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Plattenvertrag: Robbie Williams streikt

Ein "schmollendes Kleinkind" sei er. Das sagt Plattenchef Guy Hands über keinen geringeren als Superstar Robbie Williams. Der Grund: Williams weigert sich, ein neues Album abzuliefern und in diesem Jahr auf Tour zu gehen.

Von Alexandra Steffes, London

Robbie Williams, Entertainer und Ego der Superlative, ist immer für eine Story gut. Diesmal lautet die englische Schlagzeile: Robbie Williams streikt! Auf seinem Blog verkündete der 33-jährige Sänger seinen Fans aus heiterem Himmel: "Dieses Jahr gibt es erst einmal kein Album, und so schnell ganz bestimmt keine Tour. Die letzte hat mich fast umgebracht."

Robbie Williams Manager, Tim Clark, benutzte letzte Woche in der Presse härtere Worte und führte Gründe an, die sich gegen EMI richten, dem Label, bei dem der Sänger unter Vertrag steht. Tim Clarke bezeichnete das neue Management der EMI als "Plantagenbesitzer", wohl der feinere Ausdruck für "Sklavenhalter". Die Neulinge hätten sich das Label lediglich als nettes Aushängeschild angeschafft.

Robbie Williams schuldet EMI noch zwei CDs

Der Plattenfirma geht es seit geraumer Zeit schlecht. Im August 2006 wurde sie von einer Investment Firma aufgekauft. Es folgten massive Einsparungen. 2000 Stellen sollen gekürzt werden, kündigten die neuen Bosse diese Woche an. Seitdem ist die Unzufriedenheit unter den Vertrags-Künstlern nur gewachsen. Große Namen wie Paul McCartney, die Rolling Stones und Radiohead sind bereits abgewandert. Der neue Chef von EMI, Guy Hands, wiederum spricht von Robbie Williams als schmollendem Kleinkind, das den fettesten Anteil des EMI-Kuchen - mit einem nie da gewesenen Vertrag von 80 Millionen Pfund 2002 - nach Hause gebracht habe und jetzt auf stur stellen.

Laut Vertrag schuldet Robbie Williams EMI noch zwei von 5 CDs. Das Album, das für September 2008 angekündigt war, scheint auch schon eingespielt. Tim Clarke äußerte jedoch der "Times" gegenüber, dass es solange kein neues Album gäbe, bis das neue EMI-Management eine Antwort darauf wüsste, wie es zu vermarkten sei. EMI konterte: Robbie Williams sei es schließlich, der so viel Geld mit seinem Vertrag rausgeschlagen habe, dass für andere Künstler wenig übrig sei. So wird Williams zum Schuldigen der Geldmisere, in der EMI steckt. Dem Zwist liegt ein Problem zu Grunde, für das beide Seiten nicht viel können. Seit Internet und Downloading steckt die Musikindustrie in der Krise: Weder Künstler noch Plattenfirmen wissen zurzeit, wie sie Musik verkaufen sollen. Songs sind online zu haben, der Absatz von CDs sinkt.

Das angeschlagene Label ist sauer

2002 schien der Williams Vertrag - der teuerste in der britischen Popgeschichte - die Lösung. Der Deal war eine neue Idee und lautete "360-Grad-Vertrag". Robbie Williams bekam die unüberbotene Summe von 80 Millionen Pfund, dafür verpflichtete er sich, fünf Alben zu liefern und EMI an allen Gewinnen zu beteiligen, die der Name Robbie Williams abwarf: Touren, Auftritte, Produkt-Spin-Offs, Bücher. Ein Merchandising also, wie man es von Kinoknüllern kennt.

Nun ist das angeschlagene Label sauer auf Robbie und der angeschlagene Robbie sauer auf EMI. Aber vielleicht lautet die Story noch anders und zeigt, wie schon so oft, Robbie Williams' Instinkt: Der 360 Grad Deal, der nach dem großen Absahnen klang, hat sich gegen Williams gewendet. Immer öfter sprachen Fans in letzter Zeit von der Enttäuschung, bei seinen Auftritten eher ein neues Handy präsentiert zu bekommen als den Star. Was erklären könnte, weshalb das letzte Jahr zu den ruhigsten seiner Karriere zählte und der Verkauf des letzten Albums "Rudebox" weiter hinter dem der Früheren zurück blieb.

Charme eines Entertainers alter Schule

Wer Robbie Williams jedoch zu früh abschreibt, sollte sich seine Karriere, dessen kompetitive Ader und das Talent, eine Masse zu bezirzen, vor Augen führen. 15 "Brit Awards" hat Williams eingeheimst. Seine letzte Welttour ging ins "Guinessbuch der Rekorde" ein: an einem Tag verkauften sich 1,6 Millionen Tickets. Der Boyband "Take That", die er 1995 verließ, hat er es seitdem gezeigt. Berechtigterweise. Robbie Williams kann singen. Und er hat mehr. Dieser kleine, untersetzte Engländer mit den verdutzten, grünen Augen eines Schuljungen und dem Charme eines Entertainers alter Schule ist mit Unterhaltungs-Gen auf die Welt gekommen. Robbie Williams ist sich für nichts zu schade bis auch der Letzte einer 100.000 Mann Arena mitwippt. Eine Kylie Minogue oder Britney Spears zu ihren besten Zeiten, wirken dagegen einstudiert, fast streberhaft.

Dazu kommt eine seltene, männliche Begabung: Er kann sich bewegen. Wir sprechen hier nicht von Mick-Jagger-Skurrilität oder postpubertärem Cool, sondern von etwas Naturgegebenem, das in die Elvis-Presley-Liga reicht. Williams ist ein bisschen begabtes Schauspiel, ein bisschen englischer Charme und ein bisschen schmerzlicher Witz. Sein Timing ist meistens gut. Man denke an die schlaue Kollaboration mit Nicole Kidman für einen nostalgischen Swing-Hit.

Der Großwesir des Solo-Entertainments, ist vielleicht angeschlagen aber noch lange nicht k.o. Er will aus diesem Vertrag raus - nicht Produkte verkaufen, sondern sein großes Ich. Darauf warten wir. Gern auch etwas länger.