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Prozess gegen Jacksons Leibarzt Diese Geschworenen entscheiden über Murrays Schicksal


Der Prozess gegen Conrad Murray läuft, und schon jetzt ist klar: Verteidigung und Anklage kämpfen mit harten Bandagen um die Gunst der Jury. Dies sind die Geschworenen, die sie überzeugen müssen.
Von Jens Maier

Ein energischer Verteidiger schreit "Einspruch, Euer Ehren", ein brüskierter Staatsanwalt ruft "Hörensagen" und ein sonorer Richter sagt Worte wie "stattgegeben" oder "abgelehnt": So oder so ähnlich werden in unzähligen Fernsehserien Gerichtsprozesse aus den USA dargestellt. Tatsächlich ist die Realität von der Fiktion nicht weit entfernt. Vor allem im Vergleich zu den meist nüchternen und analytischen Verfahren an deutschen Gerichten wirken Prozesse in den USA wie ein Sonntagabendkrimi. Der Grund dafür ist simpel: Vor US-Gerichten tobt der Kampf um die Gunst der Jury.

Auch im Prozess gegen Dr. Conrad Murray wird eine Jury über Schuld oder Unschuld des Angeklagten entscheiden. Zwölf Geschworene, darunter sieben Männer und fünf Frauen, wurden aus mehr als 400 möglichen Kandidaten ausgewählt. Die Suche nach geeigneten Personen gestaltete sich äußerst schwierig, denn die Geschworenen sollen möglichst unvoreingenommen sein und dürfen dementsprechend über den zu beurteilenden Fall keine Vorkenntnisse haben. Im Fall "Das Volk gegen Murray" ein schier aussichtsloses Unterfangen. Denn wie sollte das Gericht Kandidaten finden, die noch nichts über den Tod des größten Popstars aller Zeiten gelesen hatten?

Jury-Pflicht kann jeden treffen

Die Jury-Pflicht kann jeden US-Staatsbürger treffen. Für jeden Prozess wird per Zufallsprinzip eine Gruppe möglicher Kandidaten aus dem entsprechenden Gerichtsbezirk zusammengestellt. Da es kein Melderegister gibt, bedienen sich die Gerichte meist alter Wählerlisten oder fragen Daten der Führerscheinstelle ab. Flattert eine Einberufung zum Geschworenendienst ins Haus, besteht grundsätzlich die Pflicht, dieser nachzukommen. Der Jury-Dienst gilt jedoch als unpopulär, da Arbeitgeber nicht verpflichtet sind, den Lohn weiterzuzahlen und das Jury-Geld nur ein paar Dollar am Tag beträgt.

Mehrere Wochen hat die Auswahl der Jury im Murray-Prozess gedauert. Zwei Kriterien spielten dabei eine große Rolle: Erstens, die Zusammensetzung der Geschworenen soll einen möglichst breiten Überblick über die Gesellschaft darstellen. Zweitens, die Jury soll unvoreingenommen sein. Deshalb musste jeder der 400 Kandidaten einen 30-seitigen Fragebogen ausfüllen. Darin wurde vor allem das Vorwissen über Michael Jacksons Tod und die Berichterstattung in den Medien abgefragt. 316 Personen wurden nach der Fragebogen-Aktion als ungeeignet eingestuft.

Jury muss ihr Urteil nicht begründen

Die Auswahl der Jury ist deshalb so wichtig, weil die Geschworenen in ihrem Urteil vollkommen frei sind. Die Bewertung der Beweise und die Beurteilung von Zeugen unterliegen allein den Geschworenen. Sie entscheiden unabhängig von Richter, Staatsanwalt und Verteidigung. Und sie müssen ihr Urteil nicht mal begründen. Einzige Bedingung für das Zustandekommen eines gültigen Spruches ist die Einstimmigkeit. Ein Schuldspruch kann von einem anderen Gericht revidiert werden, aber ein Freispruch ist endgültig.

Wie knifflig die Geschworenenauswahl im Fall Murray war, zeigt die Befragung von Verteidiger Edward Chernoff. Nach weiteren Auswahlverfahren hatte er 27 mögliche Kandidaten aufgefordert, die Hand zu heben, wenn sie noch nie etwas vom Lebensstil, der Familie oder dem Charakter von Michael Jackson oder Dr. Conrad Murray gehört oder gelesen hätten. Kein einziger meldete sich. Trotzdem konnten sich das Gericht, Verteidigung und Staatsanwaltschaft schließlich auf zwölf Geschworene und fünf Ersatzkandidaten einigen unter denen vier sogar von sich behaupten, Michael-Jackson-Fans zu sein oder gewesen zu sein.

Nur ein Geschworener hat die gleiche Hautfarbe wie der Angeklagte

Für Unverständnis sorgte die Tatsache, dass nur einer von ihnen afroamerikanischer Abstammung ist - die Hautfarbe von Jackson und Murray. Mehrere schwarze Kandidaten wurden allerdings zuvor von der Verteidigung abgelehnt. Sechs Jury-Mitglieder sind weiß, fünf hispanischer Abstammung. Die Geschworenen haben unterschiedliche Berufe, es sind ein Busfahrer, ein Briefträger, eine Rechtsanwaltsgehilfin und ein Buchhändler darunter. Alle Geschworenen und die Ersatzkandidaten werden von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Sie dürfen keine Nachrichten sehen oder lesen, um ihr Urteilsvermögen nicht von außen beeinflussen zu lassen.

Staatsanwalt David Walgren und Chefverteidiger Edward Chernoff werden in den kommenden Wochen um ihre Gunst buhlen. Wie tief sie in die Trickkiste greifen, um die Geschworenen auch emotional zu packen, zeigte bereits der erste Prozesstag, bei dem Walgren nicht davor zurückschreckte, Fotos des toten Michael Jackson zu präsentieren. Der Fall "Das Volk gegen Dr. Conrad Murray" verspricht spannender als jede US-Gerichtsserie zu werden. Ein Justizdrama, das live im Fernsehen übertragen wird.

Die zwölf Geschworenen im Murray-Prozess

Geschworener Nummer 1: männlich, mexikanischer Abstammung, 51 Jahre, Briefträger beim U.S. Postal Service, verheiratet, fünf Kinder. Ein Michael-Jackson-Fan der findet, dass Gesetzeshüter, Feuerwehrmänner und Doktoren "immer glaubwürdig" sind
Geschworener Nummer 2: weiblich, Lateinamerikanerin, 57 Jahre, arbeitslos. Hat bereits fünf Mal als Geschworene gedient und den Prozess gegen O.J. Simpson aufmerksam verfolgt, sagt aber, dass dieser ihre Meinung über das amerikanische Justizsystem nicht geändert habe. Sie bezeichnet sich nicht als Jackson-Fan
Geschworener Nummer 3: männlich, weiß, 45 Jahre, Partner in einer Beraterfirma. Seine Frau ist Krankenschwester, sowohl sein Schwager als auch sein Cousin sind Physiker. Er war bereits in zwei Fällen Geschworener, darunter ein Mordfall 1994
Geschworener Nummer 4: männlich, weiß, 32 Jahre, Teilzeit-Buchhändler und Kassierer. Er diente bei der US-Armee als Spezialist für Telekommunikation. Seine Hauptinformationsquelle ist das Internet
Geschworener Nummer 5: weiblich, weiß, 48 Jahre, Rechtsanwaltsgehilfin. Sie schaute den Mordfall Casey Anthony "ab und an", weil ihre Familienmitglieder daran sehr interessiert waren, sagt aber, dass dieser ihre Meinung über das Strafjustizsystem nicht geändert habe
Geschworener Nummer 6: männlich, kubanisch/mexikanischer Abstammung, 39 Jahre, stellvertretender Direktor. Er ist ein Gelegenheitsleser von vielfältigen Nachrichten und Klatschseiten im Internet. Er bezeichnet sich selbst als Jackson-Fan und besitzt mehrere Michael Jackson, Jackson 5 und Janet-Jackson-CDs
Geschworener Nummer 7: weiblich, mexikanischer/weißer Abstammung, 57 Jahre, Umzugsbeauftragte in einem Kundenzentrum. Sie hat den Fall Casey Anthony verfolgt und glaubt, dass reiche und berühmte Menschen vor Gericht bevorzugt behandelt werden
Geschworener Nummer 8: männlich, mexikanischer Abstammung, 42 Jahre, Schulbusfahrer. Er glaubt dass Hollywoodstars bei Verbrechen leichter davonkommen. Er bezeichnet sich selbst nicht als Jackson-Fan, hat aber eine positive Meinung von ihm
Geschworener Nummer 9: männlich, Afroamerikaner, 54 Jahre, Technischer Leiter beim Fernsehen. Ein Michael-Jackson-Fan, hat bereits bei einem Strafverfahren und einem Zivilverfahren als Jury-Mitglied gedient
Geschworener Nummer 10: weiblich, weiß, 43 Jahre, Händlerin, die zuvor als medizinisch technische Angestellte in einem Labor gearbeitet hat
Geschworener Nummer 11: weiblich, Lateinamerikanerin, 36 Jahre, Kundenbetreuerin. Sie liest das "People"-Magazin und den Internetdienst "TMZ.com" und schaut Reality-TV. Sie wurde bei einem Schusswechsel 1993 angeschossen

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