HOME

Skandal: Harry und das Hakenkreuz

England ist entsetzt: Nach dem Auftritt von Prinz Harry in einer Nazi-Kostümierung bricht eine Welle der Entrüstung über das Königshaus herein. Die Stimmen nach Konsequenzen für den 20-Jährigen werden immer lauter.

Schon das Motto der Kostümparty - "Kolonialbeamte und Eingeborene" - klang etwas unfrisch. Als dann auch noch ein junger Mann mit einer großen roten Hakenkreuzbinde auftauchte, runzelten einige Gäste dem Vernehmen nach die Stirn. Letztlich haben dann aber wohl alle diskret geschwiegen. Das hier war schließlich die englische High Society - und der Mann mit der Binde kein geringerer als die Nummer drei in der Thronfolge: Prinz Harry.

Stattdessen hat jemand ein Foto gemacht und es - für viel Geld, darf man annehmen - an die Boulevardzeitung "The Sun" verkauft. Dort prangte es am Donnerstag mit der Riesenschlagzeile "Harry the Nazi" auf der Titelseite. Der Prinz habe einen Soldaten des Afrikakorps von Generalfeldmarschall Erwin Rommel darstellen wollen, hieß es zur Erläuterung.

Sturm der Entrüstung

"Dirty Harry" hat schon oft für Aufruhr gesorgt. Es begann, als er mit 14 seinen ersten Joint rauchte und erreichte einen vorläufigen Höhepunkt, als er kürzlich mit einem Fotografen aneinander geriet. Doch der Sturm, der am Donnerstag über den jüngeren Sohn von Prinz Charles und Prinzessin Diana hereinbrach, war ein paar Stufen stärker. Politiker, Presse und Vertreter der jüdischen Gemeinschaft verurteilten den vermeintlichen Party-Gag einhellig als geschmacklose Beleidigung der Opfer des Naziregimes.

"Die Nazis waren für den Tod von Millionen verantwortlich. Darüber Witze zu machen, ist eine Schande", sagte einer der Partygäste anonym dem "Guardian". Nun ist es allerdings so, dass in Großbritannien oft Witze über die Nazizeit gemacht werden. Ganze Generationen sind seit dem Krieg mit Comedy-Serien voller hakenkreuztragender Soldaten aufgewachsen.

Böse Erinnerungen

Vor allem der Hollywood-Aspekt des Hitler-Reiches übt auf einen Teil der Briten eine morbide Faszination aus: Der dunkle Gestapo-Schick schwerer Ledermäntel, die tadellose Choreographie der marschierenden Kohorten, die skurrilen Vorlieben des Diktators - davon können viele nicht genug bekommen. Gleichzeitig hat fast jeder zweite Brite nach einer Umfrage der BBC noch nie von Auschwitz gehört, dem größten deutschen Vernichtungslager.

Für das Königshaus ist Harrys Maskerade auch deshalb unangenehm, weil dadurch böse Erinnerungen geweckt werden. Nicht alle Royals waren so erklärte Nazi-Gegner wie Queen Mum, die von Hitler einmal als die "gefährlichste Frau Europas" bezeichnet wurde. König Edward VIII. äußerte offen Bewunderung für den deutschen Diktator und besuchte ihn 1937 nach seiner Abdankung.

"Nicht gerade der Hellste"

Doch selbst Harrys schärfste Kritiker unterstellen ihm keine Nazi-Sympathien. Der 20-Jährige, "nicht gerade der hellste Stern am königlichen Firmament" (The Sun), hat sich eben einfach wieder furchtbar danebenbenommen. Nach Darstellung mancher Psychologen ist das übrigens kaum verwunderlich für jemanden, der mit 13 vor den Augen von mehreren hundert Millionen Fernsehzuschauern hinter dem Sarg seiner Mutter herschritt und immer wieder aufs Neue in der Zeitung liest, dass ihn sein Vater im Kreißsaal mit den Worten begrüßte: "Ach du je, ein Junge. Und dann auch noch rothaarig."

Christoph Driessen, DPA / DPA