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Sekte "Krieger des Lichts" : Die Höllenjahre der Michelle Hunziker

Sie war jung, hübsch und unglücklich: Ausführlich erzählt die TV-Moderatorin Michelle Hunziker, wie sie sich im Netz einer Psycho-Sekte verfing. Und sich wieder herauskämpfte.

Von Jochen Siemens

Michelle Hunziker als Mitglied der Sekte "Krieger des Lichts"

Michelle Hunziker, 41, in einem Mailänder Café. Ihr Buch über ihr Leben in der Sekte – Titel: "Ein scheinbar perfektes Leben" – erscheint im Verlag Bastei Lübbe

Fängt jetzt irre an. Denn Jesus hatte eine Schwester. Und die verliebte sich in einen römischen Soldaten, verriet ihren Bruder und ging mit dem Soldaten nach Rom. Aber der Römer wollte dann nichts mehr von ihr wissen, und sie musste in Hunger und Armut leben. Als Strafe für den Verrat.

Mailand 2018, ein Vormittag im späten Sommer, ein Café im Zentrum gleich neben der Scala. Michelle Hunziker schweigt einen kleinen Moment. Dann lacht sie. Aber es ist nicht das altbekannte "Wetten dass ..? – jetzt geht die Sonne auf"-Lachen. Es ist das kurze Lachen darüber, wie absurd diese Geschichte ist. "Diese Schwester war ich. Ich habe geglaubt, sie in einem früheren Leben gewesen zu sein. Und ich habe geglaubt, diese Schuld zu haben. Weil Jesus es uns erzählt hat."

"Krieger des Lichts"

Vor den Fenstern des Cafés laufen Passanten vorbei, manche bleiben kurz stehen, weil sie Hunziker erkannt haben. Sie ist in Italien berühmt, nicht nur als TV-Moderatorin und als die Ex-Frau des Sängers Eros Ramazzotti, sondern auch wegen dieser Geschichte mit Jesus. Und wegen noch ein paar anderen solcher absurden Sachen. In einem anderen früheren Leben sei sie die Frau eines deutschen SS-Mannes gewesen und habe dessen Mordtaten nicht verhindert. Und: Hunziker hat sich jahrelang vegan ernährt, weil sogar eine Pizza aus "dämonischen Zutaten" bestand. Und sie hat "keinen Sex gehabt", wie sie zugibt. Und neben ihr war immer jemand, der sie kontrollierte. Auch ihr Telefon. Anrufe und Nachrichten wurden gelöscht, vier Jahre wurde sie daran gehindert, mit ihrer Mutter und mit alten Freunden zu sprechen. Auch wurde ihre Ehe mit Eros Ramazzotti zerstört. Und ihr wurde Geld abgenommen, viel Geld.

"So ist das bei einer Sekte, sie ziehen die Schlinge um dich immer enger. Und irgendwann haben sie dein Gehirn gewaschen", sagt sie. "Krieger des Lichts" nannte sich der Verein, in dem Michelle fast sechs Jahre lang Mitglied war. "Freiwillig gefangen", wie sie sagt.

Geschichten wie diese kennt man von Männern und Frauen, die Sekten wie Scientology entkommen sind. Oft sind es gebrochene, entleerte Menschen, die wie Schiffbrüchige vor einem sitzen. Aber wenn Hunziker das erzählt, fühlt sich der Zuhörer wie im falschen Film. Die Michelle. Blond. Blitzende Augen. Und das Lachen. So eine pustet solche Sektendödel doch einfach aus der Tür. Schwester von Jesus, römischer Soldat ... geht's noch?

Die böse Familie: Hunziker im Kreis einiger Anhänger der "Krieger des Lichts". In der Mitte: die Sektenchefin Giulia Berghella, genannt Clelia. Das Bild entstand 2005 in Mailand.

Die böse Familie: Hunziker im Kreis einiger Anhänger der "Krieger des Lichts". In der Mitte: die Sektenchefin Giulia Berghella, genannt Clelia. Das Bild entstand 2005 in Mailand.

Aber es war so, und es wurde noch schlimmer. Es ist eine lange Geschichte, die überhaupt nicht lustig ist. Um diese Geschichte zu verstehen, sollte man eine alte Weisheit hervorholen: Schönheit sieht immer nur der Betrachter, die Schönheit selbst erkennt sich nicht. Und deshalb lebt auch Hunziker in sich selbst genauso durcheinander, wie wir alle es tun. Genauso unsicher, schüchtern, traurig, glücklich, selbstsicher und selbstzweifelnd.

Die Seele hat keine blonden Haare.

Mitte der 90er Jahre, Michelle war 18, in Italien war ihr Hintern sehr bekannt, weil er auf einem Werbeplakat zu sehen war. Ein Model und TV-Gast, höllisch verliebt in den italienischen Popstar Eros Ramazzotti; ihre Tochter Aurora wurde 1996 geboren, zwei Jahre später heirateten sie. "Ein Märchen", sagt Hunziker heute, "ich lebte in einem Märchen." Schnell schiebt sie hinterher: "Es nützt alles nichts, wenn man etwas Zerbrochenes aus der Kindheit mit sich schleppt." Ihre Eltern hatten sich getrennt, ihr Vater, den sie sehr liebte, hatte sich in den Alkohol verguckt: "Er war ein Trinker, und ich hatte keinen Kontakt zu ihm." Und sicher: "Eros war großartig, er tat alles für mich, aber er war oft auf Tournee und ich allein in unserem Haus."

Gift träufelte in Michelle Hunzikers Leben

So stimmte einiges im Leben der schönen Michelle nicht: "Ich hatte diese Fragen und Zweifel, die doch jeder mit Anfang 20 hat." Und sie hatte, ganz banal, auf einmal Haarausfall. So fing das an.

Die italienische Kultur pflegt eine gewisse Vorliebe für Esoterik und übersinnliche Phänomene. Die Städte sind voll von Wahrsagern und selbst ernannten Wunderheilern; in Turin gab es lange noch einen beim Vatikan angestellten Exorzisten. So kreuzten sich in Mailand die Wege von Michelle Hunziker und einer Frau, die sich Clelia nannte, in Wirklichkeit aber Giulia Berghella hieß. Einer "Prana-Therapeutin", so die Eigenbeschreibung. Clelia wurde zunächst Eros Ramazzotti empfohlen, der vor einer Tournee Stimmprobleme hatte, die von Clelia mit Handauflegen und therapeutischer Ansprache behandelt wurden. Aber Clelia hatte sofort Michelle im Visier, spürte deren Einsamkeit und webte ihr Netz.

"Sie war sanft und schön, und sie hörte mir zu. Ich hatte dieses Problem, mich nicht geliebt zu fühlen. Vom Vater nicht, von der Mutter schon, aber meine Mutter hatte eine andere Art, zu lieben. Nüchterner vielleicht." Genau da legte Clelia ihre sanften Pranken auf. "Mein Haarausfall verschwand. Clelia sagte mir, ich solle nicht mehr rauchen, und ich rauchte nicht mehr. Ich konnte mich anlehnen, ich konnte sie acht- oder zehnmal am Tag anrufen, sie hörte zu."

Starmag - das VIP-Magazin: Das Leben der Michelle Hunziker

Als Hunziker einmal Clelia in ihrer Wohnung besuchte, waren da fast 20 andere Männer und Frauen, eine Familie, alles war in Weiß. Sie sprachen miteinander, sie beteten, und bald fing das mit dem "Channeln" an. Channeln? "Clelia lehrte uns, dass wir Auserwählte seien, auserwählt, weil wir das Glück hatten, in dieser kleinen Gruppe, der sie als unsere Meisterin half, unsere Seelen zu retten. Und die vergangenen Seelen sprachen durch einen Kanal zu uns."

Hunziker hat das tatsächlich geglaubt: "Clelia war clever, sie wusste von mir, wie ich als Kind an Gott glaubte und dass es mit meinem Vater die schönsten Jahre waren", erzählt sie. "Aber Gott konnte die Bibel nicht geschrieben haben, er brauchte einen Menschen, dem er sie diktierte. Oder eben channelte." Aber das waren noch die wunderlichen ersten Zeiten in der Sekte. Es wurde bald ungemütlicher.

"Clelia sagte mir, ich müsse mich von den Menschen trennen, die mich nicht liebten, denn die würden mir nur schaden." Ramazzotti etwa sei früher der römische Soldat gewesen, der sie in die Armut stieß. Das Gift träufelte in Michelles Ehe. "Mein Mann hatte schon lange große Bedenken gegenüber Clelia und der Sekte. Und eines Tages stellte er mich vor die Wahl: die oder ich." Hunziker entschied sich für ihre neue "Familie". Der anschließende Sorgerechtsprozess um ihre Tochter geriet in die Schlagzeilen, und Italien litt mit.

"Das Publikum war ja nicht da, wenn ich abends zu Hause war"

"Non, non può finire così" – nein, es kann doch so nicht aufhören, sang Ramazzotti 2003 in seinem Lied "Solo ieri", und das halbe Land sang es vor den Radios und in den Bars mit. Hunziker beschreibt diese Zeit als einen emotionalen Taifun, sie sei hin- und hergeweht worden zwischen der Liebe zu Ramazzotti und den Netzen der Sekte. Sie tat alles, um ihre Tochter herauszuhalten. "Aurora hatte mit der Sekte nie etwas zu tun, darauf habe ich geachtet."

Zu dieser Zeit wurde Hunziker auch bei uns bekannt – durch ihre Jury-Auftritte in der ersten Staffel der Castingshow "Deutschland sucht den Superstar". Sie begeisterte das Fernsehpublikum mit ihrem Lachen, badete im Applaus. Wieso fühlte sie sich da ungeliebt? Hunziker nickt: "Das denken viele, aber so ist es nicht. Das Publikum war ja nicht da, wenn ich abends zu Hause war. Und dem Publikum kann ich nicht erzählen, was ich einem Menschen, der mich liebt, erzähle."

Lieben und geliebt werden, das sind die Wörter, die sie am meisten gebraucht, wenn sie erzählt. Heute ist Hunziker 41 Jahre alt, verheiratet mit Tomaso Trussardi, dem Erben und Chef des Modekonzerns Trussardi; sie haben zwei Töchter.

Michelle Hunziker hat ihre Erfahrungen in einer Sekte in der Autobiografie "Ein scheinbar perfektes Leben" verarbeitet

Sie scheint jetzt zu wissen, was Liebe bedeutet. Aber früher: Das Mädchen aus der Schweiz, mit 17 nach Mailand gekommen, Model, schwanger mit 19, da ist Liebe ein jugendlich glühendes Eisen im Herzen. Ihre Sektenzeit ist nun viele Jahre her, und sie will keine Anklage mehr erheben. Clelia und ihr Verein haben zwar von Hunzikers Geld gelebt, sie waren ihre Agentur, und Clelias Sohn wurde Michelle sogar als Freund verordnet; die Gehirnwäsche war komplett. "Aber ich kann niemanden anklagen, weil es bei so etwas immer 50 : 50 ist. Ich war zur Hälfte selbst dafür verantwortlich, da hineingeraten zu sein. Denn ich war jung und naiv."

Sie sagt: "Wenn man einmal in diesem Sog war, versteht man ein bisschen mehr, wie das auch anderen passieren kann. Ich will nicht anklagen, aber ich will warnen."

2006 schließlich wurde es Hunziker zu viel: "Innerhalb der Sekte gab es Kämpfe und Eifersucht. Sie fingen an, mich zu bestrafen, wenn ich nicht funktionierte, sie isolierten mich. Das ist wie bei einem Junkie, dem die Drogen weggenommen werden." Befreit habe sie sich selbst – in einem Akt der Verzweiflung. "Sie haben mir gesagt, wenn ich ginge, würde ich sterben. Ich habe das geglaubt, ernsthaft. Aber es war mir zu dem Zeitpunkt egal, ich wollte Zeit mit meiner Tochter verbringen, und sei es die Zeit vor meinem Ende."

"Es gibt sie noch"

Es haben ihr dann andere geholfen, Priester, Therapeuten und ein paar prominente italienische Journalisten. Und ihre Mutter, die Michelle nach vier Jahren Kontaktsperre wiedersah. Es war, als ob sie aus einem Untergrund zurück ans Licht käme. Nach ihrem Ausstieg moderierte Hunziker an der Seite von Thomas Gottschalk "Wetten dass ..?". Sie sagt: "Ich war befreit." Und dann sagt sie: "Ich war ja nicht alleine in der Sekte, zum Schluss waren wir 14, 15 Leute. Und ein paar davon waren in Italien nicht unbekannt."

Und Giulia Berghella, also Clelia, und ihre Sekte? "Die sind aus Mailand geflohen", sagt Hunziker. Abgehauen, als immer mehr Details des Psycho-Kerkers bekannt wurden. "Aber es gibt sie noch." Bei der Stadt Martina Franca in Apulien betreibt die Sekte eine Art Yoga-Zentrum und lädt zu "Life Coaching"-Lektionen ein. "Viele Engländer und Deutsche fahren dahin", so Hunziker. Rechtlich lasse sich nichts machen, denn diese Gemeinschaft nennt sich eine "Religion" und genießt in Italien eine "unglaubliche Freiheit", sagt Hunziker und lacht nicht. Nicht einmal ein bisschen.

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