George Michael Der bewegte Mann


Er hat einen Film gemacht, der sein Leben dokumentiert. Dieser Tage aber muss man mit George Michael vor allem über eine Sache reden: seinen Evergreen "Last Christmas".

Er ist noch zwei Zimmer entfernt, und man kann ihn trotzdem schon hören. Durch die Wände. Beinahe jedes Wort, er sagt oft "Wissen Sie" und "um ganz ehrlich zu sein". Es ist die laute George-Michael- Stimme, die, mit der er "Wake Me Up Before You Go-Go" oder "Freedom" gesungen hat, laut und entschieden. Nicht die sanfte, fließende, die "Careless Whisper"-Stimme. Die hat er genauso zu Hause gelassen wie seine Designer-Anzüge und seinen Haarschnitt, der immer so präzise wie ein englischer Rasen aussah. Nur den Bart, diesen heftig dunklen Drei-Tage-Schatten, den hat George Michael dabei.

Man hat ihn ja sehr lange nicht in der Öffentlichkeit gesehen, und wenn man vor ihm steht, irritieren einen die torfbraunen Haarstacheln auf dem Kopf und diese schwarze "Ist mir egal, was ich anziehe"-Garderobe.

Überhaupt, man sucht vergebens nach diesem schwul-ironischen Dressman-Schmelz, den George Michael früher in scharf geschnittenen Anzügen und hinter verspiegelten Tropfenbrillen durch die Welt trug. Heute, wenn er zwischen zweien seiner sehr vielen Sätze Luft holt, zieht ein wenig Verlebtheit über sein Gesicht. Aber egal, wir haben nicht so viel Zeit, George Michael ist 42 und hat einen Film über sein Leben gedreht, "A Different Story" (ab 12.01.2006 im Kino), eine wirklich sehenswerte Zeitreise in die Jahre des Föhn-Pops und die Ära der "Gardinenringe in den Ohren", wie George Michael seine Karriere als British Dreamboy of Pop heute amüsiert bezeichnet.

Aber ein Tag wird verschwiegen. Ein Tag vor genau 21 Jahren, an dem der Mann etwas in die Welt setzte, das uns seitdem jedes Jahr wieder quält. "Last Christmas", das berühmteste Weihnachtslied nach "O Tannenbaum" und "White Christmas". Mehrere Millionen Mal verkaufte sich die Single seit 1984, jedes Jahr wieder landet der Song von Wham! in den Charts.

George Michael wippt ein wenig auf der Couch herum, er hatte eben angefangen, über die Presse in England zu schimpfen und über das Fernsehen, das selten die Wahrheit sagt, und nun will einer wissen, wie dieser Tag denn war, als ihm "Last Christmas" einfiel. Er überlegt. Eine halbe Sekunde. Noch nicht mal. "Ich weiß es noch, ich war kaum über 20 und wohnte noch bei meinen Eltern. Andrew Ridgeley, mein Wham!-Partner, war an dem Nachmittag auch da und schaute im Wohnzimmer Fußball. Ich hatte so ein altes Vier-Spur-Tonbandgerät und sang und spielte die Melodie von ,Last Christmas" vor mich hin. Irgendwann hat es geklickt, ich bin die Treppe runter zu Andrew und rief: ,Wir haben einen Christmas-Hit!" Sie müssen wissen, ich wollte unbedingt noch einen Nummer-eins-Hit schreiben, drei hatten wir schon, mit dem vierten wollten wir Duran Duran schlagen. Das war das Ziel."

Das Kongeniale an "Last Christmas" war schon damals die Blauäugigkeit, mit der George Michael aus dem traditionsschweren Weihnachtsfest die pop-hübsche Hülle einer Love-Story machte ("... I gave you my heart!"). Weihnachten war nun kein Gansessen mit knarzigen Onkeln und Tanten mehr, sondern ein Date mit Freunden im Schnee, nichts weiter. Und, "rückblickend die erste Hymne derer, die man inzwischen als junges Bürgertum bezeichnet", wie 2004 die "Welt am Sonntag" schrieb.

Das mit der Nummer eins hat aber dann doch nicht funktioniert, "zur selben Zeit kam ,Do They Know It's Christmas" heraus, der Benefizsong, bei dem ich auch mitmachte, und der wurde Nummer eins. Ich hab das Lied manchmal im Auto gehört und leise "fuck" gesagt, obwohl ja viel Geld für Afrika zusammenkam."

Ein Märchen ist jedoch

, dass George Michael nach der Trennung von Wham! die Rechte an "Last Christmas" seinem Freund Andrew geschenkt habe, was noch heute in vielen Zeitungen steht. Da muss er lachen. Nee, solange es Weihnachten gibt, klingelt's spätestens vom ersten Advent an in seiner Kasse. Und zwar ohrenbetäubend.

"Last Christmas" beweist, dass George Michael damals wirklich großartig war. Oder, wie er findet, es immer noch ist. "Ich war zu der Zeit 20 und bemerkenswert: Ich schrieb Songs, produzierte sie und wusste, wie daraus ein Hit wird", sagt er einmal in dem Film, und fragt man ihn heute, ob und wie er noch Musik macht, ist es ihm wichtig, sein Genie zu beleuchten. "Die Leute denken ja, ich tue nichts, dabei arbeite ich weiter an Songs. Und wenn ich dieses Klick spüre, weiß ich, dass es ein großartiges Stück wird." Da spricht der musikalische Aristokrat, für den er sich hält.

Nicht immer zu Unrecht. 1988 hatte George Michael bereits 40 Millionen Platten verkauft, er war der damals größte Popstar. Doch er verlief sich in dem Irrgarten des Ruhms, legte sich mit Plattenfirmen an, führte Prozesse, die er nicht gewinnen konnte, und machte noch ein paar Alben mit hohem musikalischem Handwerk - aber wenig Strahlkraft. Die Stärke des Films "A Different Story" liegt eigenartigerweise genau darin, das Rätsel George Michael nicht aufzulösen, sondern es zu dokumentieren. "Der Film ist ein Meilenstein meines Schaffens", sagt er, "all die Hits, die Auftritte und das alles kann man mir nicht mehr nehmen." Das hatte auch niemand vor, möchte man antworten, aber George Michael ist schon weiter. Das englische Radio ist so schlecht, schimpft er, "seit "Jesus To A Child" spielen die keine Ballade mehr von mir!"

Wann denn wieder neue Musik von ihm kommt? "Wenn, dann nur im Internet, die Industrie darf nicht diktieren, was gehört wird und was nicht. Und wenn es bei einem Song wieder "klick" macht, kommt vielleicht eine Platte." Und, muss man jetzt noch fragen, was macht George Michael zu Weihnachten? Feiern und im Januar heiraten. Seinen Freund Kenny Goss. "Last christmas, I gave you my heart ..."

Jochen Siemens print

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