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Großbritanniens Edel-Prostituierte: Frau Doktor macht sich frei

Seit Jahren wurde in Großbritannien über die Identität der berühmtesten Prostituierten der Insel gerätselt: Belle de Jour bloggte über Sex und ihre Erfahrungen als Edelhure. Jetzt hat sie sich geoutet - als Doktorin der Neurotoxologie.

Von Cornelia Fuchs, London

"Lassen Sie mich zu Protokoll geben: Wenn es einfach wäre ein Mann zu sein, gäbe es keine Huren. Das ist eine Tatsache", so schrieb die mysteriöse Belle de Jour auf ihrem Blog. Und fügte später dazu, sie sei ein "eingefleischter Nummer Eins Fan der Männer". Auf die Frage ihres Eskort-Services beim Vorstellungsgespräch im Jahr 2003, ob sie Probleme mit Analverkehr habe, antwortete sie: "Nur, wenn ich am Abend vorher Curry gegessen habe".

Belle de Jour war Großbritanniens Vorzeige-Prostituierte. Erst schrieb sie nur im Internet, witzig, leicht, mit scharfer Beobachtungsgabe über den Alltag einer Eskort-Dame. Dann wurde ihr Blog zum Buch und zum Bestseller, der dann wiederum verfilmt wurde. Die Hauptrolle spielte die in England sehr beliebte Schauspielerin Billie Piper, die dafür in schwarze Seidenwäsche schlüpfte. Die Quoten waren so gut, dass eine Fortsetzung geplant ist.

Belle de Jour hat inzwischen auch einen "Männerführer" auf den Weg gebracht, zum besseren Verständnis des anderen Geschlechts. Weitere Blogs folgten, Twittereinträge, Kolumnen in der Tageszeitung "Guardian". Seit Jahren versuchten Journalisten, die Frau hinter dem Pseudonym zu finden, der an den Louis-de-Bunel-Film erinnert, in dem sich Catherine Deneuve als gelangweilte Hausfrau der Prostitution zuwendet.

Aber war Belle de Jour überhaupt eine Frau? War es nicht sehr viel wahrscheinlicher, dass da ein Mann die Figur einer Happy Hooker, einer glücklichen Hure, beschrieb? Diese ultimative Männer-Fantasie?

Dr. Brooke Magnanti hat diese Spekulationen nun endgültig beendet. Sie posierte in der "Sunday Times" in einem glänzenden Morgenmantel und mit fein gelockten, blonden Haaren sowie Perlen-Ohrringen. Die Spezialistin für die Erforschung von Pestizid-Reaktionen bei Föten mit einem Doktortitel in Informatik, Epidemiologie und Forensik hatte sich 2003 im Studium entschieden, nicht für einen Mindestlohn zu kellnern, sondern sich lieber für 200 Pfund in der Stunde zu prostituieren.

"Was konnte ich machen, dass wenig Zeit in Anspruch nimmt, keine besondere Ausbildung oder Investitionen braucht und viel Geld bringt?", fragte sie sich damals und suchte sich eine Eskort-Agentur heraus, weil die auf ihrer Webseite nur ganz dezent mit dem Rücken einer nackten Frau warb. Außerdem stand dort der Name der Filmfigur Barbarella. Wer so intellektuell denkt, dachte Magnanti, behandelt seine Frauen nicht schlecht.

Gewalt hat sie in ihrer Zeit als Prostituierte nicht erlebt, sagt sie. Sie machte den Job auch weiter, als sie als Computerprogrammiererin anderweitig gutes Geld verdiente. Sie habe mit "dutzenden oder hunderten" Männern geschlafen, erzählte Magnanti der Journalistin von der "Sunday Times", der sie sich nun offenbarte. So genau wüsste sie das nicht mehr.

Die plötzliche Offenheit wurde Brooke Magnanti von ihrem Ex-Freund aufgezwungen, der ihre Geschichte an eine Boulevardzeitung verkauft hatte. Aber sie habe schon seit Monaten überlegt, dem Spiel mit der Anonymität ein Ende zu setzen, sagt Magnanti. Sie lebt in der Universitätsstadt Bristol im Westen Englands in einer Beziehung. Ihr Freund wusste von Anfang an von ihrer Vergangenheit, ihrer Mutter hat sie es kurz vor Veröffentlichung des Artikels erzählt. Begeistert war sie wohl nicht, aber sie hält zu ihrer Tochter. Auch die Arbeitskollegen unterstützen Magnanti.

Die Mehrheit der Briten hält Prostitution dagegen für eine schlechte Sache. Seit vor zwei Jahren fünf Prostituierte im südenglischen Ipswich ermordet wurden, hat auch die Regierung jegliche Diskussion über die Legalisierung des Sexgewerbes eingestellt. Im britischen Oberhaus wird gerade ein Gesetz diskutiert, dass Kunden bestrafen soll, die Geschäfte mit Zuhältern eingehen.

"Die Reinwaschung der Prostitution geht weiter", schreibt die Kolumnisten Tanya Gold in der Tageszeitung "The Guardian" - und gibt damit die Meinung eines durchaus nicht kleinen Teils der britischen Gesellschaft wider. "Ich bin froh, dass du nicht geschlagen wurdest, Brooke", sagt sie weiter. "Aber Prostitution ist eine vergiftete Lösung und gut für gar nichts."

Belle de Jour kennt solche Angriffe, seit ihr Blog berühmt wurde, wurde sie regelmäßig beschimpft und verhöhnt. Es scheint, als werde Doktor Magnanti nun den Kampf weiterführen - in ihrer typischen Belle-de-Jour-Art. In ihrem letzten Blogeintrag heiß es: "Tanya Gold scheint ihr Leben so wenig zu genießen. Wäre es gemein vorzuschlagen, dass sie sich einmal flachlegen lassen sollte?"