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Prozess gegen Murray: Verteidigung greift nach jedem Strohhalm

Im Prozess gegen Michael Jacksons Leibarzt Conrad Murray ist jetzt die Verteidigung am Zug. Kann sie eine Verurteilung noch verhindern? Ihre Strategie steht auf tönernen Füßen. In ihrer Verzweiflung greifen Murrays Anwälte nach jedem Strohhalm.

Sie haben Fotos des toten Michael Jackson zu sehen bekommen. Sie kennen inzwischen jedes Detail über die Wirkung des Narkosemittels Propofol. Und sie haben etliche Zeugen gehört, die den Angeklagten schwer belastet haben: Müssten die zwölf Geschworenen im Prozess gegen Michael Jacksons Leibarzt Dr. Conrad Murray jetzt ein Urteil fällen, es könnte nur auf schuldig lauten. Zu schwer wiegen die Aussagen der 33 Zeugen der Anklage, die in den vergangenen vier Wochen seit Prozessbeginn ausgesagt haben. Doch nun ist die Verteidigung am Zug.

Dr. Allan Metzger war der erste Zeuge der Verteidigung. Der Arzt sagte am Montag in Los Angeles aus, dass Michael Jackson ihn bereits im Juni 2009 um Verabreichung eines intravenösen Schlafmittels angebettelt habe. Der Sänger habe nicht geglaubt, dass oral verabreichte Medikamente gegen seine Schlaflosigkeit helfen könnten und er habe von seiner "Angst" vor der Comeback-Tour "This is It" erzählt, sagte Metzger. Er selbst habe Jackson aber niemals Propofol gegeben, betonte der Arzt.

Insgesamt 15 Zeugen werden Murrays Rechtsanwälte in den kommenden Tagen in den Zeugenstand rufen, um eine Verurteilung ihres Mandanten doch noch abzuwenden. Doch die Aufgabe scheint schier unlösbar. Die von Anfang an gewagte These, Jackson habe das Narkosemittel Propofol getrunken und damit seinen Tod selbst herbeigeführt, musste die Verteidigung bereits aufgeben. Mehrere Mediziner hatten eindeutig widerlegt, dass Propfol durch orale Einnahme tödlich wirken kann.

Auch die zweite Strategie der Verteidigung steht auf tönernen Füßen. Die lautet, dass Jackson sich in seiner Verzweiflung das Mittel selbst gespritzt haben soll. Doch diese Theorie halten mehrere Mediziner zumindest für gewagt. Außerdem wirft sie die Frage auf, wie lange Murray den Raum verlassen hat. Hat er Jackson gar über mehrere Stunden alleine zurückgelassen? Doch einen letzten Trumpf scheint die Verteidigung noch im Ärmel zu haben: die des Tablettenmissbrauchs. Jackson soll - von Murray unbemerkt - acht Tabletten des Beruhigungsmittels Lorazepam eingenommen haben, die in Wirkung mit dem verabreichten Propfol ursächlich für einen "Sturm" in seinem Körper und damit für seinen Tod sein sollen.

Murray könnte selbst als Zeuge aussagen

Um den Geschworenen diese These schmackhaft zu machen, werden nicht nur etliche Mediziner aufgefahren, sondern vor allem Zeugen, die belegen sollen, dass Polizei und Staatsanwaltschaft stümperhaft ermittelt haben. Derartige Störmanöver dienen nur einem Zweck: begründete Zweifel zu wecken. Denn die Verteidigung muss nicht beweisen, dass es genauso war. Sie kann mit der Strategie erfolgreich sein, dass es sich so abgespielt hätte können.

Derweil verfolgt der zwei Meter große Angeklagte das Spektakel vor Gericht meist regungslos. Er sitzt stets im Anzug auf der Anklagebank und lässt sich zu keinerlei Emotionen hinreißen. Das könnte sich jedoch bald ändern. Nämlich dann, wenn die Verteidigung sich dazu entschließt, ihn in den Zeugenstand zu rufen. Seine eigene Aussage über den Morgen des 25. Juni 2009 könnte der letzte verzweifelte Versuch sein, ihn doch noch vor einem Schuldspruch zu bewahren.

mai