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Jackson-Prozess: Rote Karte für die Anklage

Nach über zwei Monaten auf der Anklagebank kann Popstar Michael Jackson dem weiteren Verlauf des Prozesses gelassen entgegen sehen. Daran änderten auch die Aussagen von 85 Zeugen mit teils drastischen Schilderungen sexueller Taten nichts.

Der Fall von Staatsanwalt Tom Sneddon, Jacksons erklärtem "Erzfeind", steht auf wackeligen Füßen. Darin waren sich am Mittwoch nach dem schleppenden Finale der Beweisführung durch die Anklage die meisten Prozessbeobachter einig. "Der letzte Eindruck war einfach schrecklich", so das niederschmetternde Urteil des MSNBC-Kommentators Jim Moret. Als letzter Zeuge sollte der Plattenproduzent Rudy Provencio in Santa Maria (Kalifornien) den Vorwurf untermauern, Jackson habe gemeinsam mit seinen Helfern ein Komplott geschmiedet, die Familie seines jugendlichen Beschuldigers unter Druck zu setzen und auf seiner Neverland-Ranch quasi gefangen zu halten.

Auch letzter Zeuge der Anklage versagte

Zwar hörte Provencio, wie Mitarbeiter des Popstars darüber sprachen, dass die Familie im Frühjahr 2003 von Neverland "geflüchtet" sei. Allerdings konnte er keinen Beweis dafür liefern, dass Jackson bei ihrer "Freiheitsberaubung" - einer der schwerwiegenden Anklagepunkte neben sexuellem Missbrauch und Verabreichen von Alkohol an einen Dreizehnjährigen - persönlich seine Hände im Spiel hatte.

Erst in der vergangenen Woche hatte die Anklage durch die Aussage von Jacksons Ex-Frau Debbie Rowe eine bittere Niederlage einstecken müssen. Sie sollte der "krönende Abschluss" sein, doch nun "sieht es gar nicht gut aus", sagte der Prozessbeobachter Andrew Cohen vom Sender CBS. Mit der von Rowe erwarteten Darstellung wollte die Anklage Parallelen zu den Vorwürfen der Mutter des Teenagers ziehen, dass sie beide vom Jackson-Team genötigt worden waren, den Popstar in einem Entlastungsvideo in höchsten Tönen zu preisen. Genau das tat Rowe zu Sneddons Überraschung vor der Jury. Sie lasse sich von niemandem vorschreiben, was sie zu sagen habe, versicherte die Mutter von Jacksons Kindern Prince Michael und Paris. Jackson sei tatsächlich ein "großartiger Mensch" und ein "wunderbarer Vater".

Verteidigung lässt viele Promis aussagen

Ähnliche Lobeshymnen möchte Jackson-Anwalt Thomas Mesereau in den kommenden Wochen seinen teils prominenten Zeugen entlocken. Aus der Liste mit 250 potenziellen Zeugen stechen Namen wie Elizabeth Taylor, Diana Ross, Eddy Murphy und Stevie Wonder hervor. Zum explosiven Auftakt werden Ex-Kinderstar Macaulay Culkin sowie zwei weitere junge Männer erwartet, die ihre frühere, enge Beziehung zu Jackson als harmlose Freundschaft beschreiben sollen. Damit würden sie die Aussagen von ehemaligen Neverland-Angestellten widerlegen, die Jackson bei unzüchtigen Handlungen mit den drei Jungen beobachtet haben wollen.

Mesereau ist es bereits gelungen, die Glaubwürdigkeit der wichtigsten Anklage-Zeugen stark in Zweifel zu ziehen. Dem jetzt 15 Jahre alten Jungen, der Jacksons des Missbrauchs beschuldigt, konnte er widersprüchliche Aussagen nachweisen und ihn als ungezogenen, aufmüpfigen Schüler entlarven. Seine Mutter, die mit Tränen, heftigen Gebärden und Antworten wie "In Neverland geht es nur um Saufen, Pornografie und Sex mit Jungen" im Gericht für Wirbel sorgte, stellte er als geldgierige Lügnerin dar, die in einem früheren Prozess gegen eine Warenhauskette bereits unter Eid gelogen habe.

Alle Belastungszeugen bekamen Geld - von der Presse

Richter Rodney Melville hatte der Verteidigung aber einen schweren Schlag versetzt, als er frühere Belästigungsvorwürfe aus den 90er Jahren als Beweismittel in dem laufenden Verfahren erlaubte. "Für die Anklage spricht allein die Menge an Vorwürfen", sagte der Juraprofessor Jean Rosenbluth dem Magazin "Newsweek". Ein 24-Jähriger legte vor der Jury dar, wie er im Kindesalter von Jackson unsittlich angefasst wurde. Ex-Angestellte des Popstars berichteten von Oral-Sex und gemeinsamen Duschen ihres Chefs mit seinen jungen Besuchern. Die angeblichen "Augenzeugen" hätten ihre "erfundenen Geschichten" für viel Geld den Boulevardblättern angeboten, so das prompte Contra der Verteidigung.

Der Gerichts-"Thriller" kann nach Einschätzung von Prozessbeobachtern noch gut zwei Monate dauern. Sorgte Jacksons verspätetes Erscheinen in Pyjama-Hosen bereits weltweit für Schlagzeilen, so dürfte sein möglicher Auftritt im Zeugenstand das bizarre Drama auf die Spitze treiben.

DPA, AP / AP / DPA