O.J. Simpson "Du kriegst noch, was du verdienst"


O.J. Simpson steht erneut vor Gericht. In Las Vegas findet eine Anhörung statt, die klären soll, ob der 60-Jährige wegen bewaffneten Raubüberfalls und Kidnapping belangt werden kann. Simpson ist Schlimmeres gewohnt. Schließlich musste er sich schon dem Vorwurf des zweifachen Mordes stellen.
Von Frank Siering, Los Angeles

Er trug einen grauen Anzug, die Augen waren hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt. Bodyguards schützten O.J. Simpson, als der 60-jährige ehemalige Football-Star frühen Donnerstag Morgen ins Gerichtsgebäude von Clark County in Las Vegas stapfte. Seine Mimik war gelassen. Ein angdeutetes Grinsen hier und da, ein kurzes Kopfnicken, als ein Fotograf ihm aufmunternde Worte zurief. Einige Zaungäste beschimpften Simpson auf dem Weg ins Gericht. "Jetzt kriegst du doch noch, was du verdienst", brüllte einer. Ein anderer: "Wie in alten Zeiten, O.J. in Gerichtssälen kennst du dich aus."

Keine Frage, O.J. Simpson ist noch immer eine Reizfigur in Amerika. Und er wird noch heute, 17 Jahre nach dem skandalösen Freispruch vom Mord an seiner Ex-Frau Nicole Simpson und Ron Goldman, von vielen für "schuldig" erklärt. Aber das Skandal-Urteil vom einstigen "Jahrhundertprozess" ist verjährt. Simpson kann nach amerikanischem Recht in dieser Angelegenheit nie wieder vor den Kadi gezogen werden.

Und so steht er in Las Vegas diesmal auch wegen einer anderen Sache vor Gericht. Am 13. September soll Simpson zusammen mit einer kleinen Gang in ein Hotelzimmer eines Sportmemorbilia-Händlers gewaltsam eingedrugen sein. Angeblich unter Waffengewalt forderte Simpson Fangegenstände heraus, die "eindeutig mir gehören", wie er selbst sagt. Am Donnerstag kam der Händler, Bruce Fromong, zu Wort: "O.J. hielt mir eine Waffe ins Gesicht und sagte: 'Das ist alles mein Scheiß.'" Die Simpson-Anwälte argumentierten, dass keine Waffen im Spiel waren und dass ihr Mandant lediglich "gestohlenes Eigentum wiederholen wollte". Bis Freitag sollen insgesamt acht Zeugen von Richter David Roger vernommen werden.

Bei der jetzt laufenden Anhörung vor Gericht soll herauskommen, ob der Richter den Fall tatsächlich für eine Verhandlung zuläßt oder als "nicht beweisfähig" abblockt. Die Chancen, dass Simpson wegen bewaffneten Raubüberfalls und Kidnapping angeklagt werden, stehen allerdings sehr gut. Drei der fünf Gangmitglieder, die mit Simpson zusammen in das Hotelzimmer eingedrungen sind, wollen gegen Simpson aussagen. Charles Cashmore, Walter Alexander und Michael McClinton haben durchblicken lassen, dass sie dem Richter während der Anhörung sagen wollen, dass sehr wohl Waffen im Spiel waren, und dass Simpson den Angriff auf den Sporthändler geplant habe. Die Simpson-Verteidigung glaubt, dass Fromong nur auf Publicity aus ist. Und führte dann auch gleich an, dass "Mr. Fromong seit dem Zwischenfall versucht, einen Buchdeal zu erhaschen und sich Jack Nicholson als Darsteller in einem möglichen Film vorstellen könnte".

Sollte die Anhörung zum Ergebnis kommen, dass O.J. Simpson tatsächlich angeklagt werden kann, dann könnte ihm im Falle einer Verurteilung eine lebenslange Haftstrafe erwarten. Viele Kritker des einstigen Football-Stars, der in den 70er Jahren seine Glanzzeiten feierte und später von seiner Frau als "gewalttätig" bezeichnet wurde, glauben, dass diese Anhörung die "zweite Chance für ein gerechtes Urteil ist". Das zumindest sagt ein Sprecher der Goldman-Familie, die bis heute der festen Überzeugung ist, dass O.J. Simpson ein Mann ist, der einst mit einem Doppelmord davongekommen sei.


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