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Pink im Interview: "Ich bin eine Psycho-Jungfrau"

Sie strahlt, sie scherzt, sie lacht, ob auf der Konzertbühne oder bei "Wetten, dass...?". Das neue Album, auf dem Pink über ihre Scheidung singt, hat sie "Funhouse" genannt. Im Gespräch mit stern.de verrät die Sängerin, warum ihr trotz Scheidung das Lachen nicht vergeht.

Pink hat eines der schönsten Lachen der Welt. Kratzend, kichernd fängt es an, kommt direkt aus dem Bauch und kann sich aufbauen zu einem kleinen Wirbelsturm, den man nur zu gerne über sich hinwegfegen lässt. Dabei blitzen ihre Augen, was die 29-Jährige aussehen lässt wie eine von Walt Disney entworfene Katze.

Dabei ist Pinks Lachen vor allem eines aus Trotz: trotz eines miesen Lebensanfangs, trotz übler Erfahrungen mit Drogen und Menschen, und auch trotz ihrer Ehe mit dem Motocross-Fahrer Carey Hart, die nach gerade mal zwei Jahren gescheitert ist. Wie es ihr mit der Trennung geht, beschreibt sie detailliert auf dem neuen Album "Funhouse".

Pink, viele Ihrer Songs hören sich an wie eine Selbsttherapie.

Das sind sie auch, aber vielleicht mehr Gruppentherapie. Ich weiß nicht, wie ich es sonst machen sollte.

Der Regisseur David Lynch hat einmal gesagt, er wolle sich nie therapieren lassen, weil er dann womöglich seine Kreativität verliere.

Die Vorstellungskraft, ja. Ich werde dafür bezahlt, meine Dämonen vorzuführen. (lacht dreckig) So kann ich mir den Therapeuten sparen. Das ist doch wunderbar.

Mögen Sie Ihre Dämonen?

Mein Leben wäre langweilig ohne sie.

Wieso macht es Ihnen nichts aus, dass all die Menschen da draußen Ihre Dämonen kennen. Dass Millionen Menschen wissen, wie es in Pink aussieht?

Wenn man Geheimnisse hat, muss man aufpassen, was man sagt, damit man sich nicht verquatscht. Das brauche ich nicht, weil ich einfach immer sage, was ist.

Können Sie sich Sachen vom Herz oder von der Seele schreiben? Geht es Ihnen besser, wenn es einmal raus ist?

Nein , oder doch... Ich brauche immer so zwei Jahre, um mit einem Problem fertig zu werden, was immer es gerade ist. In zwei Jahren geht's mir also wieder gut. (lacht) Dann kommt das nächste. Da bin ich mir sicher.

Sie haben mal gesagt: "Wenn ich glücklich bin, bin ich nutzlos". Das ist ziemlich traurig.

Die Kreativität betreffend komplett nutzlos, wertlos. Ich will jetzt nicht so arrogant sein, das, was ich mache, Kunst zu nennen. Das würde ich niemals tun. Aber Inspiration kommt von Schmerz, von Frustration, von Wut, Einsamkeit und Verwirrung. Liebeslieder langweilen mich. (fängt an zu kichern) Ich kann mir Celine Dion maximal fünf Minuten anhören. Ich glaube ihr kein Wort. Das gibt mir nichts. Ich glaube nicht, dass sie so glücklich ist. Wenn ich glücklich bin, will ich einfach nur im Garten arbeiten und mit meinen Hunden spielen. Dann fehlen mir die Worte für Songtexte

Ist Ihnen die Traurigkeit also lieber?

Sie ist das Futter für das, was ich tue. Ich habe immer Gedichte geschrieben, und ich war immer düster. So bin ich immer gewesen, so lasse ich Dampf ab. Manche Leute gehen ins Fitnessstudio, manche schreien, manche gehen zum Psychiater, manche betrinken sich. Ich schreibe Songs.

Wäre eine funktionierende Ehe also schlecht für Pink gewesen?

Nein. Nur weil du glücklich verheiratet bist, bist du nicht plötzlich alle Probleme los. Die Welt ist ein ziemlich übler Ort. Deshalb habe ich Songs wie "Dear Mister President" und "Stupid Girls" geschrieben. Wenn zu Hause alles in Ordnung ist, gucke ich, was draußen los ist. Du musst ja nur drei Minuten die Nachrichten anstellen, da kriegst du genug Inspiration.

Aber das brauchen Sie ja derzeit nicht.

Nein, im Augenblick muss ich auf der Suche nach Frustration nicht besonders weit gucken. (grinst)

Auf "Funhouse" geht es Ihnen in einem Song gut und dann fallen Sie wieder in ein tiefes Loch.

Uuund abwärts geht's! Genau. Das Leben ist eine Achterbahn. Deshalb habe ich das Album auch "Funhouse" genannt. Es ist wie auf dem Rummel. Ich habe das Ticket gekauft, ich bin angeschnallt, alles okay. Und im nächsten Augenblick ist mir schlecht, jetzt habe ich Angst, und ich würde gerne aussteigen. Ich will kotzen, ich heule, dann steige ich aus, hole mir noch ein Ticket und steige wieder ein. Ich schaffe es, im gleichen Augenblick Spaß zu haben. Das sind immer zwei Seiten. Wir tragen alle Gefühle in uns, und wir wählen dann aus, welches in einem bestimmten Augenblick im Vordergrund steht.

Sie geben sich immer ganz, oder? Man kriegt immer nur die ganze Pink.

Absolut.

Haben Sie nie Angst, sich dabei zu verlieren? Irgendwo hängenzubleiben?

Nein. Das hab ich hinter mir. Das habe ich schon erfunden. (lacht) Ehrlich, ich bin jetzt ziemlich solide. Ich weiß, was mir wichtig ist. Ich war jahrelang Turnerin. Und wenn du Überschläge machst, musst du immer wissen, wo du landen wirst. Das nennt man "Flecksuchen". Diesen Punkt darfst du niemals aus den Augen verlieren, denn da werden deine Füße landen. Das ist meine Metapher für mein Leben. Ich kann mich wie verrückt drehen und kreiseln, aber ich weiß immer, wo meine Füße landen werden. Ich bin sehr diszipliniert. Ich bin in meinen Psychosen sehr diszipliniert. (lacht) Ich bin sehr pragmatisch, ich bin ein Psycho-Jungfrau. Ich mache den Dreck, und ich räume ihn weg.

Wollen Sie denn überhaupt irgendwo "hängenbleiben"?

Ja, vielleicht für zwei Wochen. Ich bin eine Zigeunerin. Ich mache keine Pläne. Ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass das Unsinn ist.

Spielen wir ein Spiel: Ich gebe Ihnen zwei Worte und sie wählen eins aus:

Okay.

Sonne oder Regen?

Sonne.

Berge oder das Meer?

Meer.

"Simpsons" oder "South Park"?

Der ist schwer. Aber ich nehme "South Park", weil sie die ganze Zeit fluchen.

Schnell oder langsam?

Hm, das kommt auf die Laune an. (Pause) Ich nehme langsam. Sie haben gedacht, ich nehme schnell, stimmt's?

Nein, habe ich nicht. Komödie oder Drama?

Komödie. Alle Komödianten sind so düstere Charaktere.

Es ist verrückt, oder? Die lustigsten Menschen haben meist die traurigsten Geschichten.

Darum geht es doch. Wenn man kitzelig ist, ist das meist eine körperliche Abwehr gegen Schmerz. Wenn du kitzelig bist, verdeckst du eine Verletzung. So ist es auch mit Komödie. Wir lachen, um unsere Schmerzen zu überdecken. Menschen, die sehr lustig sind, können meist gar nicht anders.

Sie sind kitzelig?

Ich bin sehr kitzelig.

Interview: Sophie Albers
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