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Was macht eigentlich ...: ... Anja Fichtel?

Mit 17 wurde sie jüngste Fechtweltmeisterin aller Zeiten, mit 20 gewann sie bei den Olympischen Spielen in Seoul zwei Goldmedaillen; 1997 trat sie vom Sport zurück.

Frau Fichtel, wo sind eigentlich Ihre beiden Goldmedaillen?

Eine ist ausgestellt im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. Die andere lag die ganze Zeit bei meinem Vater im Keller. Neulich brauchte ich sie für einen Fototermin - und musste sie erst mal abstauben.

Eine Goldmedaille hat aber im Keller eigentlich nichts zu suchen, oder?

Das stimmt, aber sie hat mit meinem jetzigen Leben nichts mehr zu tun. Ich finde es schlimm, wenn man so sehr an der Vergangenheit hängt. Mir ist es lieber, wenn sie im Keller liegt.

Früher haben Ihnen Medaillen viel bedeutet…

Sicher. Fechten ist eine Randsportart. Da kannst du nur mit einem Olympia-Erfolg die breite Masse ansprechen. Du brauchst eine Medaille, um ein bisschen Popularität zu bekommen - und ich stand auch gerne im Rampenlicht.

Haben Sie sich deshalb für ein Magazin ausgezogen?

Das ist aber schon ewig her! 1991 sprach mich ein Fotograf an, er würde gerne mal die Frau hinter der Maske zeigen. Ob ich mir solche Aufnahmen vorstellen könne. Zuerst habe ich gezögert, aber es war etwas Neues; ich konnte zeigen, dass ich nicht die Fechtmaschine bin, sondern eine sensible Frau. Heute läuft es oft umgekehrt: Man zieht sich erst aus und holt dann vielleicht Medaillen.

Sie haben 1997, mit nur 28 Jahren, den Leistungssport aufgegeben.

Schon nach der Geburt meines ersten Kindes fünf Jahre zuvor hatte ich das Gefühl, dass es besser wäre aufzuhören. Wenn du ganz erfolgreich sein willst als Sportler, musst du egoistisch sein. Dann darf es nur den Sport geben. Mit einem Kind aber war es schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Man hat mich damals überredet weiterzumachen. Am Ende war ich dann einfach nur noch müde. Eine Medaille habe ich mir nicht mehr zugetraut - mit viel Glück ist es Bronze geworden.

Es gab in dieser Zeit Meldungen über eine Stoffwechselkrankheit bei Ihnen…

Ich war permanent krank, habe irgendwann keine Kohlenhydrate mehr vertragen. Aber das ist längst weg, war wohl eine psychische Sache. Wie gesagt: Leistungssport ist ständige Anspannung. Man wird süchtig nach Adrenalin - aber es schlaucht auch ungemein.

Keine Sehnsucht mehr nach der Planche?

Ich habe mein zweites Kind bekommen und hatte erst mal genug zu tun. Leider ist dann meine Ehe ziemlich schnell in die Brüche gegangen: Ich hatte mir einen Partner gesucht, der zwar mit dem Sport leben konnte und mit den Belastungen, die sich daraus ergeben. Aber nach meinem Karriereende hat es nicht mehr gepasst.

Sie führten in Wien einen eigenen Trachtenladen. Was machen Sie heute?

Ich nehme mir viel Zeit für meine Kinder, besonders für den Kleinen. Und seit einem Jahr trainiere ich auch wieder eine Jugendmannschaft. Fechten ist mein Leben. Und ich möchte die Erfahrungen weitergeben.

Haben die Kinder Ihr Talent geerbt?

Der große ist 16 und hat das Fechten leider aufgegeben. Er war zwar talentiert, aber irgendwann wurde es ihm zu viel, weil er von den Trainern immer besonders beobachtet wurde. Jetzt spielt er lieber Basketball.

Noch ein Wort zu Olympia: Hätten Sie sich für einen Boykott der Spiele ausgesprochen?

Die Spiele sind ein einmaliges Erlebnis für die Sportler, sie haben sich jahrelang darauf vorbereitet. Ich finde, da hat Politik nichts verloren. Im Vorfeld hätte man sich Gedanken machen sollen um Menschenrechte und Pressefreiheit. Aber jetzt sind die Spiele dorthin vergeben, und jetzt sollte man den Blick auf die Sportler richten.

Interview: Matthias Thiele / print
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