren, und er gibt mir die Möglichkeit, mein Ego zu trainieren und gleichzeitig viel Gutes zu tun. Ich habe eine Stiftung für Hilfsprojekte in Tibet gegründet. Man muss im Leben eben Opfer bringen. Ich bin nicht perfekt, aber ich versuche mein Bestes. Und der Buddhismus verlangt auch nicht, dass man die Möglichkeiten, die einem geboten werden, ausschlägt. Im Gegenteil.

Früher haben Sie ja bekanntlich sämtliche Möglichkeiten mitgenommen.

Stimmt, ich war ein Riesenegomane mit schlimmen Exzessen - und ich habe bitter dafür bezahlt. Der große Wendepunkt kam mit meiner Scheidung. Ich war ein Junkie, völlig am Boden, ich hatte keinen Job. Und als wäre das noch nicht verheerend genug, entdeckte man drei Löcher in meinem Herzen. Ergebnis meiner Fehlernährung. Ich war praktisch 17 Jahre auf einer Diät aus Koks und Brechmitteln, am Schluss kam noch Heroin dazu. Mit 30 hatte ich die Herzoperation. Das war meine schmerzvollste Lektion. Der Mensch, der ich bis dahin war, mein ganzes Leben war sinnlos. Ich musste der Realität ins Auge sehen und der Angst. Ich bin damals fast durchgedreht.

Stimmt es, dass Ihr Exmann Mickey Rourke, der Sie während ihrer Ehe geschlagen und auch einmal angeschossen haben soll, Sie in eine Entzugsklinik brachte?

Ja, er hat mir das Leben gerettet. Und mittlerweile bereut er auch seine Fehler, er weiß, dass er eine Menge Scheiße gebaut hat. Für mich ist das alles vorbei. Wir sind natürlich noch sehr verbunden, immerhin haben wir zehn Jahre miteinander verbracht. Und ich hoffe, dass wir irgendwann ganz normale Freunde sein können. Von Männern habe ich aber erst mal genug, seit drei Jahren lebe ich im Zölibat.

Würden Sie heute etwas anders machen?

Wo auf meiner Horrorliste sollte ich anfangen? Ich bin mit 13 von zu Hause weggelaufen, mit 14 hat sich mein Freund umgebracht. Aber alles, was uns geschieht, hat doch auch seinen Grund. Ich hätte als Prostituierte enden können, das Modeln hat mir damals als Teenager den Arsch gerettet. Ich lebte aus einem Müllcontainer, allerdings dem hinter einem Reformhaus, als ich mein erstes Angebot bekam. Für 20 Dollar Unterwäsche in einer abgefuckten Bar in Berkeley vorführen. Ein Jahr später war ich in New York und Paris.

Sie haben sich dann auch als Schauspielerin neben Mickey Rourke in dem Erotik-Flop "Wilde Orchidee" versucht. Interessiert Sie das Filmgeschäft noch?

Nein, es war ehrlich gesagt nie so recht mein Ding. Die Prügel, die ich für "Wilde Orchidee" eingesteckt habe, reichen mir. Der Druck auf Frauen in diesem Geschäft ist riesig. Da wird ein Körperideal verherrlicht, das viele verunsichert. Schauen Sie sich Calista Flockhard an oder Lara Flynn Boyle. Wie in der Mode, bloß keine Hüften oder Brüste dürfen sich abzeichnen! Die Mädchen sehen aus wie Jungs. Aber Frauen kaufen nun mal die Magazine, die diese Mädchen zeigen.

Freuen Sie sich eigentlich, wenn Sie jemand fragt, ob Sie abgenommen haben?

Leider fühlt sich immer noch ein Teil von mir durch so etwas geschmeichelt. Aber ich arbeite daran. Hat ja alles keinen Sinn, an einem Tag sitzt die Jeans locker, am nächsten hängt der Bauchspeck wieder drüber.

Andrew Berg/ Bianca Lang