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Der Jahrhundertprozess: Ist Michael Jackson schuldig?

Randalierende Fans, Horden von Schaulustigen, ein Verkehrsinfarkt. Die kalifornische Kleinstadt Santa Maria, in der Michael Jackson wegen des Vorwurfs des Kindesmissbrauchs vor Gericht kommt, hat sich auf das Chaos eingestellt.

Randalierende Fans, Horden von Schaulustigen, ein Verkehrsinfarkt. Die kalifornische Kleinstadt Santa Maria, in der Michael Jackson an diesem Freitag erstmals wegen des Vorwurfs des Kindesmissbrauchs vor Gericht erscheint, hat sich auf ein Chaos eingestellt. Polizei und FBI arbeiten gar an Plänen zur Abwehr möglicher Terroranschläge. Schließlich gerät der kleine Ort im Santa Maria Valley durch Jackson in den Fokus der Weltmedien.

"Wir locken mit dem Fall die Presse in einem Ausmaß an, wie wir es nicht einmal beim Besuch der Königin von England erlebten", sagt die Leiterin der Bezirksverwaltung, Naomi Schwartz. Zwar werden nur 60 Reporter und 120 Zuschauer in das kleine Gerichtsgebäude gelassen, aber das bremst den Ansturm auf den Ort nicht. Die Extra-Ausgaben für Sicherheitskräfte holt sich Santa Maria zum Teil über astronomische Parkgebühren für die Presse zurück: 250 Dollar pro Platz und Tag.

Hunderte von Fans werden erwartet

Zu hunderten werden nach Angaben von Michael Jacksons Bruder Jermaine treue Anhänger aus aller Welt in Bus-Karawanen anrollen. Laustark wollen sie vor dem Gericht dagegen protestieren, dass ihrem Idol der Prozess gemacht wird. Gleichzeitig sind Kundgebungen in der Bezirkshauptstadt Santa Barbara, am Eingang von Jacksons Ranch Neverland und im Nachbarort Solvang geplant. Dort haben die Fans im Gasthaus "Royal Copenhagen Inn" ihr Hauptquartier aufgeschlagen.

Presse-Ansturm

Kein Fernsehsender und keine Illustrierte will auf die Bilder vom ersten Gerichtstermin im Verfahren "Das Volk des Staates Kalifornien gegen Michael Jackson" verzichten. Als "King of Pop" mag der Sänger und Tänzer ausgedient haben. Doch als mutmaßlicher Kinderschänder ist Jackson eine Mediensensation. Amerika hat mehr als acht Jahre nach dem Doppelmordverfahren gegen den Ex-Footballstars O.J. Simpson endlich wieder einen "Jahrhundertprozess".

Noch nicht der Beginn des Prozesses

Dabei ist das, was sich im Verhandlungssaal 9 des streng abgeriegelten Strafgerichts von Santa Maria abspielen wird, nicht einmal der Beginn des Prozesses. Es geht lediglich darum, dass Jackson zur längst bekannten Anklage des sexuellen Missbrauchs eines 13-jährigen Jungen in sieben Fällen vor einem Richter erklärt, ob er sich schuldig oder unschuldig bekennt.

Überraschungen werden nicht erwartet. "Bevor ich einem Kind wehtun würde, würde ich mir die Pulsadern aufschlitzen", hatte Jackson schon vor Wochen in einem Fernsehinterview gesagt. Wie und wann es nach der wahrscheinlichen Nicht-Schuldig-Erklärung weitergeht, muss Richter Rodney Melville entscheiden. Experten rechnen damit, dass sich Staatsanwalt Tom Sneddon und Verteidiger Mark Geragos mit Anträgen und Gegenanträgen bekriegen, darunter zur komplizierten Auswahl der Jury.

Show der Juristen

Im neuen "Jahrhundertprozess" dürfte auch der Kampf zwischen den beiden Juristen zur Show werden. Der hoch bezahlte Staranwalt Geragos will zeigen, dass er für seine prominenten Mandanten alle Register zieht. Sneddon hingegen scheint eine alte Rechnung mit sich herumzuschleppen. 1993 hatte er versucht, Jackson in einem ähnlichen Fall hinter Gitter zu bringen. Damals hatte der Star an die Eltern des Kindes Millionen von Dollar gezahlt. Sie zogen die Anzeige zurück.

Doch selbst wenn der Staatsanwalt verliert, könnte er zu den Gewinnern gehören. Das zeigt der Fall O.J. Simpson. Staatsanwältin Marcia Clark kämpfte wie eine Löwin, aber die Geschworenen sprachen Simpson vom Vorwurf des Doppelmordes frei. Sneddons Kollegin unterschrieb kurz darauf den Vertrag für ein Buch über den Prozess. Honorar: Vier Millionen Dollar (heute 3,16 Millionen Euro).

Von Thomas Burmeister und Barbara Munker, DPA