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Michael Jackson: Wie süchtig war er wirklich?

Seine Todesursache ist ungeklärt - dafür dringen immer weitere Details über die offenbar desolaten Lebensumstände von Michael Jackson in die Öffentlichkeit. Vertraute sprechen von Kontrollverlust und massivem Medikamentenmissbrauch. Familie Jackson nimmt nun den Leibarzt ins Visier.

Von Björn Erichsen

Welche Rolle spielte Dr. Conrad Robert Murray beim Tod von Michael Jackson? Der Mediziner, der erst im Mai dieses Jahres Leibarzt des Musikers wurde, wird immer mehr zur Schlüsselfigur bei den Ermittlungen der Todesursache des am Freitag plötzlich verstorbenen Superstars. Die Polizei erklärte bisher lediglich, der Arzt sei kooperativ gewesen, Murrays Anwaltskanzlei betonte, ihr Mandant sei kein Verdächtiger. Doch die Jackson-Familie wirft ihm vor, Informationen über die letzten Stunden des King of Pop zu verschweigen.

Die offizielle Obduktion hat bisher zu keinem eindeutigen Ergebnis geführt, außer dass die Gerichtsmediziner eine äußere Gewalteinwirkung ausgeschlossen haben. Die Polizei teilte mit, dass Jackson in den letzten Monaten abhängig von dem starken Schmerzmedikament Oxycodon gewesen sei, und etwa eine Stunde vor seinem Tod noch eine Injektion mit dem Schmerzmittel Demerol (s. Kasten) bekommen habe - verabreicht von Dr. Murray.

Leibarzt will die Spritze nicht verabreicht haben

Der ließ jedoch am Sonntag über seinen Anwalt versichern, er habe dem "King of Pop" keine solche Spritze verabreicht. Entsprechende Berichte seien "absolut falsch", sagte der Rechtsanwalt des Arztes, Edward Chernoff, nach Angaben der "Los Angeles Times" am Sonntag. Murray habe Jackson weder mit Demerol versorgt noch es ihm verschrieben.

Der Leichnam von Jackson ist inzwischen der Familie übergeben worden, die ihn an einen geheimen Ort hat bringen lassen. "Wir wissen nicht, was geschehen ist. Wurde ihm was gespritzt, und wenn ja was? Man muss sich mit allen berechtigten Zweifeln befassen", sagt Jesse Jackson, Bürgerrechtler und Freund der Familie, der den Jacksons auch zu einer zweiten Autopsie geraten hat, deren Ergebnisse noch nicht vorliegen.

Einen Zeitpunkt für die Beerdigung gab es auch drei Tage nach dem Tod des Megastars noch nicht. Laut "Los Angeles Times" hat die Familie mehrere Angebote, den Abschied mit einer Serie von großen Konzerten zu begehen. Die Zeitschrift "The Hollywood Reporter" berichtete, die Familie sei "gespalten und durcheinander". Vor allem die Brüder überlegten, wie sie möglichst viel aus Jackos Erbe machen könnten. Der Star war zwar massiv verschuldet, hinterlässt aber lukrative Musikrechte.

Nach und nach dringen allerdings immer mehr Details aus Michael Jacksons katastrophalen Lebensumständen in die Öffentlichkeit. So zeichnet etwa Grace Rwaramba, langjährige Betreuerin von Jacksons Kindern Prince, 12, Paris, 11, und Blanket, 7, das Leben des Megastars in düsteren Farben. In einem Interview mit "timesonline.com" schildert die 42-Jährige, dass Jackson zunehmend den Überblick über seine Finanzen und seine Verpflichtungen verloren habe. Er habe gelebt wie ein Nomade, immer unterwegs in anderen Ländern und Hotels.

Rwaramba, die im Dezember 2008 entlassen wurde, aber weiter Kontakt zu den Kindern gehabt habe, berichtet ebenfalls von massivem Medikamentenmissbrauch Jacksons. Er habe regelmäßig bis zu acht verschiedene Medikamente zu sich genommen, darunter allein drei Schmerzmittel in hoher Dosierung. "Ich musste ihm mehrmals den Magen auspumpen", sagt das Kindermädchen. Er habe immer so viele Medikamente miteinander gemixt und gleichzeitig wenig gegessen. "Eine Zeit lang war es so schlimm, dass ich seinen Kindern nicht erlaubt habe, ihn zu sehen."

Offenbar benötigte Jackson schon lange Zeit Medikamente. Das jedenfalls sagt Marcel Avram, Jacksons ehemaliger Konzertmanager: Seit Mitte der 1980er Jahre habe er schmerzstillende Mittel wie Morphin oder Demerol zu sich genommen, nachdem er sich bei einem Werbespot die Kopfhaut verbrannt und starke Schmerzen hatte. "Der Mann war aber nicht süchtig", behauptet der 70-jährige Deutsche. "Man kann nicht jemand verurteilen dafür, dass er Schmerzen hatte."

"Oh Gott, er nimmt Demerol"

Das sieht Deepak Chopra, Promi-Guru und langjähriger Freund Jacksons, anders. Der Musiker soll ihn erstmals während des Kindesmissbrauchsprozesses 2005 um Medikamente gebeten haben. Vergeblich, wie Chopra betont. Später sei Jackson bei dem Thema Medikamentenmissbrauch immer wieder ausgewichen. In seiner Musik lässt sich allerdings ein Hinweis auf sein Medikamentenproblem finden: 1997 hatte er auf seinem Album "Blood On The Dance Floor - HIStory" einen Song mit dem Titel "Morphine" veröffentlicht. Darin heißt es: "Schließ deine Augen und treibe davon / Demerol, Demerol / Oh Gott, er nimmt Demerol."

Vor dem Hintergrund seiner mutmaßlichen Medikamentensucht erscheint fraglich, wie Jackson die bevorstehende Mammuttournee von 50 Konzerten hätte durchstehen können. Einer seiner Trainer gab an, dass Jackson oft müde und abgespannt gewirkt habe. Laut Kinderbetreuerin Rwaramba sei der Musiker fest davon überzeugt gewesen, sich lediglich für zehn Konzerte verpflichtet zu haben. Wie Jackson in diesem offenbar desolaten Zustand die mehrstündigen Gesundheitsüberprüfungen der für die Tournee zuständigen Versicherung überstehen konnte, bleibt ein Rätsel.

Fest steht, dass außer der Familie Jacksons auch die Veranstalter ein großes Interesse am toxikologischen Gutachten und an der Klärung der Todesursache haben. Hängt hiervon doch die viele Millionen Dollar teure Kostenerstattung der Konzertausfälle ab. Die Familie jedenfalls gibt sich kämpferisch und kündigt schon einmal an, Leibarzt Dr. Murray zu verklagen, sollte es Hinweise auf eine Fehlmedikation geben. "Die Wahrheit muss noch herauskommen", sagt Vater Joe Jackson. Auch wenn diese - angesichts dessen, was bisher bekannt ist - ziemlich unangenehm ausfallen dürfte.