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Interview mit Holly Johnson: Relax!

Mit Frankie goes to Hollywood eroberte er in den Achtzigern die Charts. Nach seiner HIV-Diagnose wurde es still um ihn. Jetzt ist Holly Johnson wieder da - relaxter als jemals zuvor.

Wird ab Dezember auch wieder in Deutschland auf der Bühne stehen: Holly Johnson

Wird ab Dezember auch wieder in Deutschland auf der Bühne stehen: Holly Johnson

Herr Johnson, 'Europa' ist Ihr erstes Solo-Album seit fünfzehn Jahren. Warum hat das so lang gedauert?
Für 'Soulstream' hatte ich Ende der 90er mein eigenes Label gegründet, da keine Plattenfirma mehr an mir interessiert war. Das war ohne Hilfe durch die Industrie eine Menge Arbeit und der Erfolg war mäßig. Danach hatte ich einfach das Gefühl, es wäre in kreativer Hinsicht Zeit für einen Neustart mit etwas ganz anderem.

Sie wandten sich der Malerei zu.


Ich hatte die Gelegenheit, mit Sir Peter Blake zu arbeiten (britischer Popart-Künstler, Anm. d. Red.). Blake und ich freundeten uns an. Zudem bot sich mir durch die Künstlerin Eileen Cooper die Chance, am College of British Art meinen Master of Art zu machen. Vier Jahre lang war ich dort Teilzeit-Student.

Also wenig Zeit, die Musik zu vermissen?


Klar habe ich Musik gehört und auch Songs geschrieben. Aber seitdem ich etwa 13 Jahre alt war, drehte sich alles um Musik. Sie machte mein ganzes Wesen bis dahin aus. Es war sehr inspirierend, etwas anderes zu machen.

Ganz losgekommen davon sind Sie nicht.


Im Jahr 2009 sagte ich Universal Records zu, Promo für das Album 'Frankie say: Greatest' zu machen. Im Gegenzug forderte ich von ihnen, meine alten Soloplatten neu zu veröffentlichen. Ein Pakt mit dem Teufel, aber sie hatten keine andere Wahl. Plötzlich gab es meine Songs auf Itunes und Amazon. Und es tat einfach so gut, wieder auf diese Art zu existieren, als Solo-Künstler. Das machte mir Mut und ich begann wieder aufzutreten, unter anderem in Deutschland, 2012 in Potsdam.

Wie fühlte sich dieser Schritt zurück auf die Bühne an?
Angsteinflößend! Aber gleichzeitig merkte ich, dass ich Musik immer noch in mir habe.

'Dancing with no Fear' heißt einer der Songs auf dem neuen Album.


Das ist natürlich autobiografisch. Anfang der 90er wurde bei mir HIV diagnostiziert und ich war das Jahrzehnt über ständig out of order. Ich hatte Angst, ich könnte jederzeit sterben. Ich war quasi Invalide und mein Lebenspartner Wolfgang (Manager und Partner Wolfgang Kuhle, Anm. d. Red.) wurde zu meinem Krankenpfleger.

Wie geht es Ihnen heute?


In der HIV-Forschung hat sich vieles getan, das war meine Rettung. Heute bin ich medikamentös sehr gut eingestellt und es geht mir dementsprechend gut. Angst blieb dennoch ein Thema, zuletzt war Wolfgang schwer herzkrank und ich dachte, ich würde ihn verlieren. Eine sehr schwere Zeit war das.

Haben Sie sich an die Angst gewöhnt oder hat sich die Haltung zu ihr verändert?


Eine Sache, die Wolfgang mich gelehrt hat, ist: The only thing to fear is fear itself. Ein alter Spruch, aber zutiefst wahr. Mein Blick auf das Leben hat sich verändert. Ich bin dankbar für die kleinen Dinge. Ich weiß, das klingt kitschig. Aber der Blick aus dem Fenster, in die Sonne, die singenden Vögel, Menschen, die umher spazieren - ich schätze den Moment viel mehr. Das ist wichtig für mich, gerade weil ich den Hang dazu habe, mich zwischen Angst vor der Zukunft und dem Kampf mit der Vergangenheit aufzureiben. Das hat sich geändert.

Nimmt man so auch geschmacklose Facebook-Kommentare wie 'Oh, ich dachte, du wärst tot' etwas leichter?


Es ist wirklich spektakulär, welch schlechte Manieren die Leute im Internet-Zeitalter haben. Ich glaube nicht, dass mich auf der Straße jemand so angesprochen hätte.

In der Hoch-Zeit von Frankie, Mitte der Achtziger Jahre, waren Manieren nicht eben ein Thema für euch. Raufende Politiker-Doubles, S/M-Sex, Natursekt-Duschen im Video - es ging hoch her.


Das kann ich nicht abstreiten, aber das war doch eher eine Rolle, die man da spielte.

Noch heute sind die Achtziger en vogue wie kein anderes Jahrzehnt. Billy Idol ist zurück, Culture Club und Spandau Ballett ebenso, Kate Bush, jetzt Sie - was fasziniert die Leute immer noch daran?


Ich denke, es war die letzte wirklich kreative Dekade des 20. Jahrhunderts. Neue Sounds, Studio-Technologien, die zum ersten Mal eingesetzt wurden. Nimm' die 90er allein: Alles Nostalgie. Oasis machten auf Beatles, Suede kopierten Bowie. Die 80er-Nostalgie steht für die Sehnsucht nach einer Form von freshness und Extravaganz, die es später kaum noch gab.

Was wurde aus dem Spirit von Frankie goes to Hollywood? Wenn es jemanden krachen lässt, dann sind es Damen wie Miley Cyrus oder Lady Gaga. Wo sind die Kerle?


Männer sind einfach nicht mehr in Mode. Es sind die männlichen Plattenbosse, die entscheiden, was erfolgreich wird und die gehen natürlich von sich selbst aus und worauf sie Bock haben. Und wie es sich aufs Konto auswirkt. Wobei sich das gar nicht einmal so sehr geändert hat. Klar gab es in den 70ern mehr männliche Extravaganz, aber selbst bei jemandem wie Kate Bush, wo heute bei ihrem umjubelten Bühnen-Comeback alle von der Kunst sprechen, war es damals nicht anders: Enge weiße T-Shirts, harte Nippel und kein BH.

Wie schaut es mit einer Reunion aus? Ihr Ex-Gitarrist Brian Nash sagte jüngst, die Missverständnisse ließen sich an einem Nachmittag ausräumen.


Kein Kommentar.

Alte Frankie-Hits haben Sie dennoch auf der Setlist.


Natürlich. Einen Song wie 'The Power of Love' liebe ich einfach. Oder nehmen Sie "Two Tribes". Das ist nicht nur musikalisch ein zeitloser Kracher, auch der politische Kontext hat sich bis heute mit all den Kriegen weltweit leider nicht geändert.

Ich erinnere mich gut an ein Konzert von Frankie goes to Hollywood, 1987 in meiner Heimatstadt Kiel.


Oh, ich erinnere mich auch an Kiel. It was arschkalt!

Es gab eine knappe Ansage in deutscher Sprache. Haben Sie inzwischen das Repertoire etwas erweitert für die Deutschland-Tour im Dezember?


Obwohl ich einen deutschen Freund habe, muss ich gestehen, dass ich sprachlich nicht viel weiter bin. Aber ein Satz ist in Erinnerung geblieben: Blas' mir einen.

Holly Johnson tritt am 8. Dezember in Stuttgart, am 9.12. in München, am 11.12. in Berlin und am 13. Dezember in Köln auf.

Gespräch: Ingo Scheel