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Mordfall Gsell: Die Gangster, die man ruft

Der Überfall auf den Nürnberger Schönheitschirurgen Franz Gsell ist offenbar aufgeklärt. Für die Justiz steht fest, dass das Ehepaar gemeinsam den fingierten Überfall geplant habe, der dann jedoch außer Kontrolle geraten sei.

Mit immer neuen Kehrtwendungen hat der Todesfall des Nürnberger Schönheitschirurgen Franz Gsell mit seiner schillernde Witwe Tatjana monatelang für Rätselraten gesorgt. Nun glaubt die Nürnberger Staatsanwaltschaft endlich den mysteriösen Überfall vom 5. Januar 2003 aufgeklärt zu haben. Am Mittwoch präsentierten die Ermittler eine nicht minder überraschende Version des Tatgeschehens: Demnach wurde der 76-jährige Arzt zusammen mit seiner Frau von Gangstern hereingelegt, die beide selbst bestellt hatten, um einen Versicherungsbetrug zu begehen.

Fingierter Überfall geriet außer Kontrolle

Der fingierte Überfall, mit dem sie einen Raub des Luxus-Mercedes der Nürnberger Partykönigin vortäuschen wollten, geriet nach Darstellung der Staatsanwaltschaft völlig außer Kontrolle. Die jetzige Tatversion basiert im Wesentlichen auf dem umfassenden Geständnis von Tatjana Gsell, mit dem sie im Oktober nach sechs Monaten Haft gegen Kaution auf freien Fuß kam.

Demnach hatte die durch zahlreiche Boulevard-Auftritte als Geschöpf des chirurgischen Könnens ihres Mannes bekannte 32-Jährige mit einer Bande von Autoschiebern vereinbart, dass die Gangster für 30.000 Euro Gegenleistung ihren wertvollen Mercedes SL 500 "stehlen" könnten. "Wegen ihrer finanziell beengten Situation benötigte sie das Geld kurzfristig", heißt es in einer Erklärung der Nürnberger Justiz. Anschließend wollte das Ehepaar den Ermittlungen zufolge nochmals die Versicherung abkassieren. Kontakt zu der von Belgrad aus agierenden Bande hatte sie offenbar über eine Verkaufsannonce, die sie zuvor erfolglos für den Wagen aufgegeben hatte.

Nach dem Geständnis geht nun auch die Staatsanwaltschaft davon aus, dass auch der Chirurg "wusste, dass der Wagen an die Autoschieber übergeben werden sollte". Noch vor kurzem hatte die Justiz mehrmals Ehrenerklärungen für den Arzt abgegeben.

Staatsanwalt stand Schmiere

Am Übergabeabend, dem vorgeblichen Raubüberfall, stand ausgerechnet ein Staatsanwalt, ein Jugendfreund von Tatjana Gsell, Schmiere und sollte das Geld von den Gangstern in Empfang nehmen. Auch er wurde erst kürzlich aus der Untersuchungshaft entlassen.

Doch die beiden Autoschieber waren nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft von vornherein entschlossen, nicht zu zahlen und wollten sich den Wagen samt Papieren notfalls mit Gewalt holen. So kam es schließlich zum Kampf: Als sich der 76-Jährige weigerte, den Räubern das Auto zu überlassen und sich heftig wehrte, erlitt er unter anderm Rippenbrüche und eine Lungenquetschung. Die Räuber flüchteten schließlich ohne das Auto.

Gsell gefesselt auf dem Bett

Allerdings verständigte der Chirurg die Polizei "erst erhebliche Zeit nach der Flucht der beiden Täter", wie die Justiz erklärte. Als die Beamten die Wohnung betraten, lag Gsell gefesselt auf dem Bett, so dass die Polizisten Zunächst keine Zweifel an dem Raubüberfall geschöpft hatten. Zusammen mit seiner Frau meldete der Chirurg statt dem Auto eine Reihe wertvoller Gegenstände als gestohlen, unter anderem Schmuck, seine Uhr und Bargeld. Teile davon fand die Polizei allerdings einige Wochen später bei einer erneuten Durchsuchung mehr oder weniger gut versteckt in der Wohnung.

Der 76-Jährige erholte sich jedoch nicht von seinen schweren Verletzungen und starb Ende März im Krankenhaus, nachdem er sich mit einem Virus infiziert hatte. Wenige Wochen später wurde Tatjana Gsell festgenommen, unter dem dringendem Tatverdacht, den Raub mit Todesfolge auf ihren vermeintlich nichts ahnenden 45 Jahre älteren Mann angestiftet zu haben. Ein halbes Jahr musste sie sich daraufhin von ihrem bunten Glitzerleben Abschied nehmen und sorgte lediglich für Berichte aus dem Nürnberger Frauengefängnis.

Zwei Tatverdächtige in Haft

Jetzt glaubt die Staatsanwaltschaft die wahren Täter des tödlichen Überfalls zu kennen. Gegen den bereits seit Oktober in Nürnberg einsitzenden Kopf der jugoslawischen Autoschieberbande erließ die Justiz am Donnerstag Haftbefehl. Ein weiteres Mitglied der Bande soll kommende Woche aus Griechenland nach Deutschland ausgeliefert werden. Gegen die Männer bestehe der dringende Tatverdacht der Körperverletzung mit Todesfolge.

Michael Pohl