Hochzeits-Ente "Nichts kann Putin schaden"


Die Meldung sorgte zunächst für Aufsehen, später für Ärger: Wladimir Putin, 55, werde eine 24-jährige Sportlerin heiraten, berichtete eine russische Zeitung. Der Präsident konterte ungehalten: Die Verantwortlichen seien "Rotznasen". Danach hieß es, die Zeitung müsse schließen. stern.de sprach mit Sergej Topol, dem Autoren der Meldung.

Herr Topol, reden die Kollegen noch mit Ihnen? Ihre Zeitung "Moskowski Korrespondent" soll wegen Ihres Artikels über Putins angebliche Liebelei eingestellt werden.

Besser man glaubt nicht alle Gerüchte aus dem Internet. Mir gegenüber sitzt der stellvertretende Redaktionsleiter, wir diskutieren gerade über die kommende Ausgabe.

Aber Ihr Chefredakteur wurde gefeuert, und der Herausgeber druckte eine Entschuldigung. Fürchten Sie jetzt auch um Ihre Karriere?

Ich bin 62 und schon in Pension. Meiner Karriere kann also nicht mehr viel passieren. Ich arbeite als Journalist, wenn ich Aufträge bekomme. Aber jetzt habe ich schon seit Tagen keine Zeile mehr geschrieben, weil mich ständig Leute wegen dieser Geschichte anrufen.

Glauben Sie immer noch, dass sie wahr ist? Putin seit Februar geschieden, im Juni Hochzeit mit der 24-Jährigen Sportgymnastin Alina Kabajewa...

Ich glaube gar nichts. Ich bin nur ein einfacher Angestellter, der das schreibt, was man von ihm verlangt.

Wie sind Sie denn an die Information gekommen? In ihrem Bericht nannten Sie als Quelle eine Eventagentur, die die Hochzeit ausrichten soll.

Kein Kommentar. Ich habe nur getan, was mein Chefredakteur mir sagte.

Putin hat Ihre Geschichte auf seiner Italienreise heftig dementiert. Er sprach von Leuten mit "Rotznasen und erotischen Fantasien, die sich in fremde Privatangelegenheiten einmischen".

Wenn mein Präsident, den auch ich gewählt habe, das sagt, dann ist das so. Ich werde sicher nicht mit ihm streiten. Ich respektiere Wladimir Putin sehr.

In den Westmedien wurde eine politische Intrige vermutet.

Man kann in jeden Artikel alles Mögliche hineininterpretieren. Es war weder eine politische noch eine sexuelle Intrige.

Immerhin kann so ein Gerücht Putins Image heftigen Schaden zufügen.

Es gibt nichts, was Putins Image schaden könnte, weil er Russland aus dem Chaos der Jelzin-Zeit geführt hat. Dank ihm geht es mit meinem Land wieder aufwärts.

Die russische Presse wähnte hinter der Hochzeits-Schlagzeile eine PR-Aktion, um den "Moskowski Korrespondent" mit seiner Auflage von gerade mal 30.000 Exemplaren bekannter zu machen.

Das ist eine Frage, die Sie unserer Chefredaktion stellen müssen.

Als Sie den Artikel schrieben, hatten Sie da nicht Angst vor den Folgen?

Was heißt Angst? Ich war 1995 dabei, als tschetschenische Terroristen in Budjonnowsk Geiseln nahmen. Das war weitaus gefährlicher.

Und die öffentliche Reaktion, hat die Sie überrascht?

Das kann man wohl sagen. Vor allem, dass überall im Ausland darüber berichtet wurde.

In Russland haben die meisten Medien das Thema erst nach Putins öffentlichem Dementi aufgegriffen.

So ist das eben bei uns. Das Volk hat über ein Jahrhundert in Sklaverei gelebt und sich daran gewöhnt, heikle Dinge besser hinter verschlossener Tür in der Küche zu diskutieren. Wie man in Frankreich und bei Ihnen in Deutschland mit dem Privatleben von Politikern umgeht, gefällt mir besser.

Wenn Sie noch einmal den Auftrag bekämmen, diesen Artikel zu schreiben, würden Sie es tun?

Naja, ich würde jedenfalls stark darüber nachdenken.

Interview: Andreas Albes, Moskau


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker