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Homo-Ehe in Kalifornien: Hollywood kämpft für die Homosexuellen

Endspurt im US-Wahlkampf - das Ergebnis wird wohl einen Kulturkampf in Kalifornien entscheiden: Vielen Konservativen ist zuwider, dass hier Schwule und Lesben heiraten dürfen. Sie fordern ein Verbot. Hollywood-Promis wie Brad Pitt und Steven Spielberg kämpfen gegen prüde Angstkampagnen - mit Argumenten und viel Geld.

Von Frank Siering, L.A.

Rockstar und Vorzeigelesbe Melissa Etheridge bezeichnete "Proposition 8" als "hasserfüllt". Ellen DeGeneres ging sogar in einem TV-Werbespot gegen den Gesetzentwurf vor, und Brad Pitt spendete wie auch Steven Spielberg kurzerhand eine Million Dollar, um die Kampagne der "Prop 8"-Gegner auf der Ziellinie zum Wahltag noch einmal richtig anzuheizen.

Ob sich das Bemühen der Hollywood-Stars gelohnt hat, wird sich am späten Abend des 4. Novembers zeigen. Dann nämlich wissen die Kalifornier, ob sie auch weiterhin, wie vom Obersten Gerichtshof im Mai beschlossen, ihre gleichgeschlechtlichen Partner ehelichen dürfen, oder ob der Spaß mit dem Trauschein und der "Same Sex Marriage" schon wieder vorbei ist.

Promis kämpfen gegen Prüderie

Vor sechs Monaten wurde die Homo-Ehe legalisiert, jetzt legen konservative Gruppen und Kirchen das Referendum "Proposition 8" vor. Stimmen die Wähler dafür, so erhält die kalifornische Verfassung den Zusatz, dass nur eine Ehe zwischen Mann und Frau gültig ist. Bisher sind Kalifornien und Massachussetts die einzigen beiden Bundesstaaten, in denen Schwule und Lesben ihre Partner gesetzlich trauen dürfen. "Ein Recht, das niemandem genommen werden darf, gleich welcher sexuellen Ausrichtung", behauptet der Sexiest Man Alive, Mr. Brad Pitt.

Und die liberale Promi-Gefolgschaft - in Hollywood dominieren dieser Tage die Celebs mit ihren Hybrid-Autos und den Obama-Aufklebern auf dem Kofferraum - reiht sich unisono ein. Barbra Streisand, George Lucas, Bridget Fonda, Mary J Blige. Allesamt haben sie Geld gespendet, um den konservativen Gesetzentwurf zu besiegen. "Die Entertainment Industrie ist ganz offensichtlich eine wichtige Spenderbasis für uns", weiß auch Chad Griffin, Polit-Stratege der sogenannten "No on 8"-Kampagne.

Selbst Gouverneur Arnold Schwarzenegger hält diese Ergänzung auf dem Wahlzettel vom 4. November für "reine Zeitverschwendung". Viel mehr wünscht sich der in Österreich geborene Gouvernator eine Veränderung des Grundgesetzes in Hinblick auf Ausländer, die sich gerne um das Präsidentschaftsamt bewerben möchten, aber laut Verfassung derzeit nicht dürfen.

Kulturkampf in Kalifornien

Zwischen den Gegnern und den Befürwortern jener fragwürdigen Ergänzung des Grundgesetzes ist in den letzten Wochen ein echter Streit ausgebrochen. So beschwert sich Brian Brown, Geschäftsführer einer konservativen Lobbygruppe und erklärter Gegner von gleichgeschlechtlichen Ehen, dass das "Geld der Prominenz dazu beiträgt, die Wähler auf den falschen Weg zu führen".

Zu den Befürwortern des Verfassungszusatzes, der die Eheschließung auf Mann und Frau beschränken soll, zählen Organisationen wie "Focus on the Family" oder auch die "American Family Association". Ihre Anhänger befürchten, dass die sogenannte Schwulenehe in Schulen unterrichtet werden könnte und sich die "homosexuelle Agenda" in Kalifornien durchsetzen würde.

Talkshow-Queen DeGeneres, die erst kürzlich ­ wie tausend andere gleichgeschlechtliche Paare in Kalifornien auch ­ vom Urteil des Obersten Gerichtshofs Gebrauch machte und ihre Partnerin Portia de Rossi ehelichte, hält die Kampagne für die Proposition 8 als einen "direkten Angriff auf alle Schwulen und Lesben in den USA".

Angstkampagne mit seltsamen Argumenten

Wie der Kampf ausgeht, ist unklar. Beide Seiten haben in den letzten Tagen vor der Wahl einen sehr kostspieligen Wahlkampf mit teilweise aggressiven TV-Spots geführt. Dennoch scheinen Spielberg, Pitt und Streisand mit ihren Argumenten und ihren Scheckbüchern im traditionell liberalen Kalifornien auf offene Ohren zu stoßen.

Aber die Angstkampagne der "Prop 8"-Befürworter, dass bei einer Niederlage an der Urne lauter Schwule und Lesben plötzlich beim Elternsprechtag auftauchen und Achtjährigen von der hohen Kunst der Homosexualität vorschwärmen, hat vor allem in der Minivan fahrenden Soccer-Mom-Bastion große Furcht ausgelöst. "Ich habe nichts gegen schwule Paare, aber ich möchte nicht, dass mein Kind dieser Kultur in der Schule ausgesetzt wird", sagt Jill Patson, Muter von zwei Kindern aus Santa Monica.

"Der puritanische Grundgedanke ist auch nach acht desolaten Bush-Jahren noch immer fest verankert bei vielen Menschen", meint Melissa Etheridge. Als sie ihren neunjährigen Sohn nach der Grundgesetzänderung fragte, hielt der eine simple, aber doch erfrischend ehrliche Antwort parat. "Das ist doch total doof", sagte er zur Mama, die seit mehr als zehn Jahren mit ihrer Partnerin Tammy Lynn Michaels zusammenlebt. "Ich hoffe, dass er am 5. November aufwacht und in der Zeitung lesen kann, dass Proposition 8 vernichtend geschlagen wurde", fügt Ethridge hinzu. "Denn auch ich finde eine solche Ergänzung einfach total doof".