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ROBBIE WILLIAMS: Auf den Spuren von »Ol' Blue Eyes«

Seit der Trennung von Take That ist Robbie Williams zum Popstar für alle aufgestiegen. Nun erfüllt sich der Brite einen Kinheitstraum - und singt Klassiker seines Idols Frank Sinatra.

Als Robbie Williams vor ein paar Wochen zu einem Konzert in London lud, verordnete er seinem Publikum einen strengen Dresscode: Die Damen mussten in feinster Abendgarderobe erscheinen, die Herren im Anzug. Nichts erinnerte an diesem Abend in der Royal Albert Hall an ein Popkonzert. Keine Metallabsperrung, keine kreischenden Teenager, keine Fressbuden mit fettiger Pizza und schalem Bier im Plastikbecher.

Die Gäste saßen vielmehr bei Kerzenlicht artig an großen Dinnertafeln und tranken Cocktails - und genauso glamourös und stilvoll hatte sich Robbie Williams seinen Auftritt auch vorgestellt: eine kleine Las-Vegas-Show mitten in London. Denn begleitet von einer Bigband sang der Popstar an diesem Abend Klassiker wie »My Way«, »The Lady Is A Tramp« oder »It Was A Very Good Year« seines Idols Frank Sinatra. Nach gut zwei Stunden erinnerte allerdings nichts mehr an eine gesittete Show. Die 3500 Besucher applaudierten, als wäre gerade die Unabhängigkeit ausgerufen worden.

»Es ist die Erfüllung

eines Kindheitstraums», sagt Robbie Williams: einmal so lässig wie Frank Sinatra auf der Bühne stehen. Das Konzert in London, das als DVD- und Videomitschnitt vor Weihnachten in die Läden kommt, war dafür nur der Vorgeschmack. Demnächst erscheint ein komplettes Album mit Sinatra-Coverversionen, das den bescheidenen Titel «Swing When You're Winning» trägt. Darauf singt Williams nicht nur ein wunderschönes Duett mit der Schauspielerin Nicole Kidman, sondern auch einen Song mit seinem Idol Frank Sinatra höchstpersönlich - Digitaltechnik macht's möglich.

Natürlich wird das eingeschworene Fans von »Ol¿ Blue Eyes« empören. Für sie ist Frankieboy heilig, und vor allem seine traurig-schönen Barsongs gelten als unantastbar. Doch wenn sich irgendeiner hinstellen darf, um »The Voice« nachzueifern, dann ist es Robbie Williams. Seit seinem Rausschmiss bei der Teenie-Kapelle Take That ist der 27-Jährige zum größten Pop-Alleinunterhalter aufgestiegen. Längst sind es nicht mehr die Girlies aus der Boygroup-Zeit, die ihn anhimmeln. Ob Schulmädchen, Abteilungsleiter, Student oder Hausfrau - Robbie Williams ist heute der Konsens-Popstar: einer für alle.

Die Lässigkeit, mit der er seine Konzerte beherrscht, ist allerdings verschwunden, wenn man ihn ein paar Tage abseits der Bühne beobachtet. So wie im vergangenen Jahr während seines Auftritts auf der Kölner Popkomm. Vor einer Show auf dem Dach des Sportmuseums sitzt er in seiner Umkleidekabine und kaut nervös an seinen Fingernägeln. Seine stechend grünen Augen suchen unablässig den Raum ab nach neugierigen Glotzern, die ihn verunsichern, sobald er nicht auf einer Bühne steht. Eben noch hat er auf einer Pressekonferenz zur Begeisterung der Journalisten breitbeinig seine Jeans runtergelassen, um einen Slip mit Tigerkopf-Aufdruck zu präsentieren. Nun fragt er ängstlich einen seiner Betreuer: »War ich wirklich gut?« Später erzählt einer aus seiner Band: »Rob ist nicht gleich Robbie. In der Öffentlichkeit ist er ein einzigartiger Entertainer, aber privat ist er ein großes, paranoides Kind.«

Er ist als Robert Peter Williams im Arbeiterviertel in Stoke-on-Trent in Nordengland aufgewachsen. Seine Mutter arbeitet abends in einer Kneipe, sein Vater schlägt sich als mittelmäßiger Stand-up-Komödiant durch, der für den Sohn gleichwohl das große Vorbild ist. Noch heute sagt er: »Ich habe meinen Hang zur Show von meinem Dad, aber ich werde nie so gut werden wie er.«

Als Robbie zwei ist, verlässt sein Vater die Familie, ohne einen Grund anzugeben - und wird zu einer Art Mythos. Robbie Williams will ihn sich zurückholen, indem er genauso wird wie er. Vorm Spiegel im Wohnzimmer übt er erste kleine Showeinlagen. Als er 14 ist, hat er seinen ersten öffentlichen Auftritt. Er spielt in einer Schulaufführung von Oliver Twist mit. »Ich lief pfeifend über die Bühne, und das ganze Publikum schnappte nach Luft, dabei hatte ich noch keinen Ton gesagt. Aber ich konnte hören, wie sie den Atem anhielten.«

Von diesem Tag an

will Robbie Williams nur noch eins: auf einer Bühne stehen. In der Schule fällt er durch jede Prüfung, und auf dem Schulhof rufen ihm seine Klassenkameraden höhnisch »Fatskin« (»Dickerchen«) hinterher. Aber ausgerechnet am Tag, als er durch die Abschlussprüfung fällt, werden seine Gebete erhört. Im Radio hört seine Mutter, dass ein paar Jungs für eine neue Boygroup namens Take That gesucht werden. Sie schickt ein Videoband ihres Sohnes an den Manager. Ein paar Tage später hat Robbie Williams seinen ersten Job im Showgeschäft.

Doch aus Aufstieg und frühem Ruhm wird ein Höllentrip. Der Manager und Gruppendiktator Nigel Martin-Smith wacht mit strengem Drill über seine fünf Zöglinge, die als frische Teenie-Sensation rund um den Globus gejagt werden und Millionen von Platten verkaufen. »Ich durfte mit keinem Fremden reden. Niemand sollte Einfluss von außen auf uns haben. Ich durfte nicht einmal allein aufs Klo gehen«, erzählt Robbie Williams.

Als er der Take-That-Fron entkommen war, begann die Zeit, in der er sich alles nahm, was das Leben einem echten Popstar bieten kann: Er soff, kokste, fraß und hatte eine von der Boulevardpresse genüsslich ausgeschlachtete Affäre mit der All-Saints-Sängerin Nicole Appleton. Am Ende des Trips brachte ihn sein Popkollege und enger Freund Elton John in eine Londoner Entzugsklinik.

Er hat das alles überlebt. »Seit einem knappen Jahr habe ich keine einzige Droge mehr angerührt«, sagt Robbie Williams. Als er im Frühjahr seinen 27. Geburtstag feierte, gab es Mineralwasser zum Anstoßen, ein paar Freunde kamen vorbei zum »Uno«-Kinderkartenspiel, und um halb eins war dann Feierabend. »Es ist alles perfekt in meinem Leben, es könnte gar nicht besser sein im Augenblick«, sagt er, »nur nehmt mir nicht den Applaus weg, denn dann bin ich in kürzester Zeit wieder ein Wrack.«

Hannes Ross