GESPERRT bis 1.5. David Garrett "Ich baue viel Scheiß"


Mit acht galt er als Wunderkind, heute ist er einer der weltbesten seines Fachs. Und pflegt sein Image als Rocker unter den Geigern. Der junge deutsche Violinvirtuose David Garrett über harte Nächte und harsche Kritik, über verständnislose Eltern und den Sex-Appeal der klassischen Musik.

David Garrett tritt in zerrissenen Jeans und Totenkopf-Pullover in das Foyer seines Hauses im New Yorker Stadtteil Hell's Kitchen. Er hat die Nacht durchgemacht. Es ist 12 Uhr mittags. Sein Blick ist verschlafen, der Gang schleppend.

David Garrett: Puh, was für eine Nacht.

stern: Was war los?

Party. Das ganze Pensum. Mary-Kate Olsen hat mich kurz angerufen, die kenn ich gut. Wir sind durch drei Bars gezogen, Schauspieler sind echt hart im Nehmen. Dann ging es von einer Party zur anderen, da hab ich mir gesagt: Jetzt mache ich die Nacht durch.

Klingt anstrengend.

Nö, das ist momentan meine Ruhepause. Ich bin zehn Monate im Jahr auf Konzertreisen und nur drei Wochen in meiner Wohnung in New York. Heute wollte ich mal im eigenen Bett schlafen, aber dann wurde es ein fremdes Bett.

Kann so ein Leben nicht zur Sucht werden?

Ja, mir fällt auf, wenn man 'ne Tour macht, bist du am ersten Ruhetag völlig unruhig und denkst, du musst doch was machen. Letztes Jahr hab ich 120 Konzerte gespielt, davon 90 klassische, der Rest war Material von meiner neuen CD. Sie läuft gut in Asien, in China auf Platz drei, auch in Deutschland ist ihr Verkauf schlagartig explodiert, ich war sehr überrascht.

Wir auch. Sie ist nicht besonders gut.

Es ist kein Gesangsalbum, also musst du mit deinem Instrument jedes Mal wieder überraschen. Die Plattenfirma hat gesagt: Mach es entweder nur romantisch oder nur mit schnellen Sachen. Aber ich habe echt mein Ding durchgezogen, daher geht jede Kritik auch an mich.

Sie bringen es fertig, Metallica, Carmen und Gypsy Dance auf einer CD zu spielen.

Die CD ist als Einstieg für ein junges Publikum gedacht, etwas Leichtverdauliches. Da runzelt sicher der eine oder andere die Stirn, aber das sind auch diejenigen, die sich beschweren, dass keine jungen Leute ins Klassikkonzert gehen.

Verletzt die Kritik Sie nicht?

Gar nicht, das ist Motivation, es besser zu machen. Ich kann eines sagen: Das Geigenspiel ist absolut top. Ob man die Arrangements mag, ist eine andere Sache. Raten Sie mal, wie viele Leute mir vor der CD gesagt haben: Um Himmels willen, mach es nicht. Von 100 Leuten waren das 99.

Vielleicht hatten die recht?

Die Leute sagen: Der vergeudet sein Talent, der soll klassische Sachen aufnehmen, der ist zu kommerziell. Natürlich ist es das, aber ich habe auch einen kommerziellen Geschmack.

Es gibt aber auch Kritiker, die halten Sie für den derzeit besten Geiger. Dafür zahlten Sie einen hohen Preis: Ihre Kindheit.

Es war sicher eine anstrengende Kindheit. Wenn ich gewusst hätte, dass meine Freunde Fußball spielten, während ich übte, wäre mir das vielleicht unangenehm gewesen. Aber ich kannte es nicht anders.

Sie haben nicht gewusst, dass Ihre Freunde Fußball spielten?

Ich hab nur Privatunterricht gehabt. Bis zur 10. Klasse war ich ausschließlich zu Hause mit Privatlehrern, ich hatte keinen sozialen Kontakt. Es war ein Leben im goldenen Käfig.

Wie sind Sie aus dem ausgebrochen?

Mit 19 bin ich nach New York gegangen. Allein. Meine Eltern wollten es nicht. Ich habe das klammheimlich vorbereitet, die Bewerbungen abgeschickt, bis meine Eltern den Brief der Juilliard School aufmachten: Lieber Herr Garrett, finden Sie sich bitte dann und dort zum ersten Semester ein. Da waren die natürlich schockiert.

Gab es Krach?

Klar, du gehst nicht dahin, hieß es, du hast doch hier einen Vertrag mit der Grammophon, du spielst mit Abbado, da kannst du doch nicht wieder Musik studieren, wie kommt denn das rüber, die Leute nehmen dich nicht ernst.

War es die richtige Entscheidung?

Absolut. Ich hätte wohl sonst das Geigespielen aufgegeben. Es musste erst meine Sache werden.

Sehen das Ihre Eltern auch so?

Ich glaube, sie wissen es, haben aber Probleme, das zuzugeben. Sie haben mich hier erst einmal in sieben Jahren besucht.

New York: Ihre Rettung?

Ja, hier hat jeder Träume, die mögen bescheuert sein, total unrealistisch, aber diesen Drive finde ich geil, die versuchen es einfach.

Und keiner kontrolliert Sie hier?

Ja, das ist auch gut, dass der Manager in Europa ist und meine Familie, dass du das Telefon ausschalten kannst und weißt, dass die nicht auf einmal vor der Tür stehen und einen abfangen: Sohn, wieso gehst du nicht ans Telefon! Sohn, was sollen die Nacktfotos!

Nacktfotos?

Ich habe Nacktfotos gemacht für meine Website mit Geige zwischen den Beinen, das hat denen gar nicht gefallen. Das waren gute Fotos, richtig Rock'n'Roll. Das spricht ja auch gewisse Leute an.

Frauen?

O ja, Frauen. Machen wir das nicht alles für Frauen? Musiker werden Musiker, weil sie Frauen erobern wollen. Ich lade sie in die Oper ein, da schmelzen sie dahin.

Sie spielen Geige, um Frauen abzuschleppen? Das wird man Ihnen als sexistisch auslegen.

Was soll's. Man lebt nur einmal. Es ist wichtig, dass man bewusst lebt, dass man Spaß hat, dass man auch Sinn findet im Leben. Ich könnte nie total absacken. Für mich ist das Zentrum die Musik. Ich baue viel Scheiß, und das muss auch sein, ich habe meine Kindheit ganz eingeengt gelebt, das macht nicht glücklich. Du brauchst den Ausgleich, um einen klaren Kopf zu haben. Musik ist 'ne super Sache, aber das Tragische fehlt doch: wenn du eine Frau toll findest und es mit ihr nicht klappt. Wenn du abends rausgehst und einen über den Durst trinkst und den größten Scheiß machst, am Broadway sternhagelvoll einfach mal pullern. Diese Lebenserfahrung will man doch nicht missen.

Solche Sätze machen Sie angreifbar.

Ich bin immer ehrlich. Das Schlimmste, was du machen kannst, ist, die Leute zu verarschen und nicht ehrlich zu sein. Das kommt immer zurück.

Interview: Jan Christoph Wiechmann print

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