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Leute: Die Liebe in den Zeiten der Kamera

So unterschiedlich gestalten Promi-Paare ihre Beziehungen: Tom Cruise und Katie Holmes inszenieren sich in gleißender Penetranz, während Brad Pitt und Angelina Jolie so tun, als wenn alles zwischen ihnen nur Film ist.

So hätte es auch sein können. Die Reporterin macht schmale Augen und fragt spröd: "Wie stehen Sie denn zu den Plänen der BushRegierung in Sachen Sozialversicherung?" Katie Holmes schluckt und guckt verwirrt und vergisst zu lächeln. "Sind Sie für einen Abzug der amerikanischen Truppen im Irak?", hakt die Reporterin nach. Und fügt, als die 26-jährige Schauspielerin in hilflosem Entsetzen Blickkontakt zu ihrer PR-Beraterin sucht, seufzend hinzu: "Na schön, verraten Sie uns wenigstens Ihre Haltung zur Stammzellenforschung?"

Nein, nein, nein: In Wahrheit war es natürlich so, dass die Fernsehfrau ihr hübsches Gegenüber anstrahlte und gurrte: "Katie, Tom ist so cool angezogen! Gefällt Ihnen sein Outfit?" - "Oh, ja!", gestand Katie Holmes überwältigt. "Haben Sie", setzte die Reporterin aufgedreht nach, "die Sachen ausgesucht?" - "Oh, nein!", kicherte Katie Holmes und surrte wie ein Kolibri aus dem Blickfeld der Kamera, vermutlich an die Seite von Tom Cruise, woraufhin sie sich innig küssten. Ja, genau so war es, und würden jetzt Aliens auf der Erde landen, sie dächten, wir haben alle einen Knall.

Denn seit Tom Cruise und Katie Holmes am 27. April römischen Paparazzi und damit der ganzen Welt händchenhaltend demonstierten, dass sie jetzt ein Paar sind, benehmen sich mehr als diese zwei Menschen eigenartig. Cruise, klaro, hat nun offenbar nicht mehr alle Tassen im Schrank. Als er bei der amerikanischen Talkshow-Königin Oprah Winfrey aufs Sofa hupfte wie ein verknallter Teenie und dabei rief, er sei verliebt in Katie, fanden nicht zuletzt Teenies das Verhalten des knapp 42-Jährigen besorgniserregend. Und seriöse Blätter wie "Time" grübelten, ob Cruise "verrückt vor Liebe" sei oder "bloß verrückt".

Katie Holmes wiederum, ein bis dato unauffälliges Fernsehstarlet mit blitzblankem Provinzröschen-Image, erlebt derzeit die Paradoxie, in nie gekannter Weise Aufmerksamkeit zu erregen bei gleichzeitigem Verlust der bisherigen Identität. Während sich noch alle Welt verdutzt fragt, wer die Hübsche an Cruise' Seite eigentlich ist, hat sie sich schon wie ein Sonnenblümchen in die neue Richtung gedreht. Kennt laut "People"-Magazin ihre alten Freunde nicht mehr, feuert ihre Agenten und vor allem: lernt begierig die Weisheiten des Science-Fiction-Autors Ron Hubbard, die in den USA als Religion gelten und von Cruise, einem langjährigen Scientologen, entschieden gepriesen werden. Auf Pressekonferenzen und in Talkshows erklären die beiden so beflissen ihre Liebe füreinander, als hätten schon EU- und UN-Gremien die Klärung ihrer Beziehungen angemahnt. Sie düsen von einem Blitzlichtgewitter ins nächste, ihr roter Teppich ist ein fliegender, der das junge Glück von einer Episode zur nächsten trägt. Vorläufiger Höhepunkt: Heiratsantrag auf dem Eiffelturm, bleiben Sie dran, gleich geht's weiter mit der Star-Reality-Show.

Denn ob die beiden

sich nun wirklich ganz doll lieben oder ob Zyniker Recht haben, die das Geschnäbel für eine PR-Inszenierung zugunsten zweier Spielfilmpremieren halten (er wirbt für "Krieg der Welten", sie für "Batman Begins") - wir werden es nie erfahren. Fest stehen nur zwei Dinge: Erstens ist mit "Tomkat", wie das Pärchen genannt wird, die Star-Manie in eine neue Phase getreten. Oder vielmehr der Betrachter in eine neue Dimension. In eine Pufferzone zwischen Öffentlichkeit und Privatleben, also die private Öffentlichkeit oder das öffentliche Private ... äh ... sagen wir einfach, dahin, wo die Stars zwar unglamourös tun, aber professionell geschminkt sind. Wo sie über ihre intimsten Gefühle reden, aber dabei von ihrer guten Seite aufgenommen werden. Wo sie als Privatmenschen agieren, angewiesen nicht vom Regisseur, sondern vom Image-Berater.

Und zweitens zeigt diese herzige Geschichte vom Mädchen aus Ohio, das schon als Kind Tom Cruise heiraten wollte, dass wir alle schlechte Menschen sind. Denn Hand aufs Herz, diese so dringlich vorgetragene Lovestory glauben wir nicht, während wir von einer anderen überzeugt sind, die von allen Beteiligten mit Abscheu und Beharrlichkeit abgestritten wird. Tomkat? Niemals. Brangelina: aber hallo!

Soll heißen: Als im Januar dieses Jahres Hollywoods Lieblingspärchen Brad Pitt und Jennifer Aniston auseinander brach, loderten sofort Gerüchte auf, Pitt habe während der Dreharbeiten zur Actionkomödie "Mr. und Mrs. Smith" mit seiner Kollegin Angelina Jolie angebandelt. Die Beteiligten leugneten kühl und knapp, doch die in Spekulationen badenden Klatschblätter katapultierten sich in ungeahnte Auflagenhochs; als im April Paparazzi-Bilder von Pitt und Jolie am kenianischen Badestrand auftauchten, zahlte "US Weekly" saftige 500 000 Dollar dafür. Zu sehen war darauf nix, allein das Gerede verstummte nicht. Der Fernsehkomiker Bill Maher plädierte genervt: "Mein Gott, lasst doch die zwei schönsten Menschen der Welt einander vögeln!"

Auf den Filmplakaten für "Mr. und Mrs. Smith" (ab 21. Juli in den deutschen Kinos) stehen die beiden nun Rücken an Rücken, bei der Premiere vor drei Wochen in Los Angeles erschienen sie auffällig getrennt. Nix Sofahupfen, nix Händchenhalten. Die Fernsehmoderatorin Diane Sawyer reiste eigens mit Pitt nach Äthiopien und ließ ihn dort über Afrikas Probleme räsonieren, um sich Antworten auf ihre eigenen zu erschmeicheln: ob er glücklich sei (ja) und was es zu Angelina Neues gäbe ("Ich rede darüber", sprach vornehm Pitt, "wenn's was zu reden gibt"). PR-Stategen, die im Falle Cruise so ratlos sind, zeigten sich entzückt: Denn weil es die einzig heißen Bilder von dem Pärchen wohl nur auf der Leinwand gab, stellte sich Amerika brav an und verhalf den "Smiths" an ihrem ersten Wochenende zu stolzen 50 Millionen Dollar. Und selbst eine gerade erschienene 60-seitige Modestrecke mit den beiden in der amerikanischen Zeitschrift "W", die betont privat aussieht, wirkte nur wie ein ironischer Kommentar der beiden Stars ganz nach dem Motto "So könnte es sein, aber was wisst ihr schon?".

"Wenn man alles enthüllt", erklärt die Presseberaterin Bumble Ward "bleibt doch kein Geheimnis mehr." Das ist alte Schule: Anstatt den Leuten bis auf die Mandeln Einblicke ins Innenleben zu gewähren, machen manche Stars lieber dicht. Und wo doch gerade Paare, die ihre Beziehung vermarkten und jubelnd vor Glück durch die Medien tanzten, böse auf die Nase fielen! Tom Cruise zum Beispiel drehte 1992 mit der damaligen Gattin Nicole Kidman den Western "In einem fernen Land" und 1999 das Ehedrama "Eyes Wide Shut", beides Flops (in Cruise-Punkten gemessen). Oder Meg Ryan und Russell Crowe: heiße Affäre, müder Film ("Lebenszeichen"). Ganz zu schweigen von Jennifer Lopez und Ben Affleck, deren häufige Ausflüge ins Juweliergeschäft und Ausfahrten mit dem Bentley sogar weniger hämisch kommentiert wurden als ihre künstlerische Zusammenarbeit; "Gigli" gilt als einer der blödesten Filme überhaupt.

Warum das Publikum keine "echten" Paare sehen mag? Wahrscheinlich liegt es daran, dass das Wesen des Kinos eher dem Verliebtsein entspricht als der alten Liebe; man will sich auf etwas Neues, Vibrierendes, Frisches einlassen, und wenn man Menschen sieht, von denen man weiß, dass sie zusammenleben, schaltet sich gähnend das Bewusstsein ein, und man denkt an Krümel unterm Küchentisch und den verdammten Müll und die letzte Rolle Klopapier.

Jedenfalls: Die "Chemie" zwischen "Mr. und Mrs. Smith" ist tadellos. Sie seien nur Freunde, sagen Mr. Pitt und Miss Jolie. Im Privatleben? Im öffentlichen Privatleben? In aller Öffentlichkeit? Wenn die Aliens jetzt kämen, sie verstünden gar nix mehr.

Christine Kruttschnitt / print