HOME
stern-Gespräch

Dreifache Oscargewinnerin: Schauspielerin Meryl Streep: "Das Recht wird über Trump triumphieren"

Da ist Meryl Streep sich sicher. Die dreifache Oscargewinnerin hat noch eine Rechnung mit dem US-Präsidenten offen. Ebenso mit Harvey Weinstein. Eine Kampfansage.

Eiserne Lady: Meryl Streep, 68, spielt gern Frauen mit einer gewissen Härte

Eiserne Lady: Meryl Streep, 68, spielt gern Frauen mit einer gewissen Härte. Bald ist sie im neuen Film von Steven Spielberg zu sehen

DPA

Als Meryl Streep den kleinen Konferenzraum im 51. Stock des Mandarin Oriental in Manhattan betritt, herrscht draußen dichtes Schneetreiben. Normalerweise kann man durch die Panoramafenster den Trump Tower sehen. Heute nicht. "Und das ist ja wohl nicht das Schlechteste", sagt sie.

Streep hält einen Pappbecher mit Tee in der Hand. Der Raum ist überheizt. Sie zieht die graue Angora-Jacke aus und wirft sie über den Tisch hinweg auf ein Sofa. Sie wird nun über mächtige Männer sprechen, über Donald Trump, den Präsidenten-Macho, und Harvey Weinstein, den Hollywoodproduzenten, der Dutzende Schauspielerinnen missbrauchte. Warum konnten diese Verbrechen geschehen – und wurden so lange verschwiegen? Auch in Deutschland stellen sich diese Fragen, gerade jetzt, nachdem Regisseur Dieter Wedel von mehreren Frauen der Nötigung und Vergewaltigung beschuldigt wurde.

Meryl Streep gehört zu den prominentesten Sprecherinnen der Frauenbewegung

Meryl Streep, die mit drei Oscars und 20 Oscarnominierungen hochdekorierte Schauspielerin, gehört zu den prominentesten Sprecherinnen der Frauenbewegung. Auch wenn sie die Geschehnisse wütend machen – ihre sonore Stimme wird niemals laut, aber sie hat diesen dringlichen Klang, der unmissverständlich klarmacht, wie ernst es ihr um die Sache ist. Dazu passt auch ihre jüngste Rolle: Streep spielt Katharine "Kay" Graham, die Eigentümerin der "Washington Post", die, um ihre Zeitung zu retten, gegen eine Horde frauenverachtender Männer antritt. Inszeniert wurde "Die Verlegerin" von Steven Spielberg, eine wahre Geschichte der Nixon-Ära und ein Spiegel der aktuellen Probleme Amerikas. Er zeigt die Lügen einer Regierung, die Intrigen im Weißen Haus und den Kampf einer Frau um Respekt.

Mrs Streep, was Frauenrechte angeht, sind die Zustände im Weißen Haus derzeit erbärmlich. Der amtierende Präsident hat damit geprahlt, wie er Frauen begrapscht. CNN meldete, mindestens 13 Frauen würden ihn beschuldigen, sie sexuell belästigt zu haben.

Was auch immer Trump getan hat, er wird für alles irgendwann zur Rechenschaft gezogen. Da bin ich sicher.

Meryl Streep wurde in New Jersey geboren. Ihre Karriere begann mit großen Rollen in "Die durch die Hölle gehen" (1978) und "Manhattan" (1979). In den Achtzigern wurde sie dank Filmen wie "Jenseits von Afrika" (1985) zum Weltstar. Mit "Der Teufel trägt Prada" (2006) und "Mamma Mia" (2008) zeigte sie, dass sie auch das Leichte wunderbar beherrscht

Meryl Streep wurde in New Jersey geboren. Ihre Karriere begann mit großen Rollen in "Die durch die Hölle gehen" (1978) und "Manhattan" (1979). In den Achtzigern wurde sie dank Filmen wie "Jenseits von Afrika" (1985) zum Weltstar. Mit "Der Teufel trägt Prada" (2006) und "Mamma Mia" (2008) zeigte sie, dass sie auch das Leichte wunderbar beherrscht

Wie denn?

Ich will nicht spekulieren. Wichtig ist nur, dass alles streng nach Gesetz verläuft. Und Gott behüte, dass ihm etwas Schlimmes zustößt, was ihn das Amt kosten könnte. Ich wüsste nicht, wie seine Anhängerschaft dann reagiert, diese Menschen, die so voller Hass sind und seinen Ideen in blindem Vertrauen folgen. Aber ich bin optimistisch: Das Recht wird triumphieren.

Sie glauben, am Ende könnte eine Frau sein Schicksal besiegeln?

Da draußen sind viele junge Frauen, die jetzt aufbegehren. Warum sollte es nicht auch Trump erwischen. Wie bei David gegen Goliath. Es braucht nicht immer eine Armee. Manchmal reicht ein Stein. Von der Richtigen geworfen.

Auch Sie haben Trump mehrfach angegriffen. Er hat Sie "eine der am meisten überbewerteten Schauspielerinnen Hollywoods" genannt.

Es gibt absolut nichts, worin ich mit Trump übereinstimme. Aber in dem Punkt hat er ausnahmsweise mal recht. Wir neigen in Hollywood dazu, die Dinge zu übertreiben.

In Ihrer jüngsten Rolle spielen Sie Amerikas erste Zeitungsverlegerin, die sich gegen lauter Männer durchsetzen muss. Die Geschichte ist 46 Jahre her, aber man hat den Eindruck, so richtig viel hat sich nicht geändert.

Doch, es gibt enorme Fortschritte. 1971, genau in der Woche, in der dieser Film spielt, bin ich mit dem College fertig geworden. Damals begannen sich die Türen für Frauen gerade zu öffnen. In der Regierung, Justiz, Medizin, im Business. Aber nur auf den untersten Ebenen. Ich erzähle das oft meinen Töchtern. Die können sich gar nicht vorstellen, wie schwer es Frauen damals hatten.

Als Verlegerin Kay Graham bewegen Sie sich mit großer Unsicherheit durch die Männerwelt.

Es gibt dieses Foto von damals: Kay Graham bei einer Konferenz, und außer ihr nur 26 Männer im Raum. Wie einschüchternd muss das gewesen sein. Heute würden da immerhin drei Frauen sitzen. Es tut sich also was. Schneller geht es im mittleren Management, da gibt es schon zahlreiche Frauen. Aber die Topetagen, die betrachten Männer immer noch als ihre Bastion. In der Gesellschaft wird sich so lange nichts ändern, bis auch bei Spitzenpositionen totale Parität herrscht. 50 Prozent Frauen, 50 Prozent Männer, so wie es in der menschlichen Spezies nun mal verteilt ist.

Sind Sie für die Frauenquote per Gesetz?

Ich bin mir nicht sicher, ob ein Gesetz der richtige Weg ist. Ich glaube, dass die öffentliche Meinung Dinge schneller bewegt. Durch die sozialen Medien ändern sich die Einstellungen der Menschen ständig. Scham ist ein guter Motivator, ebenso soziale Ausgrenzung. Wenn Frauen sich weigern, Unternehmen zu unterstützen, die Frauen in der obersten Führungsebene ausschließen, kann das viel bewegen.

In ihrem neuen Film "Die Verlegerin" (Kinostart: 22.02.) muss sich Streep gegen eine Herrenriege behaupten

In ihrem neuen Film "Die Verlegerin" (Kinostart: 22.02.) muss sich Streep gegen eine Herrenriege behaupten

Vor anderthalb Jahren haben Sie beim Parteitag der Demokraten noch eine frenetische Rede für die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gehalten. Dann kam Trump. Sie müssen doch zugeben, dass die Frauenbewegung an Boden verloren hat.

Die Gesellschaft der Menschen ist über viele 10.000 Jahre einer bestimmten Hierarchie gefolgt. Die ersten echten Veränderungen kamen um 1960. Wie, glauben Sie, hätte es funktionieren können, dass wir von damals geradewegs zu einer glücklichen und konfliktfreien Lösung gelangen? Es wird immer so sein: zwei Schritte vor, einen zurück.

Man sollte meinen, wenigstens das liberale Hollywood wäre seiner Zeit voraus. Stattdessen wird es vom Weinstein-Skandal erschüttert, und es scheint: Dort geht es besonders schlimm zu.

Es geht zu wie überall. Nur, dass wir bei anderen Branchen nicht so genau hinschauen. Die Frauen, die auf Amerikas Feldern schuften, werden von ihren Vorarbeitern sexuell belästigt und ausgenutzt. Wenn sie sich beschweren, droht man, ihnen die Bezahlung zu streichen, ihnen die Möglichkeit zu nehmen, ihre Familien zu ernähren. Diese Frauen haben keine großen Namen; sie sind keine jungen schönen Schauspielerinnen, deren Geschichte Millionen Menschen interessiert. Die Gewerkschaft der Farmarbeiterinnen hat einen Brief an die Aktivistinnen unter den Schauspielerinnen geschrieben: "Bitte, macht weiter! Ihr sprecht auch für uns. Ihr sprecht auch für die, die keine Stimme haben." Die Leute hören, was Hollywood sagt. Wir haben dieses große Megafon.

Nach den Vorwürfen gegen Harvey Weinstein wurde die #MeTooBewegung für von Missbrauch betroffene Frauen so populär, dass sie vom Magazin "Time" zur Organisation des Jahres gekürt wurde.

Und gleichzeitig wurde das "Time"-Magazin von den erzkonservativen New Yorker Koch-Brüdern gekauft. Die gehören zu jenen Oligarchien, die uns mit ihrem Reichtum und ihren Verbindungen regieren wollen. Man kann sich nie zurücklehnen. Wir müssen im Kampf um unsere Werte und unsere Freiheit immer wachsam sein.

Was würden Sie einer jungen Schauspielerin raten, die an einen Harvey Weinstein gerät, der sie belästigt?

Nimm dir einen Anwalt!

Sie waren auch mal in einer solchen Situation – mit Dustin Hoffman.

Ja, und ich habe darüber damals mit dem "Time"-Magazin gesprochen.

1979 drehte sie mit Dustin Hoffman "Kramer gegen Kramer". Hoffman wurde am Set übergriffig, wofür er sich später entschuldigte

1979 drehte sie mit Dustin Hoffman "Kramer gegen Kramer". Hoffman wurde am Set übergriffig, wofür er sich später entschuldigte

Sie schilderten, wie er Ihnen bei Ihrer ersten Begegnung mit den Worten "Hey, ich bin Dustin Hoffman" gleich die Hand auf die Brust legte.

Das war vor fast 40 Jahren. Ich habe es öffentlich gemacht, und er hat sich entschuldigt. Ich habe danach nicht jedes Jahr von Neuem auf ihn eingedroschen.

Aber einen Anwalt haben Sie nicht genommen.

Sehen Sie, auf der einen Seite gibt es den brutalen Vergewaltiger. Auf der anderen Seite gibt es Männer, die sich einfach nur benehmen wie ein Arschloch. Dazwischen existiert eine riesige Bandbreite. Es gibt Raum für Vergebung und für nachdenkliche Gespräche. Menschen gehen in sich, korrigieren ihr Verhalten. Wir müssen doch miteinander auskommen, miteinander arbeiten, an die Zukunft denken. Wir können uns doch nicht immer nur schlecht fühlen. Es gibt Leute, die gehören ins Gefängnis, andere müssen nur begreifen, dass sie Arschlöcher sind, und sagen: Hey, es tut mir leid.

Harvey Weinstein wird beschuldigt, ein Vergewaltiger zu sein. Sie nannten sein Verhalten "abscheulich". Haben Sie die Enthüllungen überrascht?

Es war bekannt, wie brutal er im Business sein konnte. Als wir die "Eiserne Lady" gedreht haben und er versucht hat, den Regisseur rauszudrängen, habe ich begriffen, was für ein Fiesling er ist. Aber davon, wie er über die Frauen hergefallen ist, hatte ich keine Ahnung.

Es heißt, in Hollywood hätten alle darüber geredet.

Ich bin alt. Ich gehöre nicht mehr zu diesen jungen Frauen, auf die er es abgesehen hat. Aber was mich umbringt vor Wut, ist, wie er mich benutzt hat für seine Legitimation. Er hat sich mit meiner Hilfe Glaubwürdigkeit erkauft. Und das macht mich zum Komplizen beim Missbrauch dieser Frauen. Das kann ich nur schwer ertragen.

Schauspielerin Meryl Streep steht in einem dunklen, bestickten Kleid bei den Golden Globes 2017 auf der Bühne und spricht.

Haben Sie ihm das gesagt?

Nein, ich habe ihn schon lange nicht mehr gesprochen. Und es ist auch nicht so, als würden wir uns besonders gut kennen.

Bei Ihrem neuen Film ist offensichtlich, dass Steven Spielberg ihn auf die ganz aktuellen Probleme in den USA zugeschnitten hat. Die Dreharbeiten begannen vor weniger als einem Jahr. Hat Hollywood eine neue politische Rolle für sich entdeckt? Der Film wirkt wie eine Kampfansage an Trump.

In Hollywood wollen die meisten nur Geld machen. Aber dann gibt es Leute, die haben genug Geld, die haben genug erreicht, die handeln nach ihren Prinzipien. Einer von denen ist Steven Spielberg. Der muss niemandem mehr etwas beweisen. Er wollte etwas ausdrücken, das 1971 wahr war und auch jetzt wahr ist.

Eines Tages wird sicher ein Film über Donald Trump gedreht werden. Gibt es Rollen, die Sie faszinieren würden?

Oh ja! Die interessantesten Charaktere in einem Trump-Film sind die Frauen, die ihn unterstützen. Seine Pressesprecherin Hope Hicks, seine Beraterin Kellyanne Conway, seine Ex Ivana, seine Tochter Ivanka und natürlich Melania, seine Frau. Fantastisch.

Über Melania heißt es, sie beherrsche fünf Fremdsprachen.

Ich weiß, aber eigentlich hat sie niemand überhaupt mal irgendeine Sprache reden hören.

Was fasziniert Sie so an diesen Frauen?

Ich will wissen, wie sie sich vor sich selbst rechtfertigen. Ich hoffe, ein großer Autor wird diese Geschichte eines Tages aufschreiben. Das ist wie aus einem Shakespeare-Stück.

"Haben Sie Meryl getötet?": Erster Trailer zu "Mamma Mia 2" gibt Rätsel auf
Themen in diesem Artikel