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TITANIC: »Eisberg direkt voraus«

In dem Glauben, ein unsinkbares Schiff zu steuern, stechen Kapitän Smith und seine Titanic-Crew am 10. April 1912 in See. Doch wenige Tage später sterben 1500 Menschen nach der Kollision mit einem Eisberg.

Die Nacht zum 15. April 1912 ist ruhig auf dem Nordatlantik. Die Sicht ist klar, und der britische Luxusdampfer »Titanic« macht gute Fahrt. Der Ausguck im »Krähennest« 20 Meter über dem Deck, Frederick Fleet, muss allerdings mit bloßem Auge auf Eisberge achten. Auch auf seine Bitte hin haben ihm die Offiziere kein Fernglas zur Verfügung gestellt. Um 23.40 Uhr sichtet er eine schwarze Masse, die in Sekundenschnelle größer wird. Fleet greift zur Warnglocke und benachrichtigt die Brücke: »Eisberg direkt voraus.«

Fahrt über 1000 Murmeln

Der Erste Offizier Murdoch lässt sofort die Maschinen stoppen und das Schiff nach Backbord schwenken. Doch es ist zu spät. Zwar hat Murdoch eine Frontalkollision vermieden, doch der Eisberg schrammt an der Steuerbordseite entlang. Viel zu spüren ist nicht - nur ein Schaben und Kratzen. Einer Passagierin kommt es so vor, »als ob wir über 1000 Murmeln führen«. In der Backstube im dritten Stock rutscht ein Tablett mit frischen Brötchen vom Ofen. Im Speisesaal erster Klasse klappert das Besteck.

»Sie kann doch gar nicht sinken«

Um Mitternacht, 20 Minuten nach der Kollision, inspiziert Kapitän Edward J. Smith mit dem Konstrukteur der »Titanic«, Thomas Andrews, das Vorschiff. »Sie kann doch gar nicht sinken«, sagt der Kapitän. Doch Andrews sieht sofort, dass das größte Schiff der Welt noch auf seiner Jungfernfahrt untergehen wird. Durch die Lecks schießt das Wasser wie aus Hochdruck-Röhren.

Noch bevor Kapitän Smith einen Notruf an andere Schiffe absetzen lässt, eilt er zu John Astor, dem reichsten Mann an Bord: »Wir haben einen Eisberg gestreift, Sir, kein Grund zur Unruhe.« Worauf sein Gegenüber mit einem Drink in der Hand entgegnet: »Ja, ich habe Eis bestellt, aber das ist ja wirklich lächerlich.«

Unwirkliche Partyatmosphäre

Erst eine Stunde nach der Kollision beginnen 16 Matrosen damit, die Rettungsboote klar zu machen. Obwohl das Schiff am Bug schon deutlich tiefer im Wasser liegt und trotz des Donnergetöses und Zischens, mit dem der Dampf aus den Kesseln entweicht, ist den meisten Passagieren der Ernst der Lage noch immer nicht bewusst. Der Eindruck einer unwirklichen Partyatmosphäre wird durch die Schiffskapelle verstärkt, die auf dem Bootsdeck unverzagt ein heiteres Potpourri spielt.

Dritte Klasse wird zuletzt gerettet

Um 0.45 Uhr wird das erste Rettungsboot abgefiert: Statt der möglichen 65 Personen sind nur 28 an Bord. Mehrere Erste-Klasse- Passagiere nehmen ihre Schoßhunde mit, eine Dame rettet ihr Ferkel. Um die Auswanderer in der Dritten Klasse, die in Amerika ein neues Leben beginnen wollen, kümmert sich niemand. Viele wachen nicht einmal auf, denn es gibt keinen allgemeinen Alarm, keine Sirene.

Der Bug sinkt immer tiefer. Männer verabschieden sich von ihren Frauen und Kindern. Als um 1.40 Uhr eines der letzten Boote zu Wasser gelassen wird, springt der Präsident der »Titanic«-Reederei »White Star Line«, Bruce Ismay, hinein: der Mann, der den Kapitän angewiesen hatte, trotz Eiswarnungen mit höchster Geschwindigkeit zu fahren, um in Rekordzeit New York zu erreichen - der Hauptverantwortliche für die Katastrophe.

Um 2.20 Uhr sinkt die »Titanic«

Um 2.12 Uhr richtet sich die »Titanic« plötzlich senkrecht auf. Die Menschen an Deck klammern sich verzweifelt an der Reling fest. Um 2.20 Uhr versinkt das Schiff mit Ohren betäubendem Getöse in den Fluten. Dann ist es für einige Augenblicke still - bevor die Hilfeschreie der im Wasser treibenden Menschen einsetzen. Ein deutscher Bordelektroniker schreibt später: »Und wie lange sie schrien! Der Tod kam nur so langsam. Allmählich aber wurde es ruhiger. Hin und wieder ein Notschrei, der unheimlich aus den Wogen widerhallte. Schließlich blieb alles stumm.«

Nur zwei Boote kehren um

In den Booten wäre noch Platz für 500 Menschen, doch nur zwei von 18 kehren um. Um 4.00 Uhr trifft der britische Frachter »Carpathia« am Unglücksort ein und birgt 712 der ursprünglich 2207 Menschen an Bord der »Titanic«. »Das größte und stolzeste Werk des Menschengeistes ist zerbrochen«, schreibt einen Tag später die »Frankfurter Zeitung«. Und der »General-Anzeiger für Hamburg-Altona« kommentiert: »Der Mensch ist wieder einmal klein geworden.«

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