HOME

No Angels: Das Comeback von Nadja Benaissa

Seit zehn Jahren gelten sie als Deutschlands erfolgreichste Frauen-Band. Allerdings scheint die Musik bei den No Angels dieser Tage eher Nebensache - alles dreht sich um die HIV-positive Nadja Benaissa. Das wollen die Bandmitglieder mit einem neuen Album ändern. Resteverwertung auf einer Berliner Bühne.

Von Sophie Albers

Es sind die zynischsten Pressevertreter, die am Mittwochabend bei verschwitzten Temperaturen vor einem Berliner Kino warten. Um 19 Uhr sollte der Einlass beginnen. Eine Minute nach sieben pöbelt eine Frau in halbironischem Ton: "Können wir mal rein hier. Es fängt an, übel zu riechen". "Ist doch scheiße, aufmachen", stimmt ein Mann ein. Ein paar der Umstehenden kichern schwach. Es ist einfach zu warm. Ein Sicherheitsmann im Anzug blockiert die Tür und blickt lächelnd, aber ängstlich in die Körpermenge, aus der Kameras in verschiedenen Größen ragen. Ein schaulustigtes Pärchen stellt sich dazu und ruft "Was gibt's 'n hier?" "Hier gibt's die No Angels", sagt ein Mann und dreht sein rot verschwitztes Gesicht sofort wieder Richtung Tür. "Die gibt's noch?"

Deutschlands erfolgreichste Girlband, die schon lange eine Frauenband ist, hat sich ein Kino ausgesucht, um ihr neues Album vorzustellen, das im September erscheinen soll. "Welcome to the Dance" heißt es, ist die vierte Studioproduktion und ein weiterer Versuch, an den großen Erfolg anzuknüpfen, den die Castingband der TV-Show "Popstars" Anfang des Jahrtausends einmal hatte, aber trotz Trennung (2003) und Wiedervereinigung (2007) nie wieder erreichte.

Alle wollen Nadja Benaissa sehen

Die Fotografen und Kameraleute sind mittlerweile im Kinosaal und rangeln sich in der ersten Reihe vor der schmalen Bühne. "Wo werden sie stehen? Sagen Sie uns, wo sie stehen werden", will ein Bildjäger von einer Frau mit Pferdeschwanz wissen. Die weiß es auch nicht. Sagt, der Ablaufplan sei ihr nicht bekannt, was einen kleinen Tumult auslöst. Derweil schwärmt eine Vertreterin des Labels Universal, das die No Angels vertreibt, ein paar Reihen weiter hinten, was für ein großartiges Album den Mädchen gelungen sei. Sie sagt es, ohne mit der Wimper zu zucken. Dabei weiß sie wie alle anderen in diesem Kino auch, dass niemand wegen des Albums gekommen ist.

Einziger Grund für das rege Interesse der überschaubaren Menschenmenge ist No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa. Die 27-Jährige war im April diesen Jahres unter großem Medienaufsehen und juristischer Verantwortungslosigkeit festgenommen worden, weil sie HIV positiv ist und angeblich wissentlich einen Mann angesteckt hat. Der Haftbefehl ist wieder aufgehoben, das Verfahren ist anhängig. Doch zynischerweise kommt dieser Fokus der Öffentlichkeit nun der Band zu Gute. Lucy, "die Lesbe", und Sandy, "die alleinerziehende Mutter", regen nicht mehr auf.

Die Kameraträger in der ersten Reihe werden in die zweite Reihe geschickt, damit sich der Labelabteilungschef und der Manager der Band - ein neuer nach dem Grand-Prix-Fiasko - in die erste Reihe setzen können. Das Album wird vorgespielt, während auf der Leinwand Bilder von den No Angels zu sehen sind: PR-Fotos, Bilder vom Videodreh, kleine Interviews mit Produzenten. Es sei ein amerikanisches Album geworden, hat der Manager einleitend erklärt und erzählt, dass man Geld gespart habe, weil sein Schwager Zahnarzt sei und er so einem der Produzenten, der auch schon Rihanna Erfolg gebracht habe, die Arbeit mit einem neuen Gebiss entlohnen konnte. Kaum einer lacht. Alle wollen Nadja sehen. Die Kameraleute reden durcheinander, schreiben SMS, und nach fünf der kristallklar produzierten Dancefloor-Stücke ruft jemand "Ende, Ende, Ende".

Doch das ist nicht der Deal. Zehn Stücke - die immer wieder hart am Ideenklau bei den Pussycat Dolls oder auch Timbaland vorbeischrammen - müssen sie durchstehen, bis Nadja Benaissa die Bühne betritt.

Same Shit/ Different Day

Dabei ist sie schon längst da. Als übergroßer Alicia-Keys-Verschnitt prangt sie auf der Leinwand, lächelt verführerisch und hat als einziger No Angel ein US-Chart-taugliches Aussehen. Das fällt auf, weil die Bilder sich dauernd wiederholen. "Same Shit/ Different Day" hat ein Pressevertreter auf dem T-Shirt stehen. Im nächsten Augenblick lächelt eine Foto-Nadja auf ihn herab. Auf ihrem grauen Shirt steht "Yes".

Endlich kommen die vier Frauen ganz real auf die Bühne. Sie machen mit dem gleichen Aufforderung-zum-Geschlechtsverkehr-Posieren weiter, wie es auch schon auf den Fotos zu den Songs zu sehen war. Nur Lucy - die statt Extrem-Mini konsequent Hosen trägt - macht einen auf Macho, greift sich in den Schritt oder zieht eine Billy-Idol-Schnute. Fragen sind nicht erlaubt. Alle spielen ihre Rollen: Sandy, die kühle Blondine genauso wie Jessica Wahls, die zurückhaltende Schönheit. Nur Nadja überstrahlt sie alle. Sie spielt die Rolle, in der sie eine Rolle spielt und weiß gleichzeitig, dass sie keine Rolle mehr braucht. Sie hat nämlich gerade überlebt. Ihr Lächeln könnte einer Abrissbirne trotzen.

Sie ist trotzdem hier

Für Nadja Benaissa ist dieser Abend ein Triumph: Die Welt weiß über sie Bescheid. Sie hat eine Krankheit, vor der sich alle fürchten, die die meisten Menschen mit siechendem Tod assoziieren. Sie wird vor Gericht gestellt. Sie wurde an die Medien verfüttert. Trotzdem ist sie hier. Strahlend, betörend und schön.

Als letzter Song und während die Fotos gemacht werden, ist immer wieder "One Life" zu hören. Die erste Single des Albums. "Ich habe nur ein Leben/ also lebe ich es", heißt es da. Sie werde "jetzt versuchen, das Beste draus zu machen", hat Nadja Benaissa gerade im Exklusiv-Interview mit stern TV gesagt.

Themen in diesem Artikel