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Interview Sara Bongiorni: "Ich klaute meiner Schwägerin die Kerzen"

Die Amerikanerin Sara Bongiorni hat ein Jahr lang auf Produkte aus China verzichtet - und gelernt, dass ein Leben ausschließlich mit guten Dingen gar nicht so einfach ist.

Sind Chinesen böse Menschen?

Wie kommen Sie denn darauf?

Sie schreiben, dass Ihr Sohn Wes Ihnen diese Frage während des Boykotts gestellt hat, weil er nicht verstehen konnte, warum er plötzlich kein Spielzeug mehr kaufen durfte.

Oh ja, meine lausigen Erklärungsversuche haben die Kinder leider nicht überzeugt.

Ihre Mutter dachte, Sie protestieren für die Tibeter gegen China...

Sie hat viele Fragen gestellt: Warum hackt ihr auf China herum? Sind wir von anderen Ländern nicht genauso abhängig? Macht ihr das für die Amerikaner, die durch das Abwandern der Produktionsstätten ins Ausland ihren Job verlieren? Unser Boykott war kein offizieller Protest. Es ging mir darum, herauszufinden, ob es noch möglich ist, ohne chinesische Produkte ein normales Leben zu führen.

Wie haben Ihr Mann und die Kinder auf Ihre Boykott-Idee reagiert?

Mein Mann war lange Zeit das schwächste Glied der Kette. Er liebt diese Kleinkram-Kisten an Supermarktkassen, mit Sachen wie Furzkissen für einen Dollar - leider alles Made in China. Darauf zu verzichten, fand er gar nicht lustig. Aber er hat mir zuliebe mitgemacht. Sogar, als er im Urlaub zwei verschiedenfarbige Sandalen tragen musste und Fremden, die ihn darauf ansprachen, nur entgegnen konnte: "Meine Frau verbietet mir neue Flipflops aus China zu kaufen! Ich muss die alten meiner Schwiegermutter auftragen!"

Was genau durften Sie während der Zeit denn alles nicht kaufen?

Fast alle Spielsachen. Hinzu kamen kleine Sachen wie Geburtstagskuchenkerzen und fast alle elektrischen Geräte. Soweit ich weiß, gibt es kein einziges Telefon, das nicht in China gefertigt wird. Kaffeemaschinen sind auch ein schwieriges Thema. Wenn man nicht das Geld hat, sich eine direkt aus Italien kommen zu lassen.

Wie sind Sie ohne die Sachen ausgekommen?

Den Kaffee haben wir, als die Maschine kaputt ging, in Filtertüten aufgebrüht. Wir hatten Glück, dass unser Telefon während des Experiments ganz geblieben ist. Daran hätte das Projekt scheitern können.

Waren die Geburtstage ohne Kerzen nicht etwas düster?

Nein, nein, Kerzen habe ich bei meiner Schwägerin vom Kuchen geklaut.

Und wo haben Sie die für Sie erlaubten Produkte gefunden?

Leider gab es keine Website oder einen Shop zu dem Thema. Wir mussten jedes Produkt einzeln im Supermarkt umdrehen und die Informationen lesen. Das hat sehr viel Zeit gekostet. Unseren Sohn haben wir mit Lego-Steinen aus Dänemark bei Laune gehalten. Unsere Tochter mit einem Holz-Puppenhaus aus Deutschland. Natürlich waren die Sachen viel teurer.

Hatten Sie viele schwache Momente?

Oh ja, ich war sehr nervös, hatte große Angst, dass meine Familie total frustriert wird. Mein Mann wünschte sich zum Beispiel so sehr ein Planschbecken für unseren Sohn. Also habe ich irgendwann meine Schwägerin heimlich überredet, ihm eins zu schenken. Und meinem Sohn habe ich erlaubt, sich einen elektrischen Kürbis von seinem Taschengeld zu kaufen. Wir wollten konsequent sein, aber dass wir ab und zu eingeknickt sind, zeigt nur, wie schwierig es ist, ohne diese Produkte zu leben.

Also lautet Ihr Fazit: Man kann nicht mehr ohne Made in China-Produkte leben?

Ein normales Leben ohne diese Produkte ist, glaube ich, undenkbar. Aber es gibt sicher Menschen, die versuchen ohne diese Produkte zu leben und das auch schaffen. Sie müssen nur auf vieles verzichten und irre viel Zeit oder sehr viel Geld haben.

Haben Sie nach dem Boykott Ihr Leben langfristig verändert?

Wir versuchen weiterhin Produkte aus möglichst vielen verschiedenen Herkunftsländern zu kaufen. Aber wir können heute auch auf mehr Dinge verzichten, als wir zu Anfang dachten. Auf unsere Kaffeemaschine zum Beispiel, die haben wir nie ersetzt.

Hat sich aus China eigentlich jemand bei Ihnen gemeldet? Die Chinesen sind von Ihrer Idee doch sicher nicht begeistert...

Und ob! Ich habe den chinesischen Medien viele Interviews gegeben. Für die ist es doch die reinste Erfolgsstory.

Interview: Stefanie Luxat

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