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Prozess gegen Conrad Murray: In den Händen der Geschworenen

Nach fast sechs Wochen, 49 Zeugenaussagen und erschreckenden Enthüllungen aus dem Privatleben von Michael Jackson ist der Prozess gegen seinen Arzt Conrad Murray beendet. Über dessen Schicksal entscheiden jetzt zwölf Geschworene - vielleicht schon heute.

Von Frank Siering, Los Angeles

Am Ende drückte Staatsanwalt David Walgren noch einmal ordentlich auf die Tränendrüse: "Dieser Prozess geht heute hier zu Ende. Für die drei Kinder von Michael Jackson allerdings wird er niemals enden, weil Conrad Murray der Grund ist, warum ihr Vater tot ist." - Ob die zwölf Geschworenen das auch so sehen, wird sich zeigen - vielleicht schon sehr bald.

Am Donnerstag ging nach fast sechs Wochen mit den Schlussplädoyers in Los Angeles der Prozess gegen Michael Jacksons Leibarzt zu Ende. Die Jury, fünf Frauen und sieben Männer, muss nun entscheiden, ob Murray für die fahrlässige Tötung des "King of Pop" verantwortlich ist oder nicht. Bei einer Verurteilung drohen dem Arzt vier Jahre Haft und der Entzug seiner Lizenz als Mediziner.

Bis zum Schluss schien der Prozess wie ein Spiel auf ein Tor. Walgren und sein Team waren auf die Verhandlung hervorragend vorbereitet, spielten die Zeugen der Verteidigung gegen die Wand, drängelten die Murray-Anwälte immer wieder in die eigene Hälfte.

Die Verteidigung und "Junk Science"

"Michael Jackson hat Conrad Murray vertraut, mit seinem Leben vertraut", so Walgren mit starrer Miene in Richtung Jury. Und der Arzt habe, so der Staatsanwalt weiter, dieses Vertrauen ausgenutzt und missbraucht. "Dr. Murray hat immer nur an sich gedacht. Er hat sich nicht wie ein Arzt, sondern immer nur wie ein hochbezahlter Angestellter verhalten", sagte Walgren. Murray hatte für seine Dienste als Jackson-Arzt 150.000 Dollar im Monat bekommen.

Es sei ohne Zweifel Murray gewesen, der Jackson mit dem während des Prozesses allgegenwärtigen Betäubungsmittel "Propofol" injiziert habe. Ferner habe er anschliessend Rettungspersonal und Ärzte angelogen und sich somit "bewusst schuldig" gemacht.

Über die angeblichen Beweismittel, die die Verteidung in Form ihres Experten, dem pensionierten Wissenschaftler Dr. Paul White und dessen Aussage, Jackson habe sich das Propfol selbst in die Venen gejagt, präsentierten, machte sich Walgren im Gerichtssaal als "Junk Science", also "Humbug-Wissenschaft" lustig. Die Präsentation von White sei nichts weiter gewesen, so Walgren, als "Müll". Die Beweislage sei einfach viel zu erdrückend, führte er weiter aus. Murray habe mit "krimineller Nachlässigkeit" gehandelt. Er habe Jacksons Tod im Juni 2009 verursacht.

Nur ein Fehler oder ein Verbrechen?

Im Gegenzug versuchte die Verteidigung, Hauptverteidiger Ed Chernoff hielt das Schlussplädoyer für seinen sehr nervös wirkenden Mandanten, noch einmal deutlich herauszustellen, dass die Fakten, Murray habe bewusst und gewollt ein Verbrechen begangen, nicht vorhanden seien.

"Es wird von ihnen verlangt", so Chernoff in Richtung Geschworene, "Conrad Murray zu verurteilen für etwas, was Michael Jackson getan hat", so der Verteidiger weiter. Es sei Jackson gewesen, der medikamentenabhängig gewesen sei und sich das tödliche Propofol durchaus selbst verabreicht haben könnte. Und dann wurde er noch deutlicher: "Dr. Conrad Murray hat Michael Jackson nicht getötet."

Chernoff, sich seiner Rolle als Defensiv-Verteidiger durchaus bewusst, erinnerte die Jury daran, dass Murray nicht für "Fehler, die er möglicherweise gemacht hat", verurteilt werden könne, sondern nur dann, wenn ein Verbrechen vorliege. "Und das ist nicht der Fall", so der Verteidiger.

Mit einigen Spitzfindigkeiten versuchte Chernoff, in allerletzter Minute Löcher in die starke Offensive der Staatanwaltschaft zu schiessen. So habe die Aussage von Alberto Alvarez, einem der Bodyguards von Jackson, keinen Sinn gemacht. Alvarez hatte während seiner Vernehmung vor Gericht zu Protokoll gegeben, er habe nach einem IV-Beutel im Zimmer von Michael Jackson gegriffen, weil Murray dieses Beweismittel verschwinden lassen wollte. "Kein einziger Fingerabdruck von Alvarez wurde auf den IV-Beuteln gefunden", so Chernoff. Und weiter: "Es ergiebt einfach keinen Sinn."

"Armer Conrad Murray. Alle wollen ihm was Böses."

Chernoff versuchte recht deutlich, seinen Mandanten als Opfer einer Hetzkampagne hinzustellen, als einen Mann, der nur seine Pflicht getan habe und für den Tod von Michael Jackson deshalb keine Verantwortung trage. Auf die im Prozess immer wieder auftauchende Frage, warum Murray nicht sofort den Notruf verständigt habe, konterte Chernoff: "Murry machte keinen Notruf, weil er zu beschäftigt war, das Leben von Michael Jackson zu retten." Und weiter: "Hier herrscht dieses ungemeine Bedürfnis, Murray als einen Bösewicht hinzustellen. Aber es gibt keinen perfekten Bösewicht und auch kein perfektes Opfer in diesem Fall."

Das letzte Wort hatte dann noch einmal Staatsanwalt Walgren. In einem Anfall von Zynismus und sichtbarer Abscheu eröffnete er mit den Worten: "Armer Conrad Murray. Alle wollen ihm was Böses." – Er machte sich vor der versammelten Jury und dem Richter bewusst und lautstark über den Versuch der Verteidigung lustig, Jacksons Leibarzt als Opfer zu porträtieren. "Alle haben Schuld, nur nicht Conrad Murray…armer Conrad Murray." Das sollten die letzten Worte in diesem Prozess sein. Ein Prozess, bei dem es auch vor dem Urteilsspruch so gar keine wirklichen Gewinner gibt.

  • Frank Siering