Oprah Winfrey Show "Die ganze Sache macht mich krank"


Gestern bei Oprah Winfrey: Streit um das Skandalbuch von O.J. Simpson - warum es nun doch erscheint und sich die Hinterbliebenen der Mordopfer bekriegen, die bis vor kurzem noch gemeinsam gegen den einstigen Footballstar angegangen waren.
Von Ulrike von Bülow, New York

Die Gastgeberin steckt in einem Dilemma, sagt sie. Oprah Winfrey sitzt in ihrem Fernsehstudio und sagt, eigentlich habe sie drei Menschen in ihre nachmittägliche Talkshow eingeladen, die bis vor kurzem noch gemeinsame Sache machten. Nun aber sitzen nur zwei von ihnen auf Oprahs beigefarbenem Sofa. "Denise Brown hatte ihr Kommen zugesagt, heute aber entschieden: Sie will nicht mit Ron und Kim Goldman in einem Studio sein", sagt sie. Und: "Die ganze Sache macht mich irgendwie krank".

Ihre beiden Gäste gucken leicht verstört. Es geht um ein Buch, sagt Oprah Winfrey, das sie nicht lesen würde, niemals. Es geht um "If I Did It", jenes unappetitliche Werk von O.J. Simpson, in dem der frühere Footballstar beschreibt, wie er seine Ex-Frau Nicole Simpson Brown und deren boyfriend Ron Goldman umgebracht haben könnte - wenn er denn der Mörder gewesen wäre.

Nach ausgiebigem Protest hatte der Verlag Harper Collins die Veröffentlichung dieses Buches im vergangenen Jahr gestoppt, nun wird es doch erscheinen: Ein kleiner New Yorker Verlag will es Anfang Oktober auf den Markt bringen. Erstaunlich, denn die Rechte daran haben jetzt die Angehörigen der Opfer, jedenfalls ein Teil von ihnen: sie gehören den Goldmans.

Als Simpson "If I Did It" verkaufte und angeblich 3,5 Dollar dafür erhielt, waren beide Familien dagegen angegangen. Vater Goldman, ein Herr mit vollem, grauen Haar und breitem, grauen Schnauzer, hatte tausende von Unterschriften gesammelt, damit das Buch nicht im Handel auftaucht. Jetzt sitzt er im blauen Anzug bei Oprah Winfrey und soll erklären, woher der Sinneswandel kommt. Neben ihm sitzt seine Tochter Kim, die braune Haare hat und eine spitze Nase. Denise Brown, die Schwester von Nicole, fehlt. Sie wird später etwas sagen. Wenn die Goldmans das Studio verlassen haben. Der Fall Simpson war immer schon bizarr, und so soll es offenbar auch bleiben.

O.J. Simpson wurde 1995 im Strafprozess freigesprochen, zwei Jahre später in einem Zivilverfahren aber für den Tod Nicoles und Rons verantwortlich gemacht und zu 33,5 Millionen Dollar Schadenersatz verdonnert an die Hinterbliebenen Goldmans; die aber haben davon bis heute keinen Cent gesehen. Simpson weigert sich zu zahlen. Weshalb ihnen im März ein Richter die Rechte an "If I Did It" zusprach. Goldmans Familie versah das Buch mit einen neuen Titel, "Geständnis eines Mörders", und mit eigenen Kommentaren. Der Erlös aus dem Verkauf soll in einer nach ihrem Sohn benannte Stiftung landen.

"Er ist ein Killer. Er wird nie aufhören."

Warum das alles, fragt Oprah Winfrey nun. "Wir sehen dieses Buch als Geständnis an", sagt Vater Goldman. "Ein unschuldiger Mann würde doch kein Buch darüber schreiben, wie er jemanden umgebracht haben könnte." Es ginge alles um Geld, Simpson wolle damit nur Geld machen, sagt er noch, und seine Tochter nickt. Sie sagt, das sei "unser erster Sieg" gegen O.J. Simpson, endlich. Dann ist Mr. Goldman wieder dran: "Jeder Penny, den wir ihm vorenthalten können, bringt uns ein Stück Gerechtigkeit." Und seine Tochter nickt. Sie fühlten sich viel besser, seit sie "das Buch in unseren Händen haben, absolut", sagt sie. Und dann schluckt sie. "Er ist ein Killer." Es werden ein paar Fotos gezeigt, damals vom Tatort, das viele Blut auf dem Weg zur Haustür, und nun weint Kim Goldman. "Es wird nie aufhören", sagt sie. Die Veröffentlichung des Buches werde ihr auch keinen Frieden bringen?, fragt Winfrey. Nein, antwortet Goldmann. "Ich habe ein vierjähriges Kind zuhause, das seinen Onkel nie kennen lernen durfte. Wir müssen weiter kämpfen, für Ron."

Danke, dass Sie da waren, sagt die Gastgeberin, die Goldmans verschwinden aus dem Bild, und dann wird ein Gespräch mit Denise Brown eingespielt, das Oprah Winfrey schnell noch vor der Sendung mit ihr geführt hat, allein. Brown, lange, dunkle Haare, eine sehr ausgeprägte Kieferpartie, sagt, dass sie nicht verstehen kann, warum jemand diesen "Müll" herausbringt, der "geschrieben wurde von dem Mann, der meine Schwester ermordete." Wo sie doch einst gemeinsam aufgestanden seien gegen Simpson, "alle", die Goldmans und die Browns.

Dreizehn Jahre nach dem Mord reden sie immer noch darüber, was würde Nicole dazu sagen, fragt Winfrey, "wo auch immer sie jetzt sein mag?" Sie würde sagen, glaubt ihre Schwester: "Lasst meine Kinder in Ruhe aufwachsen, lasst sie in Frieden leben." Und dann würde sie vielleicht noch sagen: "Die ganze Sache macht mich irgendwie krank."


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